Parlamentswahl in Polen

"So bin ich Sozialistin geworden"

Wenn sie es ins Parlament schafft, will Alicja Tysiac sich vor allem für Frauenrechte einsetzen. Als Opfer des polnischen Katholizismus hat sie allen Grund dazu.

Alicja Tysiac, 40: "Man macht sich gar keine Vorstellung, wie viel Hass in dieser Gesellschaft ist." Bild: imago/Eastnews

WARSCHAU taz | Alicja Tysiac steht vor dem Sejm, dem polnischen Abgeordnetenhaus in Warschau. Die 40-Jährige mit den blonden Strähnchen im braunen Haar deutet auf das weiße, halbrunde Gebäude: "Wenn ich es schaffen würde, das wäre ein Triumph! Es würde mein ganzes Leben verändern. Und das meiner Kinder natürlich."

Sie lacht übermütig. Doch das Leuchten in ihren Augen hinter den dicken Brillengläsern verlöscht gleich wieder. Große Chancen rechnet sie sich nicht aus. "Die Linksallianz (SLD) hat mir nur Platz 5 auf ihrer Liste gegeben. Ich habe nicht einmal eine eigene Kampagne."

Sie hält einer jungen Passantin ein Flugblatt mit ihrem Bild hin. "Möchten Sie, dass Frauenfragen im Sejm endlich eine Stimme haben? Dann geben Sie mir Ihre!"

Polen wählt am nächsten Sonntag ein neues Parlament. Zum ersten Mal hat die derzeitige Regierungspartei Chancen, erneut die Wahlen zu gewinnen. Die liberal-konservative Bürgerplattform (PO) unter Permier Donald Tusk führt nach einer am Donnerstag veröffentlichten Umfrage mit 31 Prozent. Abgeschlagen folgt mit 18 Prozent die rechtsnationale Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) von Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski. In allen bisherigen Umfragen hatten die beiden konservativen Parteien näher beisammengelegen und sich zeitweise sogar ein Kopf-an-Kopf-Rennen geliefert. Der Außenseiter Janusz Palikot konnte mit seiner antiklerikalen Partei "Bewegung" (Ruch) aufholen und liegt heute bei rund zehn Prozent. Die Linksallianz (SLD) kann mit sieben Prozent rechnen, die Bauernpartei (PSL), die bislang zusammen mit der Bürgerplattform die Regierung bildete, mit rund sechs Prozent.

Alicja Tysiac hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Als erste Polin zog sie vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg, verklagte den polnischen Staat wegen einer erzwungenen und für ihre Gesundheit hochgefährlichen Geburt - und gewann den Prozess.

Zwar ging Warschau in Berufung gegen die heute fast blinde Mutter, doch das Gericht sprach 2007 Alicja Tysiac auch in zweiter Instanz eine Entschädigung zu.

Vor rund elf Jahren hatte ein Arzt der mit ihrem dritten Kind schwangeren Alicja Tysiac wegen akuter Gefährdung der eigenen Gesundheit zu einer Abtreibung geraten und ein entsprechendes Attest ausgestellt.

Doch als sie dem Gynäkologen, der den Abbruch vornehmen sollte, das Papier überreichte, zerriss dieser es vor ihren Augen und behauptete, dass sein gutes katholisches Gewissen ihm jede Abtreibung verbieten würde. Daraufhin telefonierte Tysiac einige der privaten Abtreibungspraxen ab.

Offiziell ist Abtreibung auf Wunsch in Polen zwar verboten, doch Privatpraxen können ganz legal mit dem "Hervorrufen der Monatsblutung" oder dem Angebot "sämtliche Eingriffe" werben. Da bei Tysiac eine Risikoschwangerschaft vorlag, schnellte der Preis nach oben:

Die geforderten 5.000 Zloty (ca. 1.500 Euro) hatte Tysiac nicht. Sie war auch nicht in der Lage, sich das Vierfache ihres damaligen Monatseinkommens von Freunden zu leihen. So kam Julka zur Welt, und ihre Mutter wurde fast blind.

