Montagsinterview mit Ingo Georgi: "In einigen Bezirken leben nur noch Vampire"

Ingo Georgi produziert mit seinem eigenen Unternehmen Musikvideos für die Größen der Branche. Das typische Berlin gibt es seiner Meinung nach nicht: "Berlin ist eine Baukastenstadt"

Ingo Georgi an der Spree in Kreuzberg, nahe seinem Firmensitz auf der Schlesischen Straße. Bild: David Oliveira

taz: Herr Georgi, ein radiotaugliches Lied dauert etwa dreieinhalb Minuten. Wie erzählt man in dieser kurzen Zeit eine Geschichte im Video?

Ingo Georgi: Das ist gar nicht so schwierig, auch wenn es relativ wenig Zeit ist. Man muss plakativ arbeiten und Bilder benutzen, die sofort verstanden werden können: Wenn im Video eine Frau vor ihrem Mann aufsteht und mit einer Kettensäge den Tisch durchsägt, macht sie eben Schluss. Oder wenn alles im Video nur zur Hälfte zu sehen ist, fehlt eben symbolisch etwas. Bei Rammstein können Videos aber auch mal doppelt so lang werden, bis die letzte Kerze ausgeblasen wird und der Sänger stirbt.

Wer spielt denn die Figuren in den Videos?

Ingo Georgi

Im Januar 1974 wird Georgi in Hanau am Main geboren und wächst mit seiner Familie in Roßdorf auf. Nach dem Abitur im Jahr 1991 beginnt er ein Studium der Sonder- und Heilpädagogik. 1995 zieht es ihn nach Berlin, wo er zunächst sein Studium fortsetzt, später aber an den Nagel hängt.

Knapp bei Kasse nimmt Georgi einen Job bei einer kleinen Filmproduktionsfirma an. Es folgen Praktika bei einer weiteren Filmfirma, Georgis Karriere nimmt ihren Lauf: Aufnahmeleiter, Herstellungsleiter, Creative Producer. Danach Leiter der Musikvideoabteilung. Nach einem geplatzten Börsengang geht die Firma bankrott.

Nach dem Rauswurf gründet Georgi mit einem Partner und zwei Regisseuren in der Nähe des Schlesischen Tors in Kreuzberg seine eigene Filmproduktionsfirma Katapult. Sie produziert für diverse nationale Musiker Videoclips, darunter Herbert Grönemeyer, Rammstein, Modern Talking, Die Toten Hosen, Fanta 4, Jan Delay.

Das ist das Besondere: Meistens spielen neben den Künstlern Komparsen und nur selten ausgebildete Schauspieler. Dadurch ist es auch Aufgabe des Regisseurs, alle Beteiligten zum Spielen zu bringen. Die meisten Künstler fühlen sich erst unsicher. Doch nach kurzen Anlaufphasen entdeckt man bei vielen Talent, denn sie sind es ja auch gewohnt, sich auf einer Bühne zu präsentieren.

Sie kamen 1995 nach Berlin. Was faszinierte Sie damals an der Stadt?

Ich wollte nur ein paar Wochen einen Freund besuchen, dann bin ich nach Hause gefahren, um meine Sachen zu packen und hierher zu ziehen. Ich war zu dieser Zeit einfach irre frei, und in Berlin gab es alles: So viele Leute haben irgendetwas Spannendes gemacht - ich fand die Stimmung in der Stadt einfach super. Da ich aus einem kleinen Dorf komme, war das für mich etwas völlig neues. Auf dem Dorf hat jeder sich sein kleines Leben so zurecht geschustert: Wohnung bei Papa unterm Dach, ein bisschen studieren, ein bisschen jobben, aber keine wirklichen Entscheidungen treffen. Das war für mich aber kein richtiges Leben. Richtiges Leben fand in Berlin statt.

Also einfach von jetzt auf gleich vom Dorf in die Großstadt?

