Öffentlicher Dienst: Tarifstreit steigert Elternleid

In Kitas und Schulen wird wieder gestreikt, vier Tage lang - zum Leidwesen der Eltern. Noch sind viele zwar solidarisch, aber der Unmut nimmt zu: Die Schulen kümmerten sich nicht genug um eine Notbetreuung, sagen Elternvertreter.

ErzieherInnen, SozialpädagogInnen und angestellte LehrerInnen ruft die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ab heute wieder zum Streik auf. Gleich vier Tage soll die Arbeit diesmal ruhen. Für viele Schulen und Kitas heißt das: eingeschränkter Betrieb.

Grund der Arbeitsniederlegung ist der seit Monaten andauernde Streit über höhere Gehälter: Die GEW fordert gemeinsam mit der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di für alle Angestellten im öffentlichen Dienst die in anderen Bundesländern bereits beschlossene Gehaltserhöhung von 2,9 Prozent plus drei Sonderzahlungen von jeweils 300 Euro. Der Senat hat dagegen schon vor den Sommerferien beschlossen, lediglich Extrazahlungen in Höhe von je 300 Euro für 2008 und 2009 zu gewähren. Weitere Verhandlungen lehnt er ab. Mit dem viertägigen Streik will die Gewerkschaft nun die Wiederaufnahme von Tarifgesprächen erzwingen.

Eine "bewusste Eskalation" nennt GEW-Sprecher Peter Sinram die Entscheidung für den mehrtätigen Arbeitskampf: "Wenn der Senat stur bleibt, müssen wir eben nachlegen." Zum Streik aufgerufen sind Erzieher und Erzieherinnen in öffentlichen Kitas und Schulhorten sowie die 5.500 von insgesamt knapp 30.000 Berliner LehrerInnen, die keine Beamten sind. Über 90 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder unter ihnen hatten sich in einer Urabstimmung Ende September für den Streik ausgesprochen.

Kindertagesstätten und Schulen müssen deshalb ab heute mit eingeschränktem Personal auskommen. Während manche Kitas ganz schließen, andere allein oder gemeinsam mit benachbarten Einrichtungen Notdienste anbieten, sind die Schulen unterschiedlich stark betroffen. Am Beethoven-Gymnasium in Lankwitz etwa sind nur 11 der 76 Lehrkräfte Angestellte. Auswirkungen werde der Streik dennoch haben, sagt Annette Gruhn-Hülsmann, stellvertretende Leiterin der Schule. Denn viele andere KollegInnen seien derzeit auf Klassenreisen. "Wir haben den Eltern bereits vor einer Woche mitgeteilt, dass Unterricht ausfallen wird", so Gruhn-Hülsmann. Für Oberschulen ist es kein rechtliches Problem, Schüler später kommen oder früher gehen zu lassen.

Anders sieht das an Grundschulen aus: Hier sichert die Schule den Eltern verbindliche Betreuungszeiten zu, die an den offenen Ganztagsschulen bis mindestens 13.30 Uhr, im gebundenen Ganztagsbetrieb bis 16 Uhr reichen. Vor allem Schulen mit einem hohen Anteil angestellter LehrerInnen können das in den Streiktagen kaum einhalten. Wie die Aziz-Nesin-Grundschule in Kreuzberg: An der deutsch-türkischen Europaschule sind 20 der 29 Lehrkräfte Angestellte. Während des Streiks wird die gebundene Ganztagsgrundschule deshalb nur eine Notbetreuung bis 14 Uhr anbieten. Regulärer Unterricht findet nicht statt. "Wir haben die Eltern gebeten, die Betreuung ihrer Kinder während des Streiks selbst zu organisieren", sagt Schulleiterin Demet Siemund. Die Solidarität sei hoch: Nur 90 der 390 SchülerInnen seien zum Notdienst angemeldet.

Von so viel Verständnis der Eltern kann André Schindler, Vorsitzender des Landeselternausschusses (LEA), nicht berichten: "Die Stimmung ist zunehmend negativ." Es gebe zwar Sympathie für die Forderungen der Pädagogen. Aber die Eltern seien nicht bereit, die Leidtragenden des Tarifkonflikts zu sein. Viele Schulen bemühten sich zu wenig, Lösungen für Betreuungsprobleme und Unterrichtsausfall zu finden, so Schindler: "Das Wort Notbetreuung fällt oft erst, wenn man direkt nachfragt."

Dass der Streik Schülern und Eltern einiges aufbürdet, sieht auch GEW-Sprecher Sinram. An sinkende Solidarität glaubt er aber nicht: "Die Eltern wissen ja auch, dass immer mehr Lehrer Berlin wegen der schlechten Arbeitsbedingungen verlassen." Zudem müssten Streiks "fühlbar sein": "Es bringt ja nichts, wenn wir nachts im dunklen Wald streiken."

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