Onlinewahlkampf der CDU

Immerhin die Optik stimmt

Innovativ, klassisch oder peinlich? Wir analysieren, wie sich die Parteien während des Wahlkampfes im Netz schlagen. Dieses Mal: die CDU.

Sie simst, aber twittert nicht: Kanzlerin Merkel mit Smartphone. Bild: dpa

Der Klassiker – die Parteiseite

Merkel im Vollbild. Mit großformatigen Bildern der Kanzlerin im Wahlplakatstil eröffnet die CDU ihre Internetseite. Sie beschränkt sich auf das Wesentliche: Neben den Wahlslogans à la „Deutschland ist in guten Händen“ und „Erfolgreich. Für Deutschland“ werden die nächsten Merkel-Termine und Schlagzeilen zur Wahlkampagne angezeigt. Durch die anderen Seiten kann man sich wie auf einem Tablet durchwischen.

Dazu wahlweise das neue Riesen-Wahlposter im Hintergrund oder CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe, der auf ein Merkel-Poster zur Präsentation der Merkel-App zeigt. Anklicken kann man sie nicht. Dazu gibt es Direktlinks zu Social Media Präsenz und Mediathek.

Optisch ist die Seite recht ansprechend. Das knallige Partei-Orange harmoniert mit den bildschirmausfüllenden Fotos. Die Einbettung verschiedener Medien und die Steuerung per Maus Wisch. Im unteren Teil befinden sich die üblichen Inhalte: Regierungsprogramm, Spendenaufruf, Partei-"Merchandise“...

Für besonders eifrige CDU-Internauten gibt es CDUplus. Leider kommt nach der - schnellen und kostenlosen - Registrierung die große Ernüchterung: keine Spiele, kein Spaß. Noch mehr Infomaterialien, das Magazin UNION und immer mehr zu lesen.

Das Neuland – die Social Media Präsenz

Angela Merkel ist zwar SMS-Königin, mit Twitter hat sie sich aber noch nicht angefreundet. Wenn ihr dann doch was auf der Seele brennt, lässt sie das die CDU-Presseleute oder ihren Sprecher Steffen Seibert machen.

Auf der CDU-Facebook-Seite ist es nur für kurze Zeit aufregend: mit dem Spielzeug Pic-Badge-Macher. Mit dem kann man sich einen kleinen Aufkleber mit dem Wort „Chefin“ auf sein Profilbild heften. Wirklich gepflegt und innovativ wirkt die Facebook-Seite nicht. Viele Bilder, die auch schon anderswo auftauchen, etliche Terminankündigungen und Videos. Kaum Spielerein, kaum Interaktion mit den Usern.

Mit der Merkel-App hat die CDU mit sprechenden Plakaten einen großen Sprung gewagt. Wer ein Smartphone hat, kann die Kanzlerin zum Sprechen bringen, indem ein CDU-Werbespot startet. Dazu kann man sie sogar orten und sehen, wo sie in der Nähe gerade auftritt. Die Idee ist aber nicht ganz neu. Die Grünen haben zur Berlin-Wahl 2011 schon eine App veröffentlicht, mit der man Künast & Co. Fragen und Aufgaben stellen konnte.

Ansonsten ist das Internet in der Tat noch Neuland für die Christdemokraten. Ausnahme: Peter Altmaier führt die bundestagsweite Twitter-Rangliste an; er twittert, „was das Netz hält!“ Mit seinen Kurznachrichten erreicht er eine Anhängerschaft von knapp 50.000 Followern. Wenn er nicht gerade Parteikollegen Wanderwitz die Daumen „stückt“ oder den Wahlkampf seiner eignen und anderer Parteien kommentiert, liefert er sich Gefechte mit der Netzgemeinschaft. Etwa mit Greenpeace.

