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Press-SchlagGeneralpardon, bitte!

■ Die Tour de France mundet mit dem Senf von Eurosports Peter Woydt

36 Stunden täglich werden die Öffentlich-Rechtlichen aus Atlanta berichten, und an stereotypem Geplapper wird es keinen Mangel geben. Deshalb kann gar nicht laut genug gepriesen werden ein Stern am sonst so finsteren Reporter-Himmel: Peter Woydt, Radsportexperte bei Eurosport, der während mehrstündiger Liveübertragungen von der Tour de France mitleidet, analysiert, kritisiert, lacht, kalauert und dessen Kommentare derart beharrlich zwischen grandiosen Schöpfungen und schierem Unfug pendeln, daß man gespannt auf den nächsten Satz dieses Meisters der geglückten und mißglückten Metapher wartet. An seiner Seite läuft selbst der co-kommentierende Rudi Altig zu brummelnder Hochform auf.

Mit der „Bitte um Generalpardon“ angesichts der schlechten Fernsehbilder eröffnet Peter Woydt eine von Unwettern heimgesuchte Etappe, um gleich mal hinzuzufügen: „Die Fahrer müssen wieder kräftig kneten.“ Wo die Ein-Tor-würde-dem-Spiel-guttun-Journalisten bis zum Erbrechen Hülsen wiederkäuen, macht der wortgewaltige Peter jedes verbummelte fünfstündige Dahinrollen zum Genuß: Hier „verteilen die Fahrer Schlafpulver“, oder ist gar einer „das Sandmännchen des Feldes“.

Gerne verwischt Woydt die Grenze zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Komik, und das läßt einen auf immer neue Blüten hoffen. „Bitte, bitte, bitte, bitte“, fleht er klagend die französischen Fernsehkollegen um eine Zeiteinblendung für den Telekom-Fahrer Udo Bölts an, um kurz darauf über eine von einem Geldinstitut gesponserte Mannschaft herauszuposaunen: „Revobank never sleeps“, flugs einen „Irrtum vom Amt“ zu vermelden und zu fragen, wer „für sein Team die Brandfackel werfen“ werde.

Im Örtchen Gap kann er sich das „Gap der guten Hoffnung“ freilich nicht verkneifen, und etwas schmerzlicher wird es, wenn er den Fahrer Lelli als „eine Elli mit L“ bezeichnet. Dann kommt aber schon herrlich unbegreiflich: „Jetzt kommt die Probe auf den Pudding.“

Der blumige, nur scheinbar antiquierte Sprachgebrauch eines Woydt erfrischt in der Ödnis der infantilen und standardisierten Fernsehsprache. „Bei denen ist der Zwirn jetzt alle“, fürchtet der seinerseits nimmermüde Journalist, und die Frage besteht: „Werden sie am Ende der Etappe die Leinen noch einmal loslassen?“ Und wenn auch der nimmer verlegene Peter Woydt mal einen Moment schweigen will, dann vermerkt er einfach: „Da brauchen wir nichts mehr hinzuzugeben von unserem Senf.“ Christoph Jungmann

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