Österreich: Kurt Waldheim gestorben

Wegen seiner Wehrmachtsvergangenheit blieb der einstige Bundespräsident Österreichs bis zuletzt geächtet

Nüchterner Diplomat und großer Verschweiger Bild: dpa

Kurt Waldheim ist gestern 88jährig in Wien an Herz-Kreislauf-Versagen gestorben. Diplomat, Außenminister, UNO-Generalsekretär, Gastprofessor in Washington, Bundespräsident. Das sind die eindrucksvollen Stationen seiner Karriere, die wohl viel glanzvoller geendet hätte, wäre da nicht der weiße Fleck in den Memoiren gewesen. Waldheims Rolle in der Wehrmacht und seine Mitgliedschaft in der SA wurden erst während des Präsidentenwahlkampfes in Österreich aufgedeckt. Sie polarisierten die Bevölkerung, isolierten das Land und brachten Waldheim in den USA auf die Liste unerwünschter Personen, von der er auch nach seinem Abschied aus allen öffentlichen Ämtern nicht gestrichen wurde.

Eine Historikerkommission beschäftigte sich jahrelang mit dem Wirken des damaligen Wehrmachtsleutnants am Balkan. Sie kam zur Erkenntnis, dass er zwar von der Erschießung griechischer Partisanen und der Deportation von 40.000 Juden aus Saloniki Kenntnis gehabt haben musste, selbst aber in keinerlei Greueltaten verstrickt gewesen sein dürfte. Als Ordonnanzoffizier in der Heeresgruppe E unter General Alexander Löhr war der 23Jährige bei Stabsbesprechungen anwesend und musste Lageberichte verfassen. Hätte Waldheim dieses Kapitel seines Werdegangs nicht verschwiegen und später immer nur zugegeben, was sich eindeutig nachweisen ließ, hätte er sich viel Aufregung erspart, meinten später die Experten.

Durch großen Mut hat sich der 1918 bei Wien geborene Diplomat nie ausgezeichnet. Als Außenminister der einzigen ÖVP-Alleinregierung im August 1968 mit dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in der Tschechoslowakei konfrontiert, wollte Waldheim die Botschaft in Prag für Asylsuchende sperren lassen. Es war Botschafter Rudolf Kirchschläger (später Waldheims Vorgänger als Bundespräsident), der unter Missachtung der Order aus Wien Tausenden die Flucht nach Österreich ermöglichte und dem Land hohes Ansehen verschaffte.

Während seiner zwei Amtsperioden (1972-1981) als UN-Generalsekretär genoss Waldheim den Ruf des nüchternen Diplomaten und machte sich vor allem als Freund der Araber einen Namen. Die UN-Resolutionen gegen die Aggression Israels gegen den Libanon und gegen die Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten fielen ebenso in seine Ära wie der Jom-Kippur-Krieg 1973 und das Camp-David-Abkommen (1977) zwischen den USA, Israel und Ägypten.

Arabische Nationen waren denn auch die einzigen, die den Bundespräsidenten (1986-1992) Waldheim zu Staatsbesuchen einluden, und der einzige Erfolg seiner Präsidentschaft die Intervention zur Freilassung von österreichischen und schweizerischen Geiseln, die Saddam Hussein kurz vor dem ersten Golfkrieg genommen hatte.

Waldheim war der einzige Präsident, der seine erste Amtszeit überlebte und sich nicht um Wiederwahl bewarb. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in großer Zurückgezogenheit. Hin und wieder sah man den gebrechlichen Mann in Begleitung seiner Ehefrau bei offiziellen Anlässen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben