(N)Olympia-AktivistInnen Nicole Vrenegor und Dirk Seifert: „Es geht nicht um Sportsgeist“

Nicole Vrenegor und Dirk Seifert vom Bündnis (N)Olympia kritisieren Gigantomanie, Intransparenz und wirtschaftliche Interessen des IOC.

Befürchten gigantische Sicherheitsvorkehrungen und luxuriöse Extrawünsche: Nicole Vrenegor und Dirk Seifert von (N)Olympia. Bild: Miguel Ferraz

taz: Frau Vrenegor, Herr Seifert, was haben Sie gegen Sport?

Dirk Seifert: Überhaupt nichts. Sport ist etwas Wunderbares, da Sport die Fähigkeit hat, die unterschiedlichsten Menschen zusammenzubringen. Mit Skepsis hingegen sehen wir, dass der Hauptmotor einer Olympiabewerbung Hamburgs die Handelskammer und Wirtschaftskreise sind. Auch der Partner auf der anderen Seite, das Internationale Olympische Komitee (IOC), ist zu einem rein profitorientierten Marketingkonzern verkommen. Das IOC beweist sich seit Jahrzehnten als reformunfähig. Stichworte sind hier: Korruption, Gigantomanie und die völlige Intransparenz in den Entscheidungen. Deshalb geht es bei Olympischen Spielen leider nicht um Sportsgeist, sondern vor allem um knallharte wirtschaftliche Interessen.

Wer steht denn hinter (N)Olympia?

Seifert: Wir sind derzeit mit vielen Akteuren aus unterschiedlichsten Bereichen im Gespräch. Es gab bisher ein Treffen, von dem ausgehend haben wir ja 13 kritische Fragen an den Senat und DOSB erarbeitet. Wir – das sind Aktive aus Umweltorganisationen, aus Stadtteil- und Mieterinitiativen, von Recht auf Stadt, kirchliche und gewerkschaftliche Akteure sowie Linke und Grüne bis hin zu Rebellen aus dem Plenum der Handelskammer. Da sind Leute dabei, die viele Fragen und Sorgen in Bezug auf Olympia haben, aber noch nicht entschieden sind. Aber auch diejenigen, die klar gegen eine Olympia-Bewerbung von Hamburg sind.

Und was befürchtet dieses bunte Bündnis?

41, die Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Stadtentwicklung ist aktiv bei Recht auf Stadt in Hamburg und bloggt auf nolympia-hamburg.de.

Nicole Vrenegor: Es sind vor allem vier Punkte. Wir befürchten, dass sich im Zuge von Olympia die soziale Spaltung innerhalb Hamburgs weiter verschärft durch Gentrifizierung und Mietsteigerungen. Es droht zweitens ein ökologisches Desaster durch massiven Flächenverbrauch und mehrere Millionen Tonnen CO2-Emissionen. Und am Ende gibt es jede Menge Prestigebauten, die die Stadt nicht braucht und die in der Nachnutzung extrem teuer sind. Womit wir beim dritten Punkt wären: den Kosten. Die haben bei Großereignissen wie Olympia die Tendenz, elbphilharmonisch zu explodieren. Und viertens wären da noch die Sicherheitsmaßnahmen …

Der Reihe nach: Wieso sollte eine neue Olympiaschwimmhalle die Stadt spalten?

Vrenegor: Man muss die Prozesse insgesamt sehen, nicht nur die einzelnen Projekte. Olympia wird in viele Stadtteile ausstrahlen – je näher dran, desto stärker. Die direkt am Olympia-Gelände angrenzenden Viertel sind arme Viertel, wie die Veddel, Wilhelmsburg, Rothenburgsort und Hammerbrook. Dort werden die Olympischen Spiele zu Verdrängungen, Luxussanierungen und Mieterhöhungen führen. Und wenn der Senat sich finanziell mit Olympia verhebt, dann werden die BürgerInnen für Jahrzehnte die Kosten zu tragen haben. In Zeiten von Schuldenbremsen, also ab 2020, heißt das automatisch massive Sozialkürzungen und Haushaltssperren. Olympia hat also nichts mit einer behutsamen sozialen und nachhaltigen Stadtentwicklung zu tun. Ganz im Gegenteil.

