Prostitution: "Die Frauen werden bestraft und zahlen"

In Hamburg sollen Bußgelder für Freier Straßenprostitution verhindern - und damit die Anwohner befrieden. Kritiker fürchten nun eine Verdrängung der Prostiuierten. Ein Streitgespräch

Beide vertraut mit St. Georg, aber uneins, wie dort mit Straßenprostitution umzugehen ist: Helmut Voigtland und Emilija Mitrovic. Bild: Miguel Ferraz

taz: Warum ist die Diskussion über das Kontaktverbot für Freier auf St. Georg so emotional?

Emilija Mitrovic: Weil Prostitution immer noch ein Tabuthema ist und Menschen sich sehr schwer sachlich dazu positionieren können. Es ist immer die Frage: Bist du dafür oder dagegen? Ich finde, die Frage ist eher: Begreift man Prostitution als Arbeit und garantiert den Frauen und Männern, die hier auf der Straße in St. Georg als SexarbeiterInnen anschaffen, gewisse Menschen- und Arbeitsrechte?

Also eine eher abstrakte Frage.

Mitrovic: Es ist Arbeit, es ist kein Vergnügen für die Frauen. Ob es eine Arbeit ist, die wünschenswert ist, die sehr würdig ist, das ist nicht die Frage.

Helmut Voigtland: Ich bin seit 1978 hier im Stadtteil und ich kann mich daran erinnern, dass sie auf jeder Versammlung des Bürgervereins ein Thema war. Es wurde mit wechselnden Schwerpunkten darüber diskutiert, wie man sie eindämmen könnte. Ich denke, dass man sich heute gesellschaftlich daran gewöhnt hat, dass es Prostitution gibt. Wir wenden uns nur gegen die Straßenprostitution in St. Georg. Prostitution ist hier seit 1980 durch die Sperrgebietsverordnung eingeschränkt, aber bislang wurde diese Verordnung nicht mit Leben erfüllt, weil sie polizeilich nicht kontrollierbar war.

Mitrovic: Wir halten die Sperrgebietsverordnung für lebensfern, weil in den Vierteln hinter den Bahnhöfen traditionell Prostitution stattfindet. Aber es stimmt, was Sie sagen: Es geht der Behörde nicht darum, insgesamt gegen Prostitution vorzugehen. Wir haben einige Edelbordelle in der Gegend, die sehr teuer sind. Wen es trifft, sind die armen Frauen. Es sind nicht nur osteuropäische Frauen, sondern auch deutsche, die zum Teil schon sehr alt sind, die hier anschaffen, zum Teil mit Stammfreiern.

Voigtland: Das ist auch wieder ein schiefes Bild. Wenn ich einen Stammfreier habe, muss ich mich nicht auf die Straße stellen. Und es ist nur eine Eingrenzung für St. Georg, niemand hindert die Prostituierte daran, in Hohenfelde zu stehen.

Mitrovic: Sobald die Frauen dort stünden, würde sich da auch Widerstand ergeben. Das Perverse der Sperrgebietsverordnungen ist doch, dass sie immer da hin gesetzt werden, wo Prostitution bereits stattfindet.

58, Sozialwissenschaftlerin, initiierte das Netzwerk "Ratschlag Prostitution" der Gewerkschaft Ver.di in Hamburg. Sie lebt seit 1984 in St. Georg.

Voigtland: Auf St. Pauli können sie ohne weiteres stehen.

Mitrovic: Von abends acht bis morgens um sieben - das ist doch auch keine besonders würdige Situation für die Frauen. Wenn man ins St. Pauli-Theater geht, sieht man, wie abends um acht oben die Zuhälter stehen und die Frauen aufmarschieren.

Voigtland: Ich finde, dass Straßenprostitution nie etwas Würdiges ist. Aber wir kommen hier ja zum Knackpunkt. Die Politiker und auch die Bürger des Stadtteils haben immer gesagt: Wir wollen den Wohnstandort St. Georg stärken. Wenn ich im Stadtteil wohne und neben mir stehen eins, zwei, drei, vier Prostituierte ständig auf der Straße, kann das zu Problemen führen.

Welchen genau?

66, Anwalt, ist 1. Vorsitzender des Bürgervereins St. Georg. Er arbeitet seit 1984 im Stadtteil, in den 70ern hat er hier auch gelebt.

Voigtland: Die Menschen hier erzählen mir, dass die Frauen belästigt werden, dass die Männer und Kinder ab einem gewissen Alter angesprochen werden.

Sollte jemand, der nach St. Georg zieht, nicht wissen, worauf er sich dort einstellen muss?

Voigtland: Das würde bedeuten, dass man auf Dauer festschreibt, wie ein Stadtteil ist, aber der lebt, verändert sich. St. Georg war 1978 im Absterben begriffen, bedingt durch die Spekulation um die Wohnungsbaugesellschaft Neue Heimat, die St. Georg platt machen wollte. Später problematisch durch die Prostitution und die Drogenszene. Mittlerweile haben viele Menschen entdeckt, dass St. Georg zentral an der Alster liegt. Deshalb wollen mittlerweile viele hierher ziehen - was dazu führt, dass wir zum ersten Mal seit langer Zeit viele Kinderwagen in den Straßen haben. Das beißt sich schon mit offener Prostitution.

Mitrovic: Ich lebe seit 25 Jahren hier, habe damals schon die Alster entdeckt. Natürlich hat sich viel verändert - es wird ja auch beklagt, dass die Fleischer und Fischläden verschwinden, stattdessen haben wir jede Menge Friseure und Cafés. Ich bin nicht eine derjenigen, die sich immer in Nostalgie nach hinten wendet. Es ist durchmischter worden. Aber die Szene ist inzwischen so etabliert, dass es deutlich schicker und teurer geworden ist. Die Prostitution war früher bis zur Langen Reihe ausgedehnt...

Der Hamburger Stadtteil direkt am Hauptbahnhof ist seit 1980 Sperrbezirk, Straßenprostitution ist dort verboten.

Zwischen 200 und 300 Straßenprostituierte arbeiten nach Polizeischätzungen dennoch dort. Beratungsstellen gehen von höheren Zahlen aus.

Das Bußgeld hierfür ist 2011 auf 200 Euro erhöht worden, im Wiederholungsfall beträgt es 400 und dann 600 Euro.

Nach Anwohnerprotesten gilt seit Januar 2012 für St. Georg eine Kontaktverbotsverordnung. Freier, die dabei erwischt werden, wie sie eine Prostituierten ansprechen, müssen mit einer Geldstrafe von 5.000 Euro rechnen.

KritikerInnen befürchten dadurch eine Verdrängung der Frauen und eine Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen.

Voigtland: ... Wir hatten an der Langen Reihe den Babystrich, ich erinnere noch, dass in der Langen Reihe die Frauen im Fenster saßen...

Mitrovic: ... und jeder kannte die und das waren Nachbarn. Das war nicht nur negativ.

Voigtland: Aber auch das ist für das Erscheinungsbild einer Straße nicht toll, wenn das Prostituierte im Schaufenster sitzen. Aber jetzt geht es ja um aggressive Straßenprostitution, die zu massiven Beschwerden geführt hat. Ich sehe natürlich, dass viele neue Menschen hierher gezogen sind, die möglicherweise die Schwierigkeiten, die wir in den 1980er Jahren gehabt haben, gar nicht kennen: mit der Drogenszene und verelendeten Drogenabhängigen, die, wenn sie der Prostitution nachgingen, noch stärker geschädigt waren.

Was ist aus dieser Drogenszene geworden?

Voigtland: Natürlich haben wir noch Drogen hier, aber die Drogenabhängigen sind nicht mehr so sichtbar, weil sie jetzt am Rande des Stadtteils sind. Es war immer Konsens, dass die Drogenberatungsstellen im Stadtteil notwendig sind. Aber irgendwo kommt der Punkt, wo es sich beißt.

Der Begriff "beißen" ist jetzt schon mehrmals gefallen. Geht es eigentlich um die Frage, wer welches Recht auf die Straße hat?

Mitrovic: Im Moment würde ich sagen, dass nicht die Anwohner beißen, sondern ganz bestimmte Leute, die sich Wohnungen hier am Hansaplatz gekauft haben.

Voigtland: Das sind doch auch Anwohner.

Mitrovic: Das stimmt. Aber es hat etwas damit zu tun, dass man am Hansaplatz vor zehn Jahren sehr billig Wohnungen kaufen konnte. Diese Käufer sind jetzt etabliert und wollen, dass man am Hansaplatz ohne Störung durchkommt. Die Wohnungen waren aber nur deshalb so billig, weil es ein Platz war, wo Störungen auftauchten. Ich finde, dass es jetzt an der Hansaplatz-Initiative ist, ins Gespräch darüber zu kommen, wo was stattfinden kann. Wir vom Ratschlag Prostitution haben ein zwölf-sprachiges Info-Blatt für die Frauen gemacht. Darin stehen ihre Rechte, aber auch, dass es verboten ist, Männer auf der Straße anzufassen, dass Lärm eingeschränkt werden muss. Wir haben überlegt, dass man Workshops für die Prostituierten in ihrer Sprache machen könnte, damit ihnen klar wird, wie die Grundlage hier in St. Georg ist. Sie bekommen oft falsche Informationen, wenn sie sich aus Rumänien oder Bulgarien aufmachen.

