Obama wird US-Präsidenten-Kandidat: Mit Ballast ins Endspiel

Bisher war Barack Obama die ideale Identifikationsfigur. Nach seinem Sieg im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der US-Demokraten muss er nun Inhalte präsentieren.

Muss aus Pop nun Politik machen: Barack Obama - hier vor der Siegeserklärung mit Michelle Obama. Bild: dpa

Er hat es geschafft. Barack Obama aus Illinois wird Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei. Insbesondere in der ersten Hälfte des Vorwahlkampfs hatte die eloquent vorgetragene Botschaft von Hoffnung und Veränderung den schwarzen Senator zum Popstar einer jungen Generation gemacht, die von Parteipolitik bislang nichts wissen wollte.

"Change we can believe in" - Veränderung, an die wir glauben können - und "hope" - Hoffnung - waren seine Botschaften, die eigentlich für nichts stehen. Erst verbunden mit der Person Obamas wurden sie zum Versprechen. Diesmal, so sagte er es immer wieder in seiner über Monate kaum veränderten Standardrede, diesmal soll alles anders werden.

Zu Recht dankte er am Dienstagabend seinem öffentlichkeitsscheuen Kampagnenmanager David Plouffe dafür, die "beste politische Organisation" aufgebaut zu haben, die man derzeit haben kann. Wo die Vorwahlen kompliziert waren, waren Obamas Leute rechtzeitig zur Stelle, um das Verfahren zu erklären. Wo Hillary Clinton sich mit wohlhabenden Spendern zu Fundraising-Abendessen traf, setzten Obama und Plouffe auf massenhaft Kleinstspenden. Der Vorteil: Diese Botschaft verstetigte sich.

Wer für Obama aktiv wurde, konnte tatsächlich das Gefühl haben, einer Bewegung anzugehören, deren Selbstverständnis, Träger von Veränderung zu sein, viel weitreichender zu sein schien als nur der Sieg des Kandidaten.

Obamas Verdienst ist es, diese Botschaft stets im Auge behalten und sie mit seiner effektvollen Mischung aus Pathos und Understatement perfekt unter die Leute gebracht zu haben. Im Unterschied zu Hillary Clinton hat Obama nie das Gefühl verbreitet, er tue nur, was seine Berater ihm sagen oder was die politische Opportunität gerade erfordert - der Redner Barack ist der beste Spindoktor des Kandidaten Obama.

Wenn einer mit 46 Jahren schon zwei Autobiografien geschrieben hat, dann hält man ihn eigentlich für übergeschnappt. Tatsächlich teilt Barack Obama mit Hillary Clinton die Fähigkeit, sich in die eigene Botschaft zu verlieben. Er verbindet diese Überzeugung von sich selbst mit offensiv zur Schau gestellter Bescheidenheit - eine Mischung, die eigentlich gar nicht funktionieren kann. Bei Barack schon. Hinzu kommt, dass seine schlaksige Figur und sein jungenhaftes Lächeln ihn unaufgeregt sympathisch und erfrischend normal erscheinen lassen. Einer, der um die eigenen Fähigkeiten weiß und sogar in der Lage ist, deren ironische Brechung zuzulassen - wie sympathisch.

Aus dem Vorwahlkampf trägt der neue Spitzenkandidat einigen Ballast mit in die Hauptrunde. Die Auseinandersetzungen über seinen kämpferischen früheren Pfarrer Jeremiah Wright zum Beispiel könnten mit Obamas Austritt aus dessen Kirche zwar erledigt sein - sie werden es aber nicht. Genüsslich werden die Konservativen Obamas Prägung durch Wright immer wieder thematisieren.

Wright steht für etwas, was Obama in seiner fulminanten Rede vom 18. März in Philadelphia über das Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß thematisiert hat: die Wut, die Vorurteile, der Ärger bis hin zum Hass sind auf beiden Seiten stark. Was Wright an Tiraden von sich gegeben hat, ist zwar nicht allgemeines Gedankengut in der schwarzen Community, aber so undenkbar weit entfernt vom schwarzen Mainstream eben auch nicht. Bei aller Distanzierung von Wright konnte Obama bei dieser Wählergruppe von dem Streit profitieren.

Um im November zu gewinnen, muss er den weißen Wählern das Gegenteil beweisen. Vor allem jener demokratischen Kernwählerschaft, die bei nahezu allen Vorwahlen seit Januar für Hillary Clinton gestimmt haben, ohne deren Stimmen aber der Republikaner John McCain nicht zu besiegen ist: Die weiße Arbeiterschaft, die weniger als 50.000 Dollar im Jahr verdient und sich um ihre ökonomische Zukunft sorgt. Die Äußerung Obamas, diese Leute hingen aus Perspektivlosigkeit an Religion und Knarren, ist nicht falsch, aber von oben herab und politisch tödlich. Sie war vermutlich der einzige große Fehler, den Obama im Vorwahlkampf gemacht hat. Auch das wird ihm noch unter die Nase gerieben werden.

Niemand kann behaupten, die Entthronung Hillary Clintons, der einst sicher geglaubten demokratischen Kandidatin, sei einfach gewesen. Im Ringen um die Kandidatur hat Obama ein paar Faktoren ins Rennen gebracht, die ihm ab jetzt nicht mehr nützen, sondern ihm womöglich sogar schaden werden. Washington-kritische Botschaften eines Juniorsenators sind natürlich populär, wenn man sich als Mann der Veränderung darstellen will. Schwenkt aber das zentrale Thema des Wahlkampfs bis zum November wieder von Gesundheitsreform und Wirtschaftskrise zurück zu Terror und Sicherheit, wird Mangel an Erfahrung nicht als frische Luft, sondern als Makel begriffen.

Und: Bislang hat es noch immer gereicht, unter demokratischen WählerInnen und AnhängerInnen Enthusiasmus zu erzeugen. Kein Wunder, waren doch seine Vorgänger - Al Gore 2000 und John Kerry 2004 - in dieser Hinsicht weit weniger charismatisch. Spätestens jetzt aber braucht der Kandidat Obama einigermaßen ausgearbeitete Politikvorschläge zu Kernbereichen wie Wirtschaftsbelebung, Gesundheitsreform, Irakkrieg, Energiepolitik sowie Terror und innere Sicherheit. Vorschläge, die auch im direkten Vergleich mit den Republikanern bestehen müssen.

Ob er das schafft, hängt ganz wesentlich davon ab, welche Leute er in sein Team holen kann. In diesem Punkt allerdings braucht sich Obama vermutlich keine Sorgen zu machen. Wer wollte nicht dabei sein, wenn Geschichte geschrieben wird?

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