53, der Politikwissenschaftler engagiert sich in der Anti-Atom-Bewegung und bloggt für die beiden Seiten umweltfairaendern.de und nolympia-hamburg.de.

Und was macht Olympia ökologisch kaputt in dieser Stadt?

Vrenegor: Viele der großen Sportstätten sollen ja auf dem Kleinen Grasbrook errichtet werden: das Olympia-Stadion, die große Mehrzweckhalle, die Schwimmhalle, das Olympische Dorf. Diese olympischen Sportstätten sind vollkommen überdimensioniert für so eine relativ kleine Stadt wie Hamburg; Sie brauchen viel Platz und eine Verkehrsanbindung, die für ein Massenpublikum geeignet ist. Insgesamt werden große Flächen versiegelt werden müssen, dies unabhängig davon, ob die Gebäude danach wieder zurück gestutzt werden. Das ist per se ein massiver Eingriff in die Stadt.

Der Kleine Grasbrook ist Hafengelände. Da gibt es Umschlagsbetriebe, Parkplätze für die Autoverladung und keinen einzigen Strauch. Was soll da denn an Boden versiegelt werden?

Vrenegor: Diese Betriebe müssen ja für Olympia verlagert werden, die müssen auf andere Flächen ausweichen.

Seifert: Die Umweltverbände, die hinter (N)Olympia stehen, befürchten sehr konkret, dass durch diesen Verdrängungseffekt Grünflächen geopfert werden.

Das sind Hafenbetriebe. Und im ganzen Hafen gibt es keine nennenswerten Biotope mehr, die vernichtet werden könnten.

Seifert: Es gibt Umweltverbände, die haben sich dazu ja sorgenvoll in der letzten Woche öffentlich geäußert. Da muss man schon sehr genau schauen, ob die Verdrängungseffekte im Hafenbereich dazu führen, dass woanders neue Flächen belastet werden.

Vrenegor: Es geht ja nicht nur um den Kleinen Grasbrook. Auch in der Umgebung anderer Sportstätten, wie den Messehallen, müssten weiträumig Umbauten erfolgen, um den Besucherandrang auffangen zu können. Überall in der Stadt gäbe es massenhaft Baustellen mit unkalkulierbaren Kosten. Olympia würde Hamburg für die nächsten zehn Jahre lahmlegen. Alle Mega-Sportstätten – das Olympia Stadion, die Schwimmhalle, das Velodrom – müssten in einer relativ kurzen Zeitspanne gebaut werden. Hinzu kämen U- und S-Bahnbau sowie der Brückenschlag zum Grasbrook. Dies führt vor allem in der Innenstadt zu hohen Lärm- und Umweltbelastungen auch während der Olympischen Spiele, wenn Triathlon und Radrennen quer durch die City gehen.

Vor zweieinhalb Wochen fanden mitten in der Stadt die Cyclassics mit 22.000 TeilnehmerInnen statt. Was ist so schlimm, wenn bei Olympia 200 durchtrainierte Menschen auf Rennrädern durch Hamburg heizen?

Seifert: Ein Radrennen für sich genommen ist nichts Schlimmes. Aber wenn man sich den Kontext anschaut, stellt man fest, das alles ist Teil einer strategischen Neuplanung Hamburgs. Immer mehr sind diese Events für Sponsoren wie Vattenfall lediglich Marketing- und Werbefläche. Da geht es vor allem um das große Geld, um das Image. Hamburg soll mit den Spielen in der Welt bekannter werden und noch mehr Investoren und Unternehmen in die Stadt holen. Die Spiele sind dann nur Mittel zum Zweck, der Sport wird zur Nebensache. Die Bevölkerung ist da im Grunde nur noch Kulisse und Kunde. Nicht mal der Breitensport hat von Olympia wirklich einen großen Nutzen.

Reden wir übers große Geld: Sie befürchten eine Kostenexplosion, für die der Steuerzahler herhalten muss?

Seifert: Wenn man mit den Befürwortern von Olympischen Spielen über Kosten redet, werden die immer ganz unkonkret.

Wahrscheinlich wissen sie es wirklich nicht besser.

