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Das Berliner Rapduo 6euroneunzig macht „Fotzenrap“: laut, sexpositiv, empowernd. Von Feministinnen erhalten sie Zustimmung – von Männern oft Hass

Quatsch machen und Spaß haben: Nina & Kat von 6neunzigcent Foto: Ben Otto Hoffmann

Aus Berlin Lilly Schröder

Nina liegt in Unterhose im Bett in Bangkok und trinkt Bier. Kat sitzt in einer weißen Küche in Portugal und fährt sich eine Schale Nudeln mit Pesto rein. „Eine Fotze ist eine geile Schlampe, die sich selbst liebt“, schmatzt sie und grinst in die Kamera. Sie muss es wissen: „Fotzen an die Macht“ lautet der Titel des Albums, das die Freundinnen im Februar veröffentlichen.

6euroneunzig nennt sich das Rapduo bestehend aus Nina Antonia Gessler und Katharina Hoffmeister (Nina & Kat). Das Genre: „Fotzenrap“ – also Rap, Techno-Trash, New Wave und elektronische Musik, gepaart mit weiblicher Selbstermächtigung. „Fotzenrap ist Musik, die Spaß macht, empowernd ist, kein Blatt vor den Mund nimmt, auf die Fresse und sexpositiv ist“, sagt Nina Gessler im Videogespräch mit der taz. Für Hoffmeister geht es darum, sich musikalisch Raum zurückzuerobern und das Patriarchat anzugreifen. Fotzenrap sei immer politisch. Das Ziel: „Männern aufs Maul geben“.

Und das zieht: 6euroneunzig zählt inzwischen über 80.000 Follower auf Instagram und mehr als 2,5 Millionen Streams bei Spotify. Im vergangenen Sommer spielten die beiden 26-Jährigen fast jede Woche auf Festivals, etwa der Fusion oder beim „Rave against the Zaun“ im Görli. Anfang Februar erscheint ihr Debütalbum „Fotzen an die Macht“. Ab März gehen die Wahlberlinerinnen auf gleichnamige Tour.

Fotze gilt längst nicht mehr als misogynes Schimpfwort. Flinta* (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans- und agender Personen) haben sich den Begriff angeeignet, als Ausdruck von Gemeinschaft und Selbstermächtigung. Zu verdanken ist das Fotzen-Revival der „größten Fotze der Stadt“: Mama Ikkimel. Erst mit dem Erfolg der Rapperin aus Tempelhof erreichte das Genre den Mainstream.

Solidarität in der Fotzenrap-Gang

Neu ist es nicht. Schon vor knapp zehn Jahren ging das ehemalige Rapduo SXTN mit ihren „Fotzen in’ Club“, Shirin David prägte das passende Adjektiv: „fotzig“. Doch das Narrativ sei früher gewesen: Es kann immer nur eine Fotzenrapperin geben, so 6euroneunzig. Heute sind sie nur zwei von vielen Fotzenrapperinnen. „Wir werden häufig nach Konkurrenz gefragt, aber wir wollen uns nicht vergleichen“, sagt Hoffmeister. „Wir supporten uns in der Fotzenrap-Gang, es herrscht ein solidarisches Grundgefühl.“ Dass Flinta* in der Musikszene größer werden, sei lange überfällig gewesen.

Noch immer ist Rap männlich dominiert. In einem Branchenvergleich von 2022 waren nur rund 13 Prozent der Hip-Hop-Titel von Frauen, während im Pop-Genre etwa ein Drittel von Künstlerinnen stammte. Auch Gessler berichtet: „In meiner Jugend habe ich viel frauenfeindlichen Rap gehört. Damals konnte ich das nicht einordnen, das war einfach normal. Niemand in meinem Umfeld hat das kritisiert.“ Erst später habe sie gemerkt, dass die Musik nicht mit ihren Werten übereinstimmt. Statt Celo & Abdi oder 187 Straßenbande, hörte sie zunehmend SXTN. 2017 waren Hoffmeister und Gessler unabhängig voneinander auf deren Tour. Heute treten sie in deren Fußstapfen.

6euroneunzigs Debütalbum handelt nicht nur von Sex, Partys, geilen Bitches und sexistischen Mackern, sondern ist auch eine scharfe Kapitalismus- und Gesellschaftskritik. „In fünfzig Jahr‘n sagt man wieder „Niemand hat‘s gewusst“ / Sie wollten nur, dass keiner unser schönes Land beschmutzt“, heißt es etwa in „Halz Maul“. Oder: „Fi-fi-fick Axel Springer, fick Söder, fick Lindner / Fick auf alle Opfer, die die Scheiße nicht verhindern“. Vor der CDU-Parteizentrale veröffentlichen sie Videos, in denen sie „Eat the Rich“ singen und kommentieren: „Die CDU macht Politik für die Oberschicht und gibt ‚nen Scheiß auf soziale Gerechtigkeit.“

