: Potenzial in „falschen“ Antworten
betr.: „Fragen, bis es peinlich wird“, Interview mit Jürgen Baumert (Leiter der Pisa-Studie), taz vom 10. 7. 02 (Bildung)
Im Grunde eine phantastische Beobachtung, die Baumert wiedergibt: Beim so genannten „fragend-entwickelnden Unterricht“, der Form des sokratischen Dialogs also, gibt es „falsche“ Antworten, die in der Vorstellung von Lehrern die Bildungsbemühung zunichte machen, aber auch „richtige“, bei denen das Gleiche passiert.
Einmal abgesehen von der eigenartigen Vorstellung, dass „richtig“ und „falsch“ offenbar mühelos zu unterscheiden seien – welche Chancen werden bei einem derartigen Rat-mal-was-ich-schon-weiß-Unterricht vergeben. Was für ein Potenzial steckt doch gerade in „falschen“ Antworten! Sind sie nicht geradezu die Grundlage für intellektuelle Weiterentwicklung, ist die Frage und das fröhliche Misstrauen gegenüber aller Art von Wahrheit nicht gerade das Abzeichen von Wissenschaft? Wird nicht der fragende, kritisierende Geist gerade im konsistenten Denken und im Ausdruck geschult (muss er doch verstehen und formulieren, was er für falsch hält)? Lernt denn eine Herde Schulschafe tatsächlich etwas, wenn sie den Weisheiten des Lehrers nachbäht?
Und auch die „richtigen“ Antworten kommen zur Unzeit. Herrjemine, selbst wenn ein Superbrain unter den Schülern wäre und schon alles wüsste (was ich für einen lehrerspezifischen Albtraum halte) – muss der denn Recht haben? Ließe sich nicht auch hier kritisches Fragen, Argumentation, Formulierung etc. lernen? Mit Hilfe des Lehrers, der ja durchaus einen Anstoß geben kann, indem er den Advocatus Diaboli spielt. So wäre es doch möglich, die Erkenntnisse des Superbrains für alle zu nutzen.
Natürlich erfordert diese Art des „fragend-entwickelnden Unterrichts“ einen vifen Lehrmeister, der auf die Argumente der Schüler eingehen kann, der sein Fach aus dem Effeff beherrscht und auf dem neuesten Stand seiner Wissenschaft ist und der seine Schüler nicht hasst, weil er fürchtet, ihnen unterlegen zu sein. […]
BERND TELGENBÜSCHER, Schotten-Michelbach
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