Psychologe über Wahl in Österreich

„Als ob man fliegen könnte“

Sozialpsychologe Klaus Ottomeyer über den Kuschelfaktor bei Norbert Hofer, die Euphorie der Neurechten und ihren Hass auf die böse Staats-„Mutti“.

Strache und Hofer

FPÖ-Vorsitzender HC „Sexgott“ Strache und FPÖ-Präsidentschafts-Kandidat Norbert „Kuschel“ Hofer Foto: dpa

taz: Herr Ottomeyer, am Sonntag wählt Österreich einen neuen Bundespräsidenten. Wenn Sie den Kandidaten der FPÖ, Norbert Hofer, beschreiben sollten für jemandem, der den langen Wahlkampf nicht verfolgt hat – was ist das für ein Mensch?

Klaus Ottomeyer: Wenn er in der Rolle des Staatsmanns im Fernsehen auftritt, dann wirkt er ausgesprochen ruhig und freundlich, fast erstarrt, mit einer lächelnden Maske. Ich glaube, dass er damit auf viele Leute in einer Welt, die sich immer schneller dreht, wirkt wie ein Ruhepol: Jemand, auf den man sich verlassen kann, der ‚authentisch‘ ist in seiner Ruhe. Er hat aber noch eine andere Teilpersönlichkeit, die er im offiziellen Gespräch vor der Kamera nicht zeigt. Ein Teil, der schwärmt für die deutsche Nation. Er ist ja Mitglied in einer Verbindung, die das Wort Germania im Namen führt. Als Burschenschaftler vertritt er auch ein bestimmtes Bild von Männlichkeit.

Das zeigt er aber dann eher im Privaten?

Er ist auch Mitherausgeber eines Buches, in dem ganz offen rechtsextreme Gedanken ausgebreitet werden, dass die Frauen eher dem Brutpflegetrieb folgen sollen etwa; und es gibt aggressive Äußerungen von ihm gegen Muslime, aber da dementiert er sich dann ständig selber.

Ist das das Erfolgsgeheimnis sogenannter populistischer Politiker?

Ja: Die Politik des folgenlosen Dementis. Wenn man Hofer mit seinen problematischen Äußerungen konfrontiert, übergeht er das einfach.

Geb. 1949, war bis zu seiner Pensionierung Professor für Sozialpsychologie an der Universität Klagenfurt und arbeitet als Psychotherapeut. Er ist Vorstand des Vereins Apsis, der sich der psychologischen Behandlung von Flüchtlingen widmet. Von Klaus Ottomeyer ist zuletzt erschienen „Ökonomische Zwänge und menschliche Beziehungen“ (2014), LIT Verlag.

Bei Ihren früheren Analysen zu den FPÖ-Politikern Jörg Haider und Heinz-Christian Strache hatten Sie eine gewisse Sexualisierung der Politik festgestellt. Liefert Hofer da auch?

Er strahlt eher was Kuscheliges aus, wie eine Puppe mit großen Augen. Weil er durch einen Paragleiterunfall eine Behinderung hat, gibt es vielleicht Leute, die diesen großen Jungen in den Arme nehmen wollen. Charmant würde ich ihn nicht nennen, weil er so unbewegt ist. Er sieht nett aus, das muss man schon sagen, er ist ja auch noch nicht so alt wie sein Konkurrent Alexander Van der Bellen.

Führende österreichische und deutsche Neo-Nationalisten gehören der selben Generation an: Hofer ist Jahrgang 1971, Frauke Petry 1975, der AfD-Fraktionsvorsitzende im Thüringer Landtag Björn Höcke 1972, Beatrix von Storch 1971, AfD-Ideologe Marc Jongen 1968, Heinz-Christian „HC“ Strache 1969. Ist das ein Zufall?

Das sind die Kinder der 68er – ob die Eltern nun selber welche waren oder ob sie eher passiv geprägt worden sind durch das Aufbrechen alter patriarchaler Familienstrukturen durch die sexuelle Revolution. Die Idee, das man sich emanzipieren, dass man sich trennen kann von einem Partner, dass Sexualität schön sein und befreit gelebt, aber auch von der Sexindustrie vereinnahmt werden kann – davon ist diese Generation besonders bewegt und auch beunruhigt worden. Ich glaube, dass diese jüngeren Neurechten sich alle eine Stabilisierung wünschen. Es taucht in den Programmen und Gedanken immer auf die Rückkehr zu stabilen Familien und ein „Ende des Genderwahnsinns“ auf. Frau Petry und Herr Strache und auch Herr Hofer sind dabei aber alle ein- bis zweimal geschieden, sie leben real in Patchworkfamilien.

Wenn ich mich mal als Hobbyfreudianer betätigen darf: Das Über-ich gibt Aufträge, die das Ich und das Es schon längst nicht mehr erfüllen können?

So würde ich das auch sagen. Sie wollen Stabilität, sie wollen die Erosion der patriarchalen Rollen und Normen rückgängig machen. Das funktioniert aber nicht; und wenn sie merken, dass diese biedermeierliche Welt sich nicht mal im Eigenen, im Privaten wiederherstellten lässt, dann braucht man äußere Schuldige. Das sind dann die Einwanderer. Der zerstörerische Teil der eigenen Sexualität wird auf die Flüchtlinge projiziert, ob das die angeblich vergewaltigenden Mexikaner in den USA sind oder die jungen, alleinreisenden Männer hier, obwohl die Statistik das schlicht nicht hergibt.

Wenn man bei Thilo Sarrazin das Neurechte noch eher im Status der Depression verorten konnte – ein älterer, wenig viril erscheinender Mann, der unlesbare Bücher schreibt und halt so vor sich hinmosert –, dann muss man heute doch einen Status der Euphorie, des Aufbruchs, der aggressiven Begeisterung diagnostizieren und der entsprechend intensiven Wahrnehmung in Gesellschaft und Politik. Wie sollen wir damit umgehen?

Ich denke, es geht ganz stark um den Wunsch nach Anerkennung, den viele Menschen haben, der aber in ihrem Alltag auf der Strecke bleibt. Die Neurechten bekommen sie aber jetzt, das macht die Euphorie aus. Das ist ein wenig vergleichbar mit der Aufbruchstimmung in der 68er-Bewegung, wo auf einmal auch viel mediale Aufmerksamkeit war. Zur Euphorie trägt bei, dass sich das moralische Korsett gelockert hat. Man darf auf einmal Dinge sagen und teilweise auch tun, die früher dem Über-Ich zum Opfer gefallen wären.

Enthemmung.

Eben die macht euphorisch. Die Aggression und den Wunsch andere Menschen zu erniedrigen, den wir wahrscheinlich alle in uns haben, braucht man auf einmal nicht mehr zu unterdrücken, der Rucksack des Über-Ich ist abgeworfen, man fühlt sich frei als ob man fliegen könnte. Da kommen andere dazu, die sind auch in dieser Stimmung, das steckt an. Das ist ein schönes Gefühl, gewiss.

Was tut man jetzt mit diesen aggressiven und gefährlichen Euphorikern? Wie können sie ihr Hochgefühl ausleben ohne andere Menschen zu gefährden?

Es ist ja so, dass auf dieses Hochgefühl eine Bauchlandung folgt, früher oder später. Beim Brexit gab es erst Begeisterung, dann Ernüchterung. Oder in Kärnten, wo man mit dem attraktiven jungen Landeshauptmann Jörg Haider schwebte, der dann nichts anders hinterlassen hat als einen Schuldenberg von 14 Milliarden Euro! Irgendwann – und das kann lange dauern -, setzt die Schwerkraft der Realität ein. Das ist wie mit Manie und Depression. Bei manischen Patienten kann man eigentlich nur ein bisschen warnen, ein wenig Bodenhaftung vermitteln oder ihnen eben empfehlen, zum Psychiater zu gehen und sich ein paar Medikamente verschreiben zu lassen.

Das macht jetzt nicht so viel Hoffnung – weder für Sonntag noch für die kommenden Jahre.

Es ist therapeutisch ziemlich schwierig. Sprechen wir mal von den allgegenwärtigen Ängsten, die man, wie immr gefordert wird, ernstnehmen soll – ja aber welche eigentlich? Das Ich entwickelt nach Freud drei verschieden Arten von Ängsten. Es gibt die Realangst, in Bezug auf die Realitätsprüfung: Ist die Ampel rot oder grün, man muss berechnen, ob man das noch schafft mit der Straßenüberquerung. Wenn wir diese Angst nicht hätten, würden wir alle nicht lange überleben. Dann gibt es die Angst vor dem eigenen Gewissen, die uns drückt und die manche gerne loswerden würden. Menschen wie Frau Merkel, die im Zentrum des Hasses steht, haben ein relativ stabiles Über-Ich, mit dem sie auch im Reinen sein wollen. Solche Menschen, die die Gewissensverpflichtung repräsentieren, werden dann gern attackiert und ausgelacht, als Vertreter des Gutmenschentums oder der Political Correctness, hahaha. So kann man die Angst vor dem eigenen Gewissen wieder loswerden, dann macht es uns nicht so eine Angst, und daraus entsteht dann wiederum Entlastung und die genannte Euphorie. Aber die Angst bleibt – wie das Gewissen.

Und die dritte Angst?

Das ist die vor den eigenen Triebregungen: vor der oralen Gier, vor der Verschmutzung und vor der Sexualität. Die Migranten stehen auch für unsere Angst vor diesen Dingen. Die Flüchtlinge werden phantasiert als kleine Kinder, die versorgt werden wollen, die nicht arbeiten wollen, die gierig sind. Sie stehen für die verdrängten Wünsche, für Säuglingsphantasien. Die Flüchtlinge werden phantasiert wie nach uns gekommene Geschwister, denen plötzlich alles auf dem goldenen Teller serviert wird und zwar von der neoliberalen Staats-„Mutti“, die uns, ihre älteren Kinder, im Stich gelassen hat. Der Höhepunkt ist dann, wenn sich Frau Merkel mit den Neuankömmlingen fotografieren lässt, während wir das Gefühl haben, wir werden schon lange nicht mehr versorgt und bekommen zu wenig für unsere harte Arbeit.

Aber es geht doch vielen Menschen tatsächlich schlechter als früher.

Das stimmt schon – und doch geht es uns noch ganz gut, gerade im Vergleich zu den Flüchtlingen. Der Sozialstaat in Österreich ist eine Realität, in Deutschland sinkt die Arbeitslosigkeit und auch in den USA ist sie nicht so hoch wie von Trump propagiert. Hier überwältigt die neurotische Angst die Realitätsprüfung. Diese Ängste müsste man unterscheiden, aber das macht keiner: Und so bleibt der diffuse Angstknäuel, mit dem wir uns derzeit so schwer tun. Und das Interessante daran ist, dass die Realangst und der Realismus dabei auf der Strecke bleiben. Deswegen leugnen alle Neorechten den Klimawandel. Man darf nicht schadenfroh werden – aber auch hier ist die Bauchlandung unvermeidlich.

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