Seifert: Gut möglich, ja. Aber alle Erfahrungen von anderen Spielen oder Fußball-Weltmeisterschaften zeigen, dass die Veranstaltungen am Ende dramatisch teurer geworden sind als zunächst behauptet. Wir sehen keinen Grund, warum das in Hamburg anders sein sollte. Dazu kommt, dass das IOC in den konkreten Verträgen Klauseln durchdrückt, die überall zu heftigen Verteuerungen führen. Darüber gibt es überhaupt keine Transparenz für die Öffentlichkeit. Transparenz ist übrigens eine Schlüsselforderung von (N)Olympia Hamburg, allein drei der 13 Fragen an die Hansestadt und den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) beziehen sich darauf.

Ist die Frage der Sicherheit eine von besonderer Intransparenz? Bisher gibt es dazu keine offiziellen Aussagen.

Vrenegor: Ja, das hat man zuletzt in London gesehen. Da waren letztlich 40.000 Sicherheitskräfte im Einsatz, allein das hat 1,3 Milliarden Euro gekostet. Davon war am Anfang in diesen Größenordnungen bei Weitem nicht die Rede. Auch darüber, was sicherheitspolitisch auf uns zu kommt – zum Beispiel mit Gefahrengebieten und der Einschränkung von Bürgerrechten – gibt es keinerlei Transparenz.

Aber es soll doch im nächsten Mai einen Bürgerentscheid über Olympia geben, bei dem alle Fakten auf dem Tisch liegen.

Vrenegor: Das ist auch gut und richtig. Wir befürchten aber, dass nur über eine Lightversion von Olympia abgestimmt werden wird, die erst mal bescheiden und nachhaltig daher kommt. Erst später werden die wirklich bitteren Pillen verabreicht, nämlich dann, wenn das IOC den Zuschlag vergibt. Konkret fordert das IOC von den austragenden Städten gigantische Sicherheitsvorkehrungen, eine überdimensionierte Infrastruktur und diverse luxuriöse Extrawünsche – was letztlich Milliarden an Zusatzkosten produziert. Dann ist es zu spät, um Nein zu sagen, weil das IOC aufgrund undurchsichtiger Verträge am längeren Hebel sitzt. Aus dem Grund fordert (N)Olympia Hamburg eine Offenlegung aller Verträge zwischen der Hansestadt und dem IOC.

Seifert: Es muss zwei Schritte geben. Der Bürgerentscheid im nächsten Jahr steht ja am Anfang der Bewerbung. Und wenn Jahre später alle Details wirklich vorliegen und dann das IOC mit seinen Forderungen kommt, muss es die Möglichkeit geben, das noch mal zu überprüfen. Es muss eine Ausstiegsklausel geben, wenn das Endergebnis von dem, was die Hamburger BürgerInnen zu Beginn abgestimmt haben, am Ende der Planungen und der Verhandlungen mit dem IOC stark abweicht.

Ein zweiter Bürgerentscheid?

Seifert: Darüber muss man reden. Es ist ja auch noch zu klären, in welcher Form die HamburgerInnen während der Planungs- und Verhandlungsphase eingebunden werden und ob es Mitbestimmungsmöglichkeiten der BürgerInnen und Verbände geben wird. Aber in jedem Fall muss am Ende das mit dem IOC ausgehandelte Ergebnis zur Entscheidung gestellt werden.

Also kein Persilschein für die Regierung?

Vrenegor: Nein. Es muss die Möglichkeit geben zu sagen, das ist nicht mehr das, was die BürgerInnen 2015 beschlossen haben, da steigen wir aus.

Verbinden Sie denn mit Olympischen Spielen überhaupt irgendwelche Chancen und Perspektiven?

Seifert: Wenn es gelingt, die wirtschaftlichen Interessen so zurückzudrängen, dass die Idee des Sports klar im Vordergrund steht, könnte das eine schöne Veranstaltung werden.

Vrenegor: Es ist aber sehr fraglich, ob Olympia so überhaupt noch eine Zukunft haben kann. Die Olympischen Spiele in dieser Form und mit diesem IOC nehmen den Sport lediglich als Vorwand, um Profite zu machen.

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