Ich bin mit Matratze, Fahrrad, Fernseher und einem Koffer nach Berlin gekommen und wollte auch erst mal nur ein halbes Jahr lang bleiben. Die besten CDs und meine Anlage hatte ich auch dabei. Die erste Nacht habe ich bei einer Freundin in Moabit in der Nähe von der Turmstraße in einer 70er-Jahre-Wohnung verbracht. Danach bin ich bei einem sehr guten Freund, der schon länger in Berlin lebte, untergeschlupft: Zweizimmerwohnung im Erdgeschoss im Hinterhof und Ofenheizung in Schöneberg. Ich dachte immer, dass ich mir einfach mal eine Zeit lang die Stadt und das Leben hier anschaue - das habe ich auch meinen Eltern so gesagt. Einfach mal ein halbes Jahr eine Art Auszeit in Berlin.

Das ist jetzt 16 Jahre her.

Ich bin hier zunächst weiter studieren gegangen. Die Miete war echt günstig, und mit dem Bafög, das ich bekommen habe, konnte ich hier extrem gut leben. Irgendwann ging das dann aber auch zu Ende, und ich musste mir einen Job suchen. Da gab mir ein Freund den Tipp, dass eine Filmproduktionsfirma Leute suchen würde. Da bin ich dann hin. Die Atmosphäre der Büros war wie in einem besetzten Haus: Oranienburger Straße 5. Heute wahrscheinlich unbezahlbar. Damals eine Mark pro Quadratmeter, und der Strom wurde aus dem Treppenhaus abgezapft. Da haben die damals Musikvideos gemacht. Ich wusste nicht genau, was das ist oder wie das geht, und habe dann für 150 Mark einen Job als Fahrer zugesagt. Nachdem ich aber rausgefunden hatte, dass ein Drehtag auch mal 20 Stunden dauern kann, bin ich da nicht hingegangen. Der Stundenlohn war mir zu niedrig.

Die Geschichte könnte also hier zu Ende sein?

Ja, genau. Nach zwei, drei Monaten kam dann aber ein Anruf von besagter Firma, und ich wurde gefragt, ob ich noch mal für die arbeiten wollen würde. Noch mal? Keiner hatte scheinbar bemerkt, dass ich beim ersten Mal nicht hingekommen bin. Da ich wirklich abgebrannt war, bin ich da also hingegangen. Von da an war ich Assistent, eben Mädchen für alles. Als ich dann am Ende eines Videodrehs im Abspann meinen Namen gelesen hatte, hat es klick gemacht: Super, der Job macht echt Spaß, und am Ende bekommt man nicht nur Geld, sondern auch Anerkennung, das Allerwichtigste im Leben.

Wie ging es weiter?

Am Anfang musste ich nur telefonieren, ein Auto fahren und quatschen können. Für alles andere gab es beim Dreh Fachleute, die man fragen konnte. Am meisten habe ich dabei von den Kameraleuten gelernt: Die haben damals kein Hotelzimmer bezahlt bekommen, sondern bei Leuten vom Team übernachtet und uns dann erklärt, welches Equipment es gibt, was man damit machen kann, welche Lampen man am besten benutzt oder wie teuer solche Dinge überhaupt sind. Die erste Firma, bei der ich als Producer gearbeitet habe, war zu der Zeit Marktführer in Europa. Es gab unglaublich viele Drehaufträge, und im ersten Jahr haben wir an die 100 Videos gedreht. Das erste große Ding war Sabrina Setlur mit "Du liebst mich nicht", das gleich ein Nummer-eins-Hit wurde. Kurz danach kamen dann schon Rammstein und Tic Tac Toe, die mit einem guten Budget ausgestattet waren und mit denen jeder arbeiten wollte. Berlin war zu dieser Zeit ein super Ort, auch wenn wir die Stadt zu dieser Zeit nicht wirklich miterlebt haben.

Wieso nicht?