Das Oberhaupt – die Mutter der Nation privat

Die sonst gefasste und kühle Kanzlerin zeigt sich auf ihrer eigenen Internetseite von ihrer menschlichen Seite, führt mit einer Art Diashow durch ihr Leben. Sie spricht von ihrer ersten gescheiterten Ehe und präsentiert sich als „leidenschaftliche Gärtnerin“, die im Garten ihr „eigenes Gemüse zieht“. Folgt man dem Politik-Pfeil auf der Seite, lernt man nicht nur die Themen und Werte kennen, für die sie sich in ihrer Arbeit stark macht, sondern auch ihre Träume.

Begleitet mit Bildern der Strahle-Kanzlerin; auf den Tisch gelehnt, beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielen mit Kindergartenkindern und versonnen im Strandkorb, wo sie beteuert, dass „jeder Mensch zählt und jedes Talent gebraucht wird“. Der Internetauftritt einer Kanzlerin des Volkes. Privat und aufpoliert. Für alles weitere wird man auf die CDU-Seite weitergeleitet. Da hört das Kuscheln dann auf.

Was von offizieller Seite fehlt, wird durch die Internet-Gemeinschaft mit Einfall und Witz nachgeholt. Es gibt gleich mehrere Kanzlerinnen-Accounts bei Twitter, die um die Wette zwitschern: Mit fast 60.000 Followern am Kopf der Liste ist @Angie_Merkel, die/der mit Tweets wie “BTW 2013: Freie Wurst für freie BURGER - Wenn´s um die Wurst geht!“ für Stimmung sorgt. Oder auch: „Persönlich: Ich bin leider zu dick für @Abercrombie & Fitch“. Tagesaktuell, aber seit Anfang August leider inaktiv.

@Queen_Europe geht es auch ums Wesentliche: „Seeking authorisation to drop some Jägerbombs“ (Bitte um Genehmigung, um Jägerbombs abzuwerfen), sonst hat auch @GrumpyMerkel immer ein passendes Wort zum Sonntag: „Mangelnde Ambition ist, wenn Horst Seehofer sich zum Horst macht“.

Die Kleinigkeiten

Die Hinterbänkler der Partei haben das Internet als Plattform für sich entdeckt. Während im Wahlkreis Steinfurt Bundestagskandidatin Anja Karliczek Wahlkampf in ihrem "Espresso-Mobil“ betreibt, wirbt Marian Wendt aus Nordsachsen mit eigenem Video auf Youtube für Politik für Familien, die „Keimzelle unserer Gesellschaft“. In einem Video des Bremer Abgeordneten Frank Imhoff führt er erst durch seinen Bauernhof und lobt die Ehrlichkeit seiner Kühe, dann „mit Ehrfurcht“ in den Landtag, wo er „des Volkes Meinung“ vertritt.

Der Peinlichkeitsfaktor

Jeder Versuch, cool und modern zu sein, ist bei der CDU zum Scheitern verdammt. Ob eine App fürs Handy oder der nichtssagende poppig-rockige Wahlkampfsong, der mehr an einen Supermarkt-Werbesong erinnert - eine Stickvorlage mit Parteilogo hätte vielleicht authentischer gewirkt.

Gesamteindruck

Der Internetauftritt der CDU ist ungefähr genauso aufregend wie Merkels Frisur. Bei der Partei, deren Wählerschaft fortgeschrittenen Alters ist, wundert das kaum. Die Gestaltung der Seite überrascht zwar durch eine ansehnliche und recht moderne Optik, sie erfüllt aber trotzdem nicht viel mehr als ihren Informationsauftrag, dazu gibt es noch einen ständig aktualisierten Terminkalender und ein paar Videos von Auftritten der Kanzlerin.

Keine interaktiven Spiele, keine CDU-Tattoos zum Selbstausdrucken. In den sozialen Netzwerken passiert auch nicht viel mehr. Die digitale Chefin Brosche ist süß, die Merkel-App absoluter Quatsch. Alles in allem macht sich die CDU auf ihrer Exkursion ins Neuland ganz passabel.

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