berliner szenen: Ob Bowl oder Sandwich
Kalt und angenervt radele ich fast am neuen Bistro vorbei. Eröffnung, heute 40 Prozent Rabatt! Ich parke mein Rad neben dem ballonüberzogenen Schild und werfe einen Blick auf die erstaunlich günstige Speisekarte. Die Burger sehen lecker aus, aber es ist Januar, und im Januar trifft man gesunde Entscheidungen. Ich will eine Health Bowl. Dazu einen Nuss- und Proteinsmoothie. Natürlich reizt mich das Teuerste. Wer bin ich denn geworden? Mittagspause 2025: Kippen out, Proteinshakes in. Ich stehe dazu und versuche, die Combos and Deals zu entziffern.
Der Typ, der gerade bestellt, scheint auch Schwierigkeiten zu haben. Der Kellner wohl auch. Jede Bestellung dauert extrem lange, da er erst alle Mitarbeiter aus der Küche holt und um Rat bittet. Sie schauen dann verzweifelt auf die Karte und entscheiden sich gemeinsam für einen Preis.
Das Bistro zieht immer mehr neugierige und amüsierte Gäste an. Zwei Mütter diskutieren lautstark, ob sie vor dem Kino noch Zeit zum Essen haben und ob es klug sei, mit saftigen Burgern vor den Kindern aufzutauchen. Eine der beiden beschwert sich dann, weil die Zubereitung so lange dauert. Die andere schaut sich verlegen um. Am Ende hat es sich aber gelohnt. Die Meckernde jubelt fast beim ersten Burgerbiss.
Ich kann allerdings nicht jubeln, da ich statt einer Lachs-Bowl ein Lachs-Sandwich bekommen habe und die überforderten Mitarbeiter nicht weiter stressen möchte. Ich grummele kurz vor mich hin, dann schaue ich mich um und merke, dass ich bei meiner Enttäuschung beobachtet werde. Dann muss ich lachen, weil es zwischen Brot und Quinoa nicht wirklich einen Unterschied gibt, weil die Menschen hier äußerst sympathisch sind und weil ich wieder weiß, wer ich bin, und was mir wichtig ist (nämlich nicht, wie viele Kohlenhydrate ich täglich zu mir nehme). Nina Kashi Street
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