Neues HSV-Buch: Tradition statt Titel

Lesende HSV-Fans haben es gut: Sie können sich die Winterpause gleich mit mehreren opulenten Vereins-Schmökern versüßen. "Mit der Raute im Herzen" erfreut auch Nicht-Fans

Torwart Gehlhaar, Hertha BSC, rettet vor Ziegenspeck, doch der HSV gewinnt das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft 1928 mit 5:2 Bild: VERLAG

Kaum ein anderer Fußballverein in Deutschland lebt so von und mit seiner Tradition wie der Hamburger SV. Das liegt nicht nur daran, dass die erste Mannschaft seit 21 Jahre auf einen Titel wartet. Seit der Fusion seiner drei Vorläufer im Jahr 1919 gehört der HSV durchgängig der ersten Klasse an. Das ist in Deutschland genauso einzigartig wie die Langlebigkeit des Logos: Das auf der Spitze stehende blau-weiß-schwarze Quadrat hat sich seit 90 Jahren allen grafischen Trends widersetzt.

Egal, ob sie nun von Gründungsmitglied Henry Lütjens erfunden worden oder doch von Otto Sommer, dem Sohn des ehemaligen Rothenbaum-Platzwartes - für gleich zwei gewaltige Geschichtsbände mit jeweils drei Kilo bunt bedrucktem Papier ist die Raute unverzichtbarer Blickfang auf dem Titel. Während der sakrale Band "Unser HSV" (taz berichtete) von Aufsichtsrat und Fan Axel Formesyn die Raute als sich selbst erklärende Ikone auf das HSV-Blau zentriert, halten die Journalisten Werner Skrentny und Jens R. Prüß in ihrer "großen Geschichte des Hamburger SV" dann doch eine textliche Verstärkung für angebracht.

Auf den 472 großformatigen Seiten von "Mit der Raute im Herzen" vergießen die beiden Chronisten zwar eine Menge Fanblut - dennoch findet auch der distanzierte Leser, dessen Herz schon anderswo in der Bundesliga vergeben ist, hier ein sehr kenntnis- und facettenreich geschriebenes Standardwerk vor. Dieses führt ihn vom Jahr 1887 und dem SC Germania aus durch elf (!) Epochen Hamburger und deutscher Sportgeschichte. Ab 1919 wird jedes Spieljahr einzeln betrachtet, mit einem zusammenfassenden Text, einem "Mann der Saison", einer Saisonstatistik und einem blau hinterlegten Hintergrundtext, der jeweils einen Aspekt heraushebt und vergrößert. Diese insgesamt 90 "Einwürfe" sind prall gefüllt mit durchweg lesenswerten Storys, Porträts und Analysen, die weit über den Horizont rein sportlichen Interesses hinausgehen.

Wie etwa die indische Nationalelf 1952 barfuß auf dem Grand-Platz des Billtal-Stadions gegen den HSV antrat oder die aufgebrezelte Mannschaft 1926 in Paris die legendäre Sängerin Josephine Baker umgarnt, das gehört ebenso in dieses Kaleidoskop wie die Nazi-Karriere der Legende Otto "Tull" Harder oder das Wirken des Ex-Spielers Werner Weiß: als Fußballtrainer hinter den Gefängnismauern von Fuhlsbüttel. Dazu natürlich "Uns Uwe", "Mighty Mouse", Rafael van der Vaart und ihre Freunde. In allen Schattierungen. Ein Extra-Kapitel beleuchtet die Fanszene von der Rivalität zu Werder Bremen über die Gründung der Supporters bis zu Edelanhänger Dittsche in Block 3 B.

Um das umfangreiche Material herbeizuschaffen, haben Skrentny und Prüß 27 Gastautoren hinzu gebeten. Und der Verlag klotzt hier - im Unterschied zum fast zeitgleich bei ihm erschienenen Werder Bremen-Buch - mit teilweise ganzseitigen Fotos. Die prädestinieren den Band endgültig zur wonnevolle Ersatzbefriedigung während der öden und - im Gegensatz zu ihm - völlig überflüssigen Winterpause.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de