■ Kommentar: Olympisches Kalkül
Dem Bundeskanzler sei an dieser Stelle ein Lob gespendet. Seine zurückhaltende Art, häufig vorschnell als Aussitzen karikiert, hat bei der Berliner Olympiabewerbung immerhin dazu geführt, daß nun endlich eine Gesamtkalkulation vorliegt. Von ihr hatte Kohl bereits im Mai sein Votum abhängig gemacht. Eberhard Diepgen ist sich schon sicher, daß der Kanzler, angesichts eines prognostizierten Gewinns von 190 Millionen Mark, dem Vorhaben nun öffentlich seinen Segen erteilt. Doch was passiert, wenn Helmut Kohl einmal nicht nur darauf schaut, was hinten rauskommt, wenn er nicht nur fragt, ob die Spiele sich rechnen, sondern vielmehr, welche Belastungen durch sie auf die öffentlichen Haushalte zukommen. Dann würde er merken, daß die in der Studie gemachte Unterscheidung zwischen olympiabedingten und nicht olympiabedingten Investitionen nicht nur problematisch (was die Studie selbst konzediert), sondern schlicht willkürlich ist. Denn weshalb sollen zum Beispiel 750 Millionen Mark für Sporthallen nicht olympiabedingt sein und folglich nicht berechnet werden, nur weil der Senat sie bereits in seinem Haushalt eingeplant hat. Das gleiche gilt auch für weitere Posten.
Wenn Kohl darauf schaute, wie sich das Defizit des Landes Berlin unter Einbeziehung der diversen Ausgabenposten der Olympiastudie entwickeln wird, wenn er dabei noch die Probleme der Kreditmarktfinanzierung berücksichtigte, würde er ahnen, mit welchen Forderungen nach Bundesmitteln der Senat in den nächsten Jahren auf ihn zukommen wird. Nur würden diese dann nicht Olympiakosten, sondern Strukturhilfe oder „Hauptstadtspezifische“ Investitionen heißen. Wenn Kohl all diese Fragen berücksichtigen würde, auf die die Studie keine Antwort hat, müßte er konsequenterweise in die Pose verfallen, von der es heißt, es sei seine liebste — er würde die Forderung des Senats weiter aussitzen. Dieter Rulff
Siehe auch Seite 19
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