„Wir wollen in unseren Texten Missstände benennen, um darauf aufmerksam zu machen“, erklärt Hoffmeister. Ausgangspunkt seien dabei die eigenen Erfahrungen als weiße, deutsche Frauen. In ihren Songs thematisieren sie auch Sexismus, sexualisierte Gewalt, Konsumverhalten, weibliche Selbstbestimmung und die Ablehnung gängiger Schönheits- und Geschlechterideale. „Sich selbst zu akzeptieren und auf die Schönheitsindustrie zu scheißen, ist das Antikapitalistischste, was man als Frau in dieser Gesellschaft machen kann“, sagt Hoffmeister. Ihr Lied „Tittentraining“ lässt sich als Pendant zu Shirins Davids „Bauch Beine Po“ lesen, das ein normiertes Schönheitsideal reproduziert. Im Gegenentwurf von 6euroneunzig heißt es: „Was für Bauch, Beine, Po? Ich trainiere meine Titten / Steck dir dein‘n Kommi sonstwo hin und geh dich selber ficken / Ich fress‘ Döner, Burger, Fritten und rasier‘ mir nicht die Lippen“.

Hasskommentare in den sozialen Medien

Ich hasse keine Männer, ich hasse nur was Menners machen.

Aus einem der neuen Songs

Sie habe schon lange Musik machen wollen, erzählt Hoffmeister. „Ich dachte mir immer: Rappen ist eine extrem geile Art, um Wut zu kanalisieren.“ Die männlich dominierte Szene habe sie jedoch abgeschreckt. Lange rappte Hoffmeister nur zu Hause auf Youtube-Beats. Erst als Nina Gessler in ihre WG zog, nahmen die beiden die Musik ernst. Kennengelernt hatten sie sich ein halbes Jahr zuvor beim Vorsprechen für die Konrad-Wolf-Schauspielschule in Potsdam – wo sie in der dritten Runde rausflogen.

2023 nahmen die Freundinnen erste Tracks auf, richteten sich Instagram- und Tiktok-Profile ein und gaben sich einen Namen: 6euroneunzig – benannt nach dem Happy-Hour-Preis der Cocktails in der Bar, in der die Idee entstand. „Unsere ersten Videos kamen bei Instagram nach kurzer Zeit auf über 100.000 Aufrufe“, erzählt Hoffmeister. Der Grund: Hass. Rund 80 Prozent der Kommentare seien am Anfang Hate gewesen, zu 99 Prozent von Männern. Sie seien als „Huren“ und „Nutten“ beschimpft worden, hätten Kommentare erhalten wie: „Der Name ist Programm, die kriegt man für den Preis für das ganze Wochenende“ oder „So eine will ich eh nicht.“

Ihr Umgang: Den Hass umdrehen. In „No Rizz No Fun“ singen sie etwa: „Wir sind die Geilsten, geiler als die meisten / Eh-eh, nicht anfassen, diese Bitches beißen / 6euroneunzig, das kannst du dir nicht leisten“. Das Motto: „Hate is the new love.“ In einem noch unveröffentlichten Song des neuen Albums heißt es etwa: „Ich hasse keine Männer, ich hasse nur was Menners machen.“ Gessler erklärt: Nicht Männer seien das Problem, sondern ihre Sozialisierung.

„Ich beobachte, dass der Frauenhasstrend stark zunimmt“, sagt Hoffmeister. Frauen in der Öffentlichkeit würden in sozialen Netzwerken fast ausnahmslos mit Hass konfrontiert. Sie vermutet dahinter verletzte männliche Egos, die Frauen abwerten, um sich aufzuwerten. „Unsere progressive Art ist so weit von traditionellen Rollenbildern entfernt, dass sie viele Männer irritiert“, sagt sie.

Nina & Kat in Action: Quatsch machen und Spaß haben gehört auch zum „Fotzenrap“ von 6neunzigcent Foto: Ben Otto Hoffmann

Doch nicht nur Unverständnis, sondern vor allem Angst würden diese Reaktionen hervorrufen: Angst, dass sie die Jugend versauen würden, dass alle Frauen so werden könnten wie sie, und die Angst, dass sie eine Bedrohung für die eigene Machtposition darstellen. Unverständlich sei für sie dennoch, „wie Achselhaare für Menschen so schlimm sein können, dass sie uns den Tod wünschen“.

Frauen, die über Sex rappen und das Patriarchat anprangern, gelten per se als provokant – so auch 6euroneunzig. „Es geht uns aber nicht in erster Linie darum, zu provozieren“, so das Duo. „Die Texte sind nicht gewollt provokant. Sie sind überspitzt.“ Im Rap müsse nicht alles der Realität entsprechen. „Es geht darum, dass wir es können, wenn wir wollen.“ So heißt es auch in einem Track: „Wenn ich will, nehm‘ ich zwei Typen mit heute Nacht / Wenn ich will, zeig‘ ich meine Titten der ganzen Stadt“. Das Ziel: „Uns als Frauen die Scham wegzurappen.“

Am 2. und 3. Mai 2026 tritt 6euroneunzig im SO36 in Berlin auf.

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