"Hau ab, du Jüdin!"

Auf dem Weg nach Hause bleibt sie vor der St.-Boromeusz-Kirche stehen. Vor ein paar Tagen feierten die Warschauer hier die Einweihung des neu gestalteten Vorplatzes mit Bäumen, Blumen und ein paar Sitzbänken. "Ich war mit meinen drei Kindern hier", erzählt sie. "Plötzlich schrie mich ein Mann an: Hau ab, du Jüdin! Tysiac (Tausend; d. Red.) ist ein jüdischer Name! Du Kindsmörderin!"

Sie schüttelt den Kopf: "Man macht sich gar keine Vorstellung, wie viel Hass in dieser Gesellschaft ist." Sie deutet auf die Kirche: "Die Priester sind am schlimmsten. Letztens kam meine kleine Julka völlig aufgelöst und in Tränen von der Schule zurück", erzählt sie.

In der Hand hielt die heute Elfjährige einen Frühstücksbeutel, in dem eine kleine Plastikpuppe in blutroter Flüssigkeit schwamm. ",Das bist du', haben die Kinder meiner Tochter gesagt. Und dass ich sie am liebsten im Klo weggespült hätte." Verstohlen wischt sie sich die Tränen aus den Augen. Das hätte der Priester den Kindern im Religionsunterricht erklärt.

Zu Hause angekommen, füllt sie ihre Tasche gleich wieder mit den auf dem Boden gestapelten Wahlbroschüren auf. "Vielleicht schaffe ich es ja doch in den Sejm", sagt sie. "Dann würde ich alles tun, um den Frauen zu ihren Rechten zu verhelfen. Als Politikerin hätte ich mehr Möglichkeiten als jetzt, wo ich nur eine einfache Mutter bin, noch dazu behindert."

Katastrophale Zustände

Die Wohnung, 70 Quadratmeter, drei Zimmer, Bad und Küche, bekam sie auch erst nach dem Prozess in Straßburg zugewiesen. Vorher musste sie mit ihren drei Kindern in einer Einzimmerwohnung mit Kochnische hausen. Die Kinder konnten nicht richtig lernen. Keiner konnte sich mal zurückziehen. Es gab ständig Streit.

Erst nachdem mehrere ausländische Fernsehsender gezeigt hatten, in welche katastrophalen Zuständen das Warschauer Sozialamt seine Schutzbefohlenen wohnen ließ, wurde ihr eine größere Wohnung zugewiesen. Allerdings ist diese auch teurer.

Die Invalidenrente und das Kindergeld wurden aber nicht angepasst. "Der Staat bringt mich in eine Situation, in der ich ständig um Hilfe bitten muss", erzählt sie und setzt Kaffeewasser auf. "Das ist erniedrigend. Normalerweise geht man in diesem katholischen Land dann zu einem Priester, zu Nonnen oder Mönchen. Aber das ist in meinem Fall völlig sinnlos."

Vor gut einem Jahr versuchte sie es noch einmal. Als Krystian, ihr ältester Sohn, die ständige Hetze in der Schule nicht mehr aushielt und psychisch so krank wurde, dass er in einem Krankenhaus behandelt werden musste, wandte sie sich an einen in Warschau für seine Großherzigkeit bekannten Priester. "Aber es ist völlig sinnlos", erzählt sie.

"Als mich der Priester nur sah und meinen Namen hörte, schrie er schon ,Raus!'. So, als sei ich eine Aussätzige." Am Ende fand sie eine Klinik, die bereit war, ihren Sohn aufzunehmen. Allerdings 700 Kilometer von Warschau entfernt. "Ich konnte ihn nur selten besuchen. Die Fahrt war zu teuer. Und das Sozialamt gab dafür kein Geld."

Sie schenkt Kaffee ein, bietet Kuchen und Obst an. Von draußen dringt der Straßenlärm herein. Es ist laut. Die Autoabgase kämpfen mit dem Kaffeeduft um die Lufthoheit. Sie schließt die Balkontür. "Es ist seltsam, nicht wahr, dass sozial Benachteiligte und Behinderte in einem katholischen Land Hilfe nur bei linken Parteien finden. So bin ich zur Sozialistin geworden."

Politik lernen von der Pike auf

Große Illusionen solle man sich aber nicht machen. "Das ist nicht reine Nächstenliebe. Ich passe ganz einfach ins Profil der Partei. Das ist alles." Immerhin hat sie es aber so bereits in den Stadtrat Warschaus geschafft. Seit November 2010 darf sie sich Stadträtin nennen und erhält eine monatliche Diät in Höhe von 2.500 Zloty (knapp 600 Euro).

"Ich lerne Politik von der Pike auf. Heute verstehe ich viel besser, wie Politiker auf unser tägliches Leben Einfluss haben. Im Stadtrat betrifft es nur die Warschauer. Wenn ich im Sejm säße, würde es alle Polen betreffen." Sie arbeitet in drei Kommissionen mit: Sozialpolitik, Gesundheit und Euro2012.

Die 17-jährige Tochter Patrycja kommt von der Schule nach Hause, streicht ihrer Mutter liebevoll über die Arme und nimmt sich ein Stück Kuchen. In einem Jahr wird sie das Abitur machen. Sie erzählt, dass sie zusätzlich zum Unterricht noch Literaturvorlesungen hören wolle. Sie strahlt. Alicja lächelt.

Sie hat für die begabte Tochter einen Platz in einem Warschauer Elitegymnasium erkämpft. Patrycja lernt gerne. Sie mag die Schule. Englisch, Spanisch, Arabisch und Literatur sind ihre Lieblingsfächer. Religion hat sie abgewählt.

Kirche verklagt

"Ich habe meinen Kindern von Anfang an erklärt, warum ich in meiner damaligen Situation die Schwangerschaft abbrechen wollte", erklärt sie, als Patrycja zum Hausaufgabenmachen in ihr Zimmer geht. "Ich bin keine Mörderin und schon gar keine KZ-Wärterin, die in ihrem Bauch einen Holocaust veranstalten wollte!" Das klinge absurd, aber das habe ihr der Chefredakteur des größten katholischen Magazins Gosc Niedzielny (Der Sonntagsgast) vorgeworfen.

Sie war so empört, dass sie einen Verleumdungsprozess gegen den Priester und die Diözese von Kattowitz anstrengte. In Polen war das eine Sensation: ein Beleidigungsprozess gegen die katholische Kirche. Niemals würde sie den gewinnen, fast alle Bekannten und Freunde hatten ihr abgeraten. Doch dann geschah das Ungeheuerliche: Der Priester verlor den Prozess und musste sich in aller Form für den KZ-Vergleich entschuldigen.

"Ehrlich gesagt wäre es mir lieber, wenn ich diesen ganzen Ärger nicht hätte, wenn ich mich nicht gegen diese absurden Anschuldigungen wehren müsste." Aber sie wolle das nicht auf sich sitzen lassen. "Ich habe auch ein Recht auf meine Menschenwürde!" Sie habe bereits mehrfach ihre damalige Motivation erklärt. Es sei nicht Hass gewesen oder der Wunsch, aus ihrem Bauch ein polnisches KZ zu machen. "Das ist Quatsch!

Ich wollte den beiden Kindern, die bereits auf der Welt waren, weiterhin eine gute Mutter sein", sagt sie. Der Arzt hatte ihr erklärt, dass sich ihre Sehkraft massiv verschlechtern werde, wenn sie die dritte Schwangerschaft austrage, ja, dass sie blind werden könnte. Dann aber würde sie die Kinder verlieren. Alle drei müssten ins Heim, und sie selbst in eine Behindertenanstalt.

"Ist das falsch, wenn man eine gute Mutter sein will? Ist das vielleicht unchristlich? Ich verstehe diesen Priester bis heute nicht."

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben