Porträt eines Hochzeitssängers: Zweitausend Lieder im Kopf

Der Vater unseres jüngsten Autoren Orhan Memiş tritt als Sänger bei türkischen und bulgarischen Hochzeiten in Berlin auf. Ein Porträt.

Ferdi Şanlı und sein Sohn Orhan (links) und das Redaktionsteam Foto: Marion Brabant-Busch

Orhan Şanlı ist Schüler an der Theodor-Storm-Grundschule in Berlin-Neukölln. Der 13-Jährige ist Redaktionsmitglied der Schülerzeitung „Neues von Theo“. Orhan und die anderen jungen Redaktionsmitglieder erhielten im letzten Jahr etliche Preise – wie den Förderpreis für Schülerzeitungen des Bundesrats und den Newcomer- und Interkulturpreis des Berliner Schülerzeitungswettbewerbs. Leider ist die Arbeit der AG „Junge Journalisten“ auf Eis gelegt, denn seit Anfang des Jahres gibt es kein Geld mehr für die Schülerzeitung.

Orhan hatte als Mitglied der Schülerzeitungsredaktion seinen Vater eingeladen. Die anderen Redaktionsmitglieder sollten ihn kennen lernen, weil er als Hochzeitssänger arbeitet. Orhan übersetzte das Gespräch in die türkische Sprache. Seine Antworten übersetzte Orhan wieder ins Deutsche. Dieser Text erschien bereits in der Schülerzeitung „Neues vom Theo“. Zum Anlass des heutigen Kinderfests in der Türkei veröffentlicht taz.gazete das Porträt des Nachwuchsjournalisten.

Mein Vater ist von Beruf Sänger. Sein echter Name ist Ferdi Memiş, aber er nennt sich als Künstler Ferdi Şanlı. Er singt türkische Lieder. Man kann ihn für türkische oder bulgarische Hochzeiten buchen. Außerdem tritt er als Sänger bei Geburtstagen und Festen auf. Auch wenn ihr es kaum glauben mögt: Mein Vater singt fast jeden Tag von 18 Uhr abends bis morgens um 7 Uhr. In dieser Zeit fährt er von einer Hochzeit zur nächsten Hochzeit. Er singt im Festsaal und an der Bar. Mein Vater ist 32 Jahre alt und seit 23 Jahren Sänger.

Geboren wurde mein Vater am 14. Mai 1984 in Terval in Bulgarien. Als Kind lebte er in dem Dorf Orlyak. Bereits mit neun Jahren sang er auf Hochzeiten im Dorf. Nach der 8. Klasse war Schluss mit der Schule, weil das in dem Dorf so üblich war. Es gab auch keinen Schulbus, der ihn in eine andere Stadt hätte bringen können, um weiter zur Schule zu gehen. Damals war Musik sein Hobby, er musizierte zusammen mit seinem Bruder.

Er spielt Schlagzeug, Klavier und Keyboard. Mit 16 ist er mit seinem Onkel durch Europa gereist, oft für viele Monate, um als Künstler auf Bühnen aufzutreten. Sein Onkel war also sein Manager. Hauptsächlich war mein Vater in den Balkanstaaten und in der Türkei unterwegs. In dieser Zeit machte er sein Hobby zu seinem Beruf. Mein Vater hat sich alles selber beigebracht. Als er 17 wurde, kam er nach Deutschland und zog nach Berlin.

„2000 Lieder singe ich auswendig“, sagt mein Vater. Er singt türkische klassische Musik und Pop, aber auf den Hochzeiten singt er auch das, was die Gäste sich wünschen. Bei der Klassik gehe es mehr um die Liebe und beim Pop mehr um tänzerische und fröhliche Gefühle, meint mein Vater. Er hat ein Album mit neun Liedern. Das Album heißt: Hala Aklımdasın – das bedeutet auf Deutsch: „Du bist immer noch in meinen Gedanken“. Manchmal schreibt er seine Lieder alleine, die meisten kommen aber von anderen berühmten Sängern.

Ich habe meinen Vater auch gefragt, ob er lange braucht, um einen Songtext auswendig zu lernen. Seine Antwort: „Ich lese den Text drei bis vier Mal und dann habe ich ihn im Kopf“. Auf Youtube hat er 5.000 Abonnenten. In Berlin ist mein Vater „Ferdi Şanlı“ sehr berühmt und ich bin sicher einer seiner größten Fans.

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