Ostdeutsche Konzepte in der Leichtathletik: Die Strukturen von früher

Schulteams aus den neuen Ländern dominieren nationale Vergleiche. Ihre Trainer schwören auf das selektive DDR-System. Sport sollte aber auch Spaß machen.

In der deutschen Leichtathletik: Talentsuche à la DDR. Bild: dpa

"Hier ist die deutsche Spitzenklasse vor Ort", betonte Günter Mayer. Mit Verve kämpfte er gegen das triste Erscheinungsbild an. Bei strömendem Regen und kalter Witterung wurde diese Woche auf einem Nebenplatz des Berliner Olympiastadions das Bundesfinale der Leichtathletik von "Jugend trainiert für Olympia" (JTFO) ausgetragen. Die Veranstalter wussten sich schon in einer Vorab-Ankündigung über das abseitige Areal hinwegzutrösten: "Wie im benachbarten Olympiastadion gibt es auch hier eine blaue Bahn."

Angesichts der widrigen Bedingungen zeigte sich Mayer, der seit 1997 Schulbeauftragte des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) ist, mit den Leistungen der Schüler zufrieden. Er resümierte: "Im Jugendbereich ist der DLV schon seit Jahren gut aufgestellt." Auf eine Besonderheit wies der Rektor aus Schwäbisch Gmünd allerdings hin: In der Vergangenheit seien die Plätze 1 bis 6 immer für die ostdeutschen Schulen abonniert gewesen. In diesem Jahr konnten gleich zwei westdeutsche Lehranstalten mithalten. Die Jungs vom Landrat-Lukas-Gymnasium aus Leverkusen gewannen in einer Wettkampfklasse, die Mädchen vom Otto-Hahn-Gymnasium aus Ludwigsburg belegten einen dritten Rang. Ein Anzeichen von Annäherung, so Mayer.

Diesen Eindruck teilten die Vertreter aus dem Osten indes nicht. Trainer Wolfgang Klee von der Ostberliner Flatow-Schule etwa fand, die Ergebnisse aus Leverkusen und Ludwigsburg wären zu außergewöhnlich gewesen, um daraus einen Trend abzuleiten. Und auch Klaus-Gerhard Schlottke, der einst Zehnkämpfer Christian Schenk, den Goldmedaillengewinner von Seoul 1988, betreute, wollte sich Mayers These von der Annäherung nicht anschließen. Nachdem die Zusammenführung der beiden deutschen Sportsysteme mit 18 Jahren das Alter der Volljährigkeit erreicht hat, sind nicht nur die Resultate, sondern auch die Wahrnehmungen noch sehr unterschiedlich.

Dass der DLV im Jugendbereich international konkurrenzfähig ist - bei der U20-WM im Juli in Polen belegten die Deutschen in der Nationenwertung einen zweiten Platz -, hat er zu einem Großteil den rigiden Konzepten und dem Lehrpersonal aus der früheren DDR zu verdanken. Schlottke, der mit seiner Neubrandenburger Sportschule zwei erste Plätze erreichte, sagt: "Wir haben ansatzweise versucht, die Strukturen von früher fortzuführen." Das heißt, die Besten werden an Sportschulen zusammengezogen und von erfahrenen, gut ausgebildeten Trainern in aller Konsequenz zu Spitzenathleten geformt. In den letzten Jahren hat man auch in den alten Bundesländern Möglichkeiten geschaffen, Schule und leistungssportorientiertes Training zu verbinden. Fast die Hälfte der 39 vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) zertifizierten Eliteschulen des Sports ist in Westdeutschland angesiedelt.

Der DLV-Schulbeauftragte Mayer bezeichnet deshalb auch Versatzstücke der ostdeutschen Förderung von Leistungssport als nachahmenswert, das grundlegende "Prinzip der Selektierung", wie er es nennt, ist für ihn jedoch wenig zukunftsweisend. Seit geraumer Zeit startet der DLV diverse Initiativen, um den Spaßfaktor der Leichtathletik zu betonen. Man will nicht mehr als reine Stopp- und Mess-Sportart wahrgenommen werden. Durch spielerische Elemente soll künftig eine breite Basis angesprochen werden. Nur auf der Grundlage eines breiten Fundaments, so die Vorstellung, könne man in Zukunft auch auf Spitzenleistungen hoffen.

In den ostdeutschen Bundesländern betrachtet man das mit Argwohn. Schlottke sagt: " Ganz ehrlich: Streichholzweitwurf brauche ich nicht." Das Engagement sei gut, um gegen die Bewegungsarmut in der Gesellschaft anzukämpfen. Dem Leistungssport bringe das aber gar nichts. Hierfür müsste das Geld in die Ausbildung der Trainer gesteckt werden. Dorthin, "wo Leistung gemacht wird". Und: Talente sollten beim Übergang ins Erwachsenenalter beruflich und materiell abgesichert werden, damit sich endlich die gute Jugendarbeit auszahle. Wenn Schlottke sich an die begabten Sportler der vergangenen Jahre zurückerinnert, schmerzt ihn die Medaillenausbeute (einmal Bronze) bei den Olympischen Spielen umso mehr.

Schlottkes Forderungen unterstützt zwar auch Günter Mayer. Doch für ihn sind sie nicht zentrale Bestandteile einer Rückbesinnung auf erfolgreiche Konzepte der Vergangenheit, sondern das Beiwerk einer Neuausrichtung der Leichtathletik-Nachwuchsarbeit. Er verweist auf den gesellschaftlichen Wandel: "Heute muss alles Spaß machen."

Von den Widerständen aus dem Osten lässt er sich nicht beirren. Er setzt auf den Faktor Zeit. Irgendwann würden "die Altvorderen" auch einmal abtreten, sagt er.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de