Glauben Sie nicht an weitere weiche Schritte, Herr Voigtland?

Voigtland: Letzten Endes haben wir es umgedreht. Durch die Kontaktverbotsverordnung wird zum ersten Mal der Mann belangt und nicht die Frau, wenn es denn Erfolg hat. Man muss das Ganze ja auch relativieren. Ich hoffe, dass es Erfolg hat, aber jeder kann sich natürlich gegen ein Bußgeld wehren und sagen: Weis mir erst einmal nach, dass das ein Preis-Verhandlungsgespräch war. Aber vielleicht ist es für den ein oder anderen problematisch, wenn er den Bußgeldbescheid zu Hause liegen hat.

Mitrovic: Das hat man in Schweden ja auch gehofft - und da war es nicht erfolgreich. Was passiert, ist Verdrängung.

Es ist zu einer deutlichen Verringerung der Straßenprostitution gekommen. Finden die früheren Straßenprostituierten dann in Bordellen oder Privatwohnungen möglicherweise bessere Arbeitsbedingungen?

Mitrovic: Die Straßenprostitution ist nicht zwingend das unterste Ende. Es gibt viele Frauen, die sich bewusst dafür entscheiden, weil sie sagen: Da bin ich frei, ich verdiene gut, weil es viel Laufkundschaft gibt. Der Bezirksamtschef wollte die Prostituierten ins Industriegebiet schicken, aber wenn es in den Straßen überhaupt keine soziale Kontrolle mehr gibt, sind die Arbeitsbedingungen gefährlich.

Und wenn die Anwohner sagen: Wir wollen nicht, dass unser Wohngebiet euer Arbeitsplatz ist?

Mitrovic: Die Prostituierten waren zuerst da.

Voigtland: Anwohner waren schon immer da.

Mitrovic: Aber sie haben sich nicht beschwert.

Voigtland: Ich denke, die haben sich immer beschwert. Was wir nun haben, sind Menschen im Stadtteil, die hartnäckig in der Beschwerde sind und auch viermal bei der Polizei anrufen.

Mitrovic: Die Frage ist doch: Worüber beschwert man sich? Wenn bei mir in der Straße eine Schlägerei oder starke Lärmbelästigung ist, rufe ich auch die Polizei. Das ist aber nicht die Prostitution und auch keine notwendige Begleiterscheinung von ihr. Ich habe Interviews dazu gemacht, die Leute beschweren sich über pinkelnde Männer, die Bars, die grölende Männer angezogen haben. Ich würde der Politik immer anraten, Aufklärung zu versuchen. Und mit weichen Schritten und einem runden Tisch auf die Leute zuzugehen und zu sehen, in welchen Straßen Straßenprostitution verträglich ist und in welchen nicht.

Welche weichen Schritte wurden denn bereits versucht?

Voigtland: Die Information der Prostituierten, die Tatsache, dass Ragazza, die Beratungsstelle für drogenabhängige Prostituierte, seit 20 Jahren hier existiert.

Mitrovic: Aber es ist noch längst nicht alles getan, um ein verträgliches Zusammenleben aller hinzubekommen. Ich glaube zum Beispiel, dass die Robert Nhil-Straße durchaus für Straßenprostitution in Frage kommt.

Ist das Kontaktverbot mit all seinen praktischen Schwierigkeiten - Personalaufwand, Nachweisbarkeit - eigentlich ein rein symbolischer Schritt?

Mitrovic: Ja. Es ist der Versuch der Innensenators, Muskeln zu zeigen, und zugleich tut man so, als würde man feministischem Gedankengut folgen, indem man die Freier bestraft und nicht die Frauen. Dabei bekommen sie Bußgelder, die auf 200 Euro hochgesetzt wurden. Ich bin sicher, nach einem Jahr werden wir keine einzige Freierbestrafung haben. Aber die Frauen werden bestraft und zahlen.

Voigtland: Es ist eine gewisse Symbolpolitik. Aber einige Prostituierte haben ein Bußgeld bekommen und das hat eine gewissen Wirkung gehabt.

Mitrovic: Sie sind nach Baden-Württemberg gegangen und andere sind an ihrer Stelle gekommen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben