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Oh, wie schön ist Kanada

Kanada ist in. Was steckt hinter den Fantasien, die sich mit dem zweitgrößten Staat der Erde verbinden? Und können wir wirklich beste Freunde werden?

Von Selina Helfritsch

Die Blätter an den Bäumen verfärben sich orange-braun, einige fallen und werden vom kühlen Wind und den vorbeifahrenden Autos aufgewirbelt. Die Sonne hängt in einem Meer aus Blau über einem See, der so gigantisch ist, dass ich sein Ende kaum ausmachen kann. Ich spaziere durch die Straßen Torontos, freue mich über jedes Geschäft, das eine Pride-Flagge am Fenster kleben hat (es sind so viele!) und trinke später meinen Filterkaffee in einem kleinen Café mit Holzveranda. Ach wie schön du bist, Kanada.

Jetzt, da es wieder Herbst wird, denke ich zurück ans letzte Jahr, als ich ungefähr zur gleichen Zeit ins Land der malerischen Landschaften, der Bären, des Eishockeys und des Ahornsirups reiste. Mit meiner romantisierten Vorstellung von Kanada bin ich wohl kaum allein, wahrscheinlich waren es sogar nie meine eigenen Gedanken, die dieses Bild zauberten. Vielmehr ist es – wie so oft – eine Vorstellung, ein Versprechen, das uns nur allzu gern in Filmen und Büchern vermittelt wird. Oder: gutes Marketing.

Auch Ursula von der Leyen, die Präsidentin der Europäischen Kommission, scheint von Kanada zu träumen. Sie schlug vor, dass es das erste „assoziierte Mitglied“ der EU werden soll. Für den Vorschlag bekam sie gleich ein Küsschen links und rechts vom kanadischen Premierminister Mark Carney.

Dabei sind unsere Länder bereits eng verbunden, sollen aber durch das Freihandelsabkommen noch bessere Buddies werden. Wie genau das aussehen soll, steht noch nicht fest. Ein Anfang könnte sein, dass alle EU-Bürger*innen ein Fläschchen Ahornsirup bekommen. Bonusmaterial: Trump springt nun wie ein wütendes Rumpelstilzchen im Dreieck und droht mit – was sonst – hohen Zöllen.

Schon bevor die USA unter Donald Trump zur Autokratie mutierten und nun immer mehr US-amerikanische Wissenschaftler*innen, Jour­na­lis­t*in­nen und Ak­ti­vis­t*in­nen nach Kanada auswandern oder zumindest darüber nachdenken, wurde das Land in zahlreichen Erzählungen als Zufluchtsort idealisiert.

Man denke nur an „The Handmaid’s Tail“, dessen Fiktion gerade Realität zu werden scheint. Im Kontrast dazu steht Kanada als leuchtendes Ahornblatt der Demokratie, als Nachfolger des amerikanischen Traums sozusagen und als Sehnsuchtsland schlechthin. Diese Verkörperung sehen wir auch in Serien wie „Sterling Point“, „Heated Rivalry“ oder „Every Year After“. Die Kanada-Romantisierung ist real.

Dabei könnte die Wirklichkeit teils nicht ferner liegen: In Kanada, das flächenmäßig das zweitgrößte Land der Welt ist, vollzieht sich die Klimakrise doppelt so schnell wie sonst wo. Die nördlichen Territorien, die bis in die Arktis reichen, werden vom Gletscherschmelzen und von Überschwemmungen geprägt, während im Süden des Landes Dürreperioden, Tornados und drastische Waldbrände das Klima bestimmen.

Beziehungsweise bestimmt die Klimakrise die Brände und macht sie umso wahrscheinlicher. Das hat schon oft große Evakuierungen provoziert, wie 2023, als zwischen Mai und Juni 15.000 Menschen in der Provinz Québec zur Vorsicht ihre Häuser verlassen mussten und Tausende sie verloren. Die Forschung hat einen eigenen Namen für diese Extreme: „Feuerwetter“.

Und während ich gedanklich noch dem orangen Herbst im vergangenen Jahr hinterher hänge, haben die meisten Ka­na­die­r*in­nen eine ganz andere Assoziation mit der Farbe. Orange steht für Solidarität mit der indigenen Bevölkerung des Landes. Denn wenig überraschend hat auch Kanada eine dunkle und gar nicht so alte Vergangenheit. Im 19. und 20. Jahrhundert wurden mehr als 150.000 indigene Kinder von ihren Eltern getrennt und in „Residential Schools“ gesteckt. Das Ziel: indigenes Wissen und Kultur ausradieren.

Mehr als 6.000 Schü­le­r*in­nen starben in den Erziehungsanstalten und 15.000 reichten später Klage wegen sexuellem und körperlichem Missbrauch ein. Die letzte dieser Einrichtungen wurde erst 1996 geschlossen, die Aufarbeitung begann mit viel Gegenwind in den Nullerjahren und ist bis heute nicht abgeschlossen. Immer wieder werden Massengräber gefunden oder andere Details kommen ans Licht, die das Land in eine selbstverschuldete Identitätskrise versetzen. In diesem Punkt scheinen unsere Länder gute Buddies zu sein, immerhin.

So sehr ich mich Chappell Roans Kanada-Eskapismus in ihrem Song „The Subway“ anschließen möchte und im Hinterkopf der Gedanke schlummert, wenn alles den Bach runtergeht, dann „well, fuck this city, I'm moving to Saskatchewan“. So sehr drängt sich eine Frage auf, mit der sich insbesondere weiße Menschen beschäftigen sollten: Kanada, warst du jemals schön?

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