Rauchverbot in Bayern: Torpedo ohne Rücktritt

Rauchen, Nichtrauchen, Rauchen: Von der Schweinfurter Kneipe "Galerie 7" aus sollte das Rauchverbot entschärft werden. Es kam anders.

Wo die Welt für rauchende Bayern noch in Ordnung ist: das Oktoberfest. Bild: dpa

Ein Tag so, anderer Tag so, dritter Tag wieder anders. "Das Beschissene im Leben einer Freiberuflerin", sagt Angelika Pietrowski, "sind die ganzen Unbekannten."

Man kann der Wirtin die Worte nicht verübeln. Rund um ihre Kneipe geschieht in letzter Zeit ziemlich Überraschendes, weshalb es bestimmt gut ist, dass sie - nun wieder überraschend für den Reporter - zum Wanderurlaub in der Fränkischen Schweiz aufgebrochen und deshalb nur über das grüne Wandtelefon hinterm Tresen zugeschaltet ist.

Die Stellung hält Sandra Jungwirth, 26, die gerade erklärt hat, dass das Kneipenrauchverbot Humbug sei, dann einem weiblichen Gast den Mitgliedsantrag für den Raucherclub ausgehändigt hat und jetzt - Überraschung Nummer zwei - erklärt, wie verantwortungslos es sei, in Gegenwart von Kindern zu rauchen. Und dass Passivrauchen gefährlicher sei als aktiv.

Der Schauplatz: Die "Galerie 7" liegt in der Schweinfurter Ernst-Sachs-Straße, benannt nach dem Erfinder der Torpedo-Freilaufnabe mit Rücktrittbremse. Es geht vorbei am Werk 2 der Kugellagerfirma SKF auf der rechten Seite, links das Werk Nord des Autozulieferers ZF/Sachs, am Fenster der Kantine vorbei, in der man einen Wirtschaftswunderfilm drehen könnte, ohne einen Salzstreuer zu verrücken.

Dann kommt noch die Polsterei Langguth und da steht schon das kleine grüne Haus mit der gestreiften 7 an der Tür. Drinnen ist es schummrig, es läuft Supertramp, die Karte bietet unter anderem Rauchbier, Salamibaguette "Franz Josef" sowie einen Cocktail "Tote Tante".

Hier hat sich Angelika Pietrowski die Mail ausgedacht, mit der alles anfing. 2007 plant Bayern ein Rauchverbot wie die anderen Bundesländer: Verbot in allen Gaststätten, Qualmen nur in Nebenräumen. Ist doch ungerecht, denkt sich die 62 Jahre alte Wirtin, ich hab nur einen Raum. Sie schreibt an Hans Gerhard Stockinger, CSU-Landtagsabgeordneter in Schweinfurt.

Stockinger macht zur Sicherheit eine Recherchetour durch Frankens Kleingastronomie und verfasst dann einen Änderungsantrag: Einraumkneipen sollen verschont bleiben. Im November reden sie sich in der CSU-Fraktion die Köpfe heiß. Auf einmal saust das Galerie-Sieben-Argument zurück, praktisch Torpedo-Freilauf ohne Rücktrittsbremse: Ja, wenn's bittschön so ungerecht ist, dann verbieten wir halt überall! Der Fraktionschef ist neu. Er muss Stärke zeigen. "S'hat sich ausgeraucht", sagt Pietrowski.

Aber die Wirtin ist nicht doof. Das Gesetz hat eine Lücke: geschlossene Gesellschaften. Am 27. Dezember gründet sie einen Raucherclub. In den Wochen danach quillt die Galerie 7 über, für schöne Live-Blues-Abende gar kein Platz mehr. Die Gäste qualmen, sie schimpfen über die CSU. Den Stockinger lassen sie hochleben. So muss es sein, wenn die Partei funktioniert.

Nach und nach spricht es sich rum in Schweinfurt, dass die Galerie so sauvoll ist. Die Leute bleiben fort. "Da machst was mit", sagt Pietrowksi. Sie bestellt die Bluesband wieder. Inzwischen hat in Karlsruhe das Bundesverfassungsgericht das Ungerechtigkeits-Argument bestätigt.

Alle Länder müssen ihre Gesetze ändern, nur Bayern nicht. "Insofern war die Schweinfurter Aktion ein Erfolg", sagt Stockinger mittelernst. Damit kann in Bayern alles so bleiben und es wäre Ruh. Außer: die FDP kommt Sonntag mit ran und schnürt das Verbot auf. Dann verlöre Angelika Pietrowski ihren kleinen Vorteil. Sie wählt CSU.

Sandra Jungwirth trägt ein Weißbier an einen Tisch, an dem vier Sachs-Arbeiter hocken, einer raucht, drei nicht. Einer der Nichtraucher sagt: "Die einen rauchen, die anderen nicht. Alles wie immer"

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