Weil wir rund um die Uhr am arbeiten waren. Hauptsächlich im Büro oder an Drehorten in irgendwelchen Kellern oder auf irgendwelchen Dächern. Wir sind auch nicht in den Urlaub gefahren, und ich habe einmal den Geburtstag meines Vaters vergessen, weil Drehtag war. Leider wollte die Firma eines Tages an die Börse, ist damit gescheitert und insolvent gegangen. Auf der letzten Weihnachtsfeier haben wir es noch mal richtig krachen lassen wie auf einem sinkenden Schiff. Danach sind wir alle rausgeflogen und mussten zum Arbeitsamt.

Aus Berlin wegzugehen, war da keine Option?

Nein, weggehen oder aufhören stand nie zur Debatte. Stattdessen haben wir uns zu viert zusammengetan und die eigene Firma gegründet.

Was genau sind in der Firma Ihre Aufgaben als Producer?

Ich entwickle zusammen mit den Regisseuren die Konzepte und Ideen für die Videos und bringe sie an die Kunden. Mein Partner macht hauptsächlich die Kalkulationen zu den Konzepten. Das Beste an der Produktion eines Musikvideos ist, dass man als Grundlage hauptsächlich das Lied eines Künstlers bekommt und dann eine Idee dazu haben darf und soll. Man bekommt das Lied, ein paar Bilder vom Künstler, wenn man den noch nicht kennt, den Liedtext, und schon gehts los. Das ist ein Riesenunterschied zur Werbung, wo man meistens fertige Storyboards mit festen Kameraeinstellungen bekommt, in denen steht: "Familie kommt nach Hause, setzt sich aufs Sofa und macht sich einen Joghurt auf."

Worin besteht die Kunst des Videodrehs?

Die Kunst besteht darin, bisher ungesehene Ideen zu finden und dann für möglichst wenig Aufwand und Geld das Größtmögliche umzusetzen. Mein alter Chef hat mir immer gesagt: Geht nicht, gibts nicht. Er hat Recht: Für die Kamera kann man eigentlich immer alles möglich machen.

Was ist bei der Umsetzung besonders schwierig?

Die Schwierigkeit hängt manchmal von der Ausstattung ab. In Berlin findet man die unmöglichsten Sachen, die Standards aber sind manchmal schwierig zu organisieren. Schön eingerichtete, große Lofts im Erdgeschoss, damit man gut beleuchten kann, sind zum Beispiel enorm schwierig zu finden, weil nun mal kein Mensch im Erdgeschoss ein schön eingerichtetes Loft hat. Die sind eben meistens mindestens im fünften oder sechsten Stock. Wenn so etwas Teil des Konzepts ist, dann beißt man sich daran die Zähne aus. Und viele Künstler wünschen sich eben schon extravagante Orte oder Dinge in den Videos.

Ist das Unmögliche typisch für Berlin?

Ich finde, es gibt kein typisches Leben in Berlin. Besonders aber ist, dass sich jeder, allein schon dadurch, wo man wohnt oder wo man arbeitet, sein eigenes Berlin zusammenbaut. Eigentlich kennt aber auch jeder ein anderes Berlin. Dadurch zum Beispiel, dass ich einen Hund habe, spielt der Grunewald in meinem Berlin eine wichtige Rolle. Ganz viele Kollegen von mir aber kennen den Grunewald nicht einmal. Berlin ist eine Baukastenstadt, und je nachdem, in welchen Lebenswelten man sich aufhält, baut man sich sein Berlin zusammen. Hier gibt es nicht nur ein Zentrum, sondern viele verschiedene. Das finde ich echt toll an der Stadt: Wenn man sich verändert, Kinder bekommt oder so, dann nimmt man einfach andere Bausteine der Stadt in die Hand. Ich bin nach Dahlem gezogen und finde es mittlerweile richtig gut, lange Wege zu haben, weil ich dadurch erst wieder realisiere, wie groß und vielseitig die Stadt ist. Wenn man - wie ich früher - in Kreuzberg wohnt und in Kreuzberg arbeitet, ist die Stadt ganz schön klein.

