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Queeres Leben in BerlinViel Regenbogen, wenig queerer Kiez

Der U-Bahnhof Nollendorfplatz soll nun den Zusatz „Regenbogenkiez“ bekommen. Doch das Viertel wirkt eher wie eine vergangene Legende.

Liebe ist alles: das Café Romeo und Romeo im Regenbogenkiez Foto: Max Moorfeld

Aus Berlin

Beritan Dik

Auf dem Nollendorfplatz in Schöneberg fällt sie einem am Tag nicht sofort ins Auge, doch am Abend erleuchtet die Kuppel des U-Bahnhofs den Platz mit Regenbogenfarben. Zumindest beschreibt das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg die Kuppel auf seiner Website so, denn ich habe die Kuppel bisher nur an einem verschneiten eiskalten Wintertag gesehen, umgeben von einer großen Baustelle.

Doch auch der restliche Teil Schönebergs ist mit Regenbogenfahnen geschmückt und von Gaybars, Fetischläden oder queerfreundlichen Buchhandlungen gekennzeichnet. Damit bilde Schöneberg einen Ort für Vielfalt und Toleranz, heißt es auf der Website weiter, und auf diversen anderen Seiten wird Schöneberg als Hochburg der queeren Community Berlins bezeichnet.

Bereits im 20. Jahrhundert war die Homosexuellenszene hier präsent, doch dies nahm mit dem Beginn des NS-Regimes ein jähes Ende. Die Nazis schlossen die Lokale und verfolgten, ermordeten und deportierten Schwule und Lesben in KZs. Nach dem Weltkrieg entstand im Kiez wieder queeres Leben, weshalb Schöneberg seither auch als Regenbogenkiez bekannt ist.

Deshalb soll der U-Bahnhof Nollendorfplatz nun das Zusatzschild „Regenbogenkiez“ bekommen. Vorausgegangen war dem ein Antrag der CDU-Fraktion Tempelhof-Schöneberg. Der Namenszusatz „Regenbogenkiez“ sei ein wichtiges politisches Signal für Vielfalt, Akzeptanz und Stolz auf die queere Tradition des Viertels und gegen Hass und Gewalt, sagt der queerpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Klaus Hackenschmied.

Das Metropol am Nollendorfplatz, ein bekanntes Haus im Regenbogenkiez, vom U-Bahnhof aus gesehen Foto: Max Moorfeld

Ein schwuler Hotspot

Gemeinsam mit einem taz-Praktikanten, der fotografiert, mache ich mich auf den Weg, um den Kiez und sein queeres Leben zu erkunden. Vorher frage ich aber meinen Freund Melih Özdemir, ob er dort selbst gerne ausgehe. Per Whatsapp-Nachricht teilt er mir mit, dass es ein guter schwuler Hotspot sei, aber eben ein schwuler und kein queerer.

Am Nollendorfplatz angekommen, blicken wir auf eine Bushaltestelle in Regenbogenfarben und weiter rechts davon auf eine regenbogenfarbene Säule. Wir gehen in Richtung Winterfeldplatz, wo mittwochs ein Wochenmarkt stattfindet. Doch diesen Mittwoch haben wir Minusgerade, von einer regenbogenfarbenen Bank aus sehen wir nur fünf Essenswagen.

Wir gehen weiter und sehen queerfreundliche Bars, Bücher- und Fetischläden. Wie von meinem Freund beschrieben, sehe ich keine Repräsentation für lesbische Liebe. Auf der Motzstraße sprechen wir mit Domenik Leutloff, einem Mitarbeiter des Cafés Romeo und Romeo. „Wir brauchen kein Zusatzschild, denn der Kiez ist tot“, behauptet er und erzählt, wie immer mehr Bars und Läden schließen müssten. Dies läge an der Gentrifizierung, an steigenden Mieten und Kosten.

Der Regenbogenkiez wirkt für mich als Nichtberlinerin wie eine Legende, mehr Schein als Sein, viel Regenbogen, doch wenig Substanz, und der Namenszusatz ist womöglich nur eine politische Werbestrategie. Der Namenszusatz sei „viel mehr Ausdruck von Stolz auf eine reiche, mutige queere Geschichte“, sagt Alfonso Pantisano, der Queerbeauftragte des Senats. Zugleich sei der Zusatz auch Mahnung: „Queere Schutzräume und queeres Leben müssen geschützt werden, gerade weil sie heute wieder so bedroht sind wie schon lange nicht mehr.“

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