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In Deutschland sterben jedes Jahr mehr Menschen als geboren werden. Ich nicht. Mein Freund und Bandkollege schon. Du nicht. Mein Stiefvater schon. Ihr nicht. Mein Vater schon. Vor sechs Monaten.
Es gibt auch viele andere, viel zu viele. Aber ich kenne keine anderen. Ich kannte nur sie. Mein Vater war der tollste Mann meines Lebens: der Einzige, der mich liebte ohne Kalkül und der Einzige, der mich schlug ohne Konsequenzen.
Unsere Beziehung war zuletzt gut, doch es blieb vieles ungesagt. Auf seiner Beerdigung standen 121 Menschen bei prasselndem Sommerregen im Wald und starrten auf ihre Schuhe. Die Pfarrerin verglich das Leben meines Vaters mit einem Baum. Die Metapher war weniger cringe, als ich befürchtet hatte.
Später, bei Kaffee und Kuchen, klopften mir Leute, die ich nur aus Erzählungen kannte, auf die Schulter und erzählten von der Version einer Version meines Vaters, die ich mir ganz anders vorgestellt hatte.
Einigen davon begegne ich jetzt in seinem Arbeitszimmer. Die einzige CD, die er uns hinterließ, ist „The California Sound of the 60s“. Daneben steht eine Kugel aus Glas und daneben ein Wildschwein aus Holz. An den Wänden hängen Geweihe und ausgestopfte Tiere, ein Bussard und ein Fuchs, der immer lächelt, wenn ich ihn anschaue.
In Wohnungen von Toten sprechen die Dinge plötzlich miteinander. Bei meinem Vater nicht, er hat nie verbunden, was nicht mit bloßen Augen zusammenhing. Natur und Kultur waren getrennt. Mein Vater wuchs noch in Schwarz-Weiß auf. Als Kind bekam er nur Schokolade, wenn genug Kartoffeln und Eier zum Tausch da waren.
Ich tauschte mein Leben auf dem Land gegen das in der Stadt ein. Ich wollte alles, was getrennt war, auflösen, Körper und Geist und vor allem: Arbeit und Leben.
Mein Vater vermittelte mir schon früh, dass Arbeiten das Wichtigste sei. Ab 14 verdiente ich eigenes Geld und lernte, klarzukommen. Wenn ich nach der Schicht bei OBI nach Hause kam, war ich seltsam zufrieden. Es ist bis heute so: In Kontakt mit dem institutionalisierten Irrsinn fühle ich mich verbunden. Gerade, weil ich mir dann selbst am fernsten bin. Die Philosophie nennt das Entfremdung. Ich nenne es Nähe.
Vielleicht liebe ich deshalb Musik, die künstlich ist, Jungle oder Hyperpop. Hier spricht jene nicht-menschliche Kraft mit mir, die mich sonst kaputt macht. Auch Klang ist eine Natur – nur aufhängen lässt sie sich nicht.
Der Wald, den ich verlassen habe, um prekär in einer Großstadt zu leben, ähnelt dem, den mein Vater so liebte. Sehr verschieden war unser Begriff von Natur. Er liebte es, im Wald zu sein und hielt sich drinnen tote Dinge. Ich halte drinnen lebendige Pflanzen und suche draußen das Künstliche.
Als wir jünger waren, machten wir uns lustig über die Dinge meines Vaters. Wir hielten uns für schlau. Ironie war unser Schutz vor einer Welt, gegen die selbst die Gewehre im Waffenschrank nichts ausgerichtet hätten.
Inzwischen habe ich eine innige Beziehung zu den Dingen aufgebaut, die unser Vater hinterlassen hat – zärtlicher als wir je miteinander waren. Vielleicht stopfe ich die Dinge deshalb mechanisch in Müllsäcke. Dabei höre ich eine Lesung von frühen queeren Gedichten von Eileen Myles. Diese radikale Lebendigkeit und diese toten Dinge. Mein neuer Wald.
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