Ihr Berlin besteht fast nur aus Bausteinen Westberlins. Wie kommt das?

Für Leute wie mich, die aus Westdeutschland nach Berlin gezogen sind, gab es einfach unzählige Westberliner Mythen, die Berlin für uns so interessant gemacht haben: Es gab den Bahnhof Zoo, Christiane F., David Bowie, Nick Cave, Hausbesetzer, Ton Steine Scherben oder den 1. Mai: Alles Dinge aus Westberlin. Von Ostberlin kannten wir kaum Geschichten. Natürlich bin ich jeden Abend im Osten ausgegangen, aber habe immer im Westen gewohnt: zuerst in Schöneberg, dann in Kreuzberg im Wrangelkiez, der aber auch noch ganz anders war als heute, irgendwie ausgestorben, weil alle nach Mitte wollten. Danach in Neukölln. Heute möchte ich auch nicht mehr in den Osten ziehen. Das ist mir mittlerweile zu gemacht da. Das kommt mir zum Teil vor wie Disneyland. Wir haben da aber auch schon Videos gedreht, beispielsweise im Sommer Andreas Bourani auf dem Gelände rechts von der Revaler Straße. Nur noch selten aber findet man da wirklich gewachsene Sachen.

Was fehlt Ihnen im Ostteil?

Vor ein paar Jahren habe ich mal einen Bericht gelesen, in dem es darum ging, wie Städte und Bezirke funktionieren und wie das Gleichgewicht sein sollte, damit sie gesund bleiben. Und da stand, es müsse einen Großteil an Normalität geben: den Schuster an der Ecke, den Bäcker und ein paar kreative Leute, also Künstler, Buchhändler oder Barbesitzer. In dem Bericht war auch von sogenannten Vampiren die Rede, die man braucht, um dann kreatives Potenzial zu Geld zu machen. In Berlin habe ich aber manchmal das Gefühl, dass in einigen Bezirken nur noch Vampire leben und viele Kreative ausgeblutet sind. Die Oma, die einfach nur ihr Kilo Äpfel beim Obsthändler kaufen möchte, kommt gar nicht mehr zum Zug.

Sie sprechen über die Gentrifizierung.

Ja, an sich schon. Und zu gewissen Teilen habe ich dabei ja auch mitgemacht: Nach wie vor sitzt unsere Firma am Schlesischen Tor, aber wir gehen jeden Mittag im Kiez Essen und lassen unser Geld dort. Jetzt darf ich mich nicht beschweren, dass da ein Restaurant nach dem anderen aufmacht. Leider aber keine guten! Ich muss mir in Zukunft also Brote mit auf die Arbeit nehmen. Man ist eben Teil des Ganzen und kann sich da nicht rausnehmen. Aber meiner Meinung nach ist das Problem in klassischen Westberliner Bezirken nicht so präsent, weil die Dinge eher alteingesessen sind.

Was stört Sie an der Entwicklung besonders?

Was ich schlimm finde ist, wenn Leute nach Berlin kommen und es denen an sich völlig egal ist, ob sie in Berlin, München, Stuttgart oder einer anderen Stadt sind. Seit ich in Berlin wohne, gibt es für mich auch keine Alternative mehr. Man kann hier eben auch ohne viel Geld viel erleben. Und außerdem fragt hier auch keiner, wie viel Geld man verdient, und legt im Gegenzug seinen Autoschlüssel auf den Tisch, um zu zeigen, was er hat. Besonders schade finde ich auch, dass der ICE nicht mehr am Bahnhof Zoo hält. Allein schon wegen Annette Humpes Zeilen: "Bahnhof Zoo, mein Zug fährt ein, ich steig aus, gut wieder da zu sein."

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