Neues Album von Jeb Loy Nichols

Fragen eines prekarisierten Künstlers

Der US-Musiker Nichols verbindet die Universen von Country und Soul mit Dubreggae. Und liefert Protestsongs in weichem Gewand.

Mann mit Hut, es ist Jeb Loy Nichols

Ein ganz großer Singer-Songwriter: Jeb Loy Nichols Foto: Richard Booth

Wirkt ein Protestsong dringlicher, wenn er im weichen Gewand daherkommt? Wenn die Musik so einschmeichelnd ist wie möglich? Wer das bejaht, kriegt nun mit „To Be Rich (Should Be a Crime)“ von Jeb Loy Nichols einen Frühjahrshit. Verpackt in luftigen Reggae, der Assoziationen weckt an die besonders einschmeichelnde Reggae-Spielart Loversrock, fragt Nichols einen nicht näher beschriebenen Reichen in seinem Text, der von Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ inspiriert sein könnte: „Where did you get your money, Sir?“, „Who did you steal it from?“ und „Who built your schools, Sir?“

„To Be Rich (Should Be a Crime)“ ist der Auftaktsong zu Jeb Loy Nichols’ neuem Album „Longtime Traveller“. Wie so oft in seiner Karriere, die neun Soloalben umfasst sowie vier Werke, die mit der Band Fellow Travellers entstanden sind, wandelt der näselnde US-Künstler in „To Be Rich“ auf unnachahmliche Weise auf schmalem Grat: Zwischen textlicher Härte und einer Musik, die, um mal in wohlwollender Absicht in den Klischeetopf zu greifen, Bilder vom Strand evoziert.

Der Song knüpft an einen Nichols-Klassiker an: „A few good times“, 1992 eingespielt mit den Fellow Travellers für das Album „Just a visitor“. Der Sänger schlüpft hier in die Rolle eines Malochers, der am Freitagabend nach einer harten Woche im Gespräch mit seiner Frau klagt, wie beschissen sein Alltag doch sei. Im Refrain singt er „I would not mi-i-i-i-ind a few good times in my life“, und obwohl man nicht das Gefühl hat, dass der beschriebenen Person diese glücklichen Momente jemals vergönnt sein werden, versetzt einen der Song in beschwingte Stimmung.

Die Art, wie die Fellow Travellers Dubreggae, Soul und Country ineinanderfließen ließen, war und ist sensationell. „Longtime Traveller“ hat Nichols nun beim britischen Label On-U-Sound veröffentlicht, produziert von Labelchef Adrian Sherwood. Es ist ihre erste gemeinsame Arbeit, obwohl die beiden schon seit 1981 befreundet sind.

Berührungspunkte zwischen Genres

Unter dem Namen Jeb Loy & The Oil Wells war der in Wyoming aufgewachsene Nichols, der in den Achtzigern nach England ging, weil, wie er der taz sagt, Europa nicht so stockkonservativ sei, wie die USA es zumindest sein können, auf der allerersten On-U-Sound-Compilation vertreten. „Ich habe die Gesangsparts an einem Tag eingesungen, und Adrian hat in zwei Tagen gemixt. Jetzt hat er Zeit in Dub und Editing investiert.“

Jeb Loy Nichols: „Longtime Traveller“ (On-U-Sound/Rough Trade)

Seit den Fellow Travellers ist Nichols auf der Suche nach Berührungspunkten zwischen Genres, die scheinbar wenig gemeinsam haben, wie in dem kürzlich veröffentlichten Mix: „Reggae got Country“. Er enthält Reggae-Versionen von Country-Stücken, interpretiert unter anderem von John Holt. Der Titel des Mixes bezieht sich auf „Country got Soul“, eine Compilation-Reihe, für die Nichols in den nuller Jahren verantwortlich zeichnete.

Er selbst nennt sich „Country Soul Brother Number One“, kurz vor „Longtime Traveller“ hat er mit „Ya smell me?“ ein Minialbum veröffentlicht, auf dem die Facetten, die diese Bezeichnung zum Ausdruck bringt, hörbar sind. Zwei Alben quasi parallel herauszubringen, ist für einen unbekannt gebliebenen Musiker ökonomisch gewagt. War das so geplant? „Nichts in meinem Leben ist geplant“, schmunzelt Nichols. Es sei aber eine gute Sache, dass er „beide Seiten dessen, was ich tue“, präsentieren könne.

Nichols arbeitet auch als bildender Künstler. Er leitete zeitweilig das Reggae- und Gospel-Reissue-Label Pressure Sounds und hat Ausstellungen mit Druckgrafikporträts von Musikern hergestellt. Romane schreibt er auch noch; die letzten beiden Werke sind in Kleinstauflage exklusiv über seine Website zu haben.

Wenn jemand, der in derart vielen Bereichen künstlerisch aktiv ist, „To Be Rich (Should Be a Crime)“ singt, ist das ein gute Vorlage, darüber zu reden, wie es ist, prekär zu leben. „Musik bringt immer noch am meisten ein – auch wenn nicht viel rumkommt“, sagt Nichols. „Alles in allem reicht es, um leben zu können.“ Zumindest im ländlichen County Powys in Wales, wo er seit vielen Jahren zu Hause ist.

Mit seiner Frau Lorraine Morley, einst Backgroundsängerin bei den Fellow Travellers, hat er sich dort auf einem zehn Morgen großen Grundstück niedergelassen. London, wo er früher gelebt hat, sei inzwischen zu einem „Resort für die Wohlhabenden“ geworden. Nun baut er Gemüse an. Jeb Loy Nichols ist damit im Reinen, denn dass er auf dem Land lebt, ermöglicht es ihm überhaupt erst, als Künstler arbeiten zu können: „Dort kann man arm sein. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich keinen Job machen muss, den ich hasse.“ In diesem Sinne ist „Longtime Traveller“ der ideale Soundtrack zur Stadtflucht.

.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de