Montagsinterview mit Architekt Stefan Weiß: "Es ist heilsam, mit seinen Architektenvisionen leben zu müssen"

Einst hat Stefan Weiß die Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg mitbesetzt, später hat er sie als Architekt renoviert. Nun wird er von den Partygängern nachts geweckt.

Stefan Weiß ist ein Veränderer und ein Veränderter Bild: Amélie Losier

taz: Herr Weiß, die Kulturbrauerei feiert gerade ein Jahr lang 20. Geburtstag. Sie selbst verbringen schon Ihr halbes Leben mit dem Areal - erst als Besetzer, dann als Sanierer, jetzt als Nachbar. Wie feiern Sie?

Stefan Weiß: Ach, es war im Vorfeld so vieles geplant. Eine Fotoausstellung über all die Leute, die hier mitwirkten. Oder eine Ausstellung mit den Selbstdarstellungen des Projekts: vom "multikulturellen Zentrum" der Anfangszeit über ein "Zentrum für Kultur, Politik und Ökologie". Interessant, wie die Kulturbrauerei auch immer den jeweiligen Zeitgeist verkörperte. An so etwas hätte ich mich gern beteiligt. Aber es kam nicht dazu - kein Geld vom Senat. Jetzt nehme ich die sogenannten Feierlichkeiten nur am Rande zur Kenntnis.

1967 betritt Weiß zum ersten Mal die spätere Kulturbrauerei. Da ist der Schüler aus Weißensee 16 und das einstige Schultheiss-Brauereigelände zwischen Schönhauser Allee und Knaackstraße ein marodes Möbellager. Weiß schleppt bei einem Noteinsatz Möbel aus undichten Räumen ins Trockene. Das um 1880 erbaute 40.000 Quadratmeter große Areal mit seinen prächtigen Backsteingebäuden wird zwar 1974 unter Denkmalschutz gestellt, trotzdem verfällt es. Einziges Highlight ist der Livemusikclub Franz.

1990 besetzen Weiß - inzwischen diplomierter Architekt - und eine Handvoll Aktivisten das Gelände der Kulturbrauerei. Zu den Machern der ersten Stunde gehörten die Sängerinnen Angelika Weiz und Tamara Danz sowie Hein Köster, der Herausgeber der DDR-Designzeitschrift Form und Zweck.

1996 zieht unter Regie der Treuhand Liegenschaftsgesellschaft eine "bunte Mischung aus Kultur, Dienstleistung und Gewerbe" ein. Die Sanierung von 1998 bis 2000 übernimmt das Architekturbüro Weiß + Faust, gegründet 1993 von Stefan Weiß und Matthias Faust, das sich mit der denkmalgerechten Sanierung der Hackeschen Höfe einen Namen gemacht hat.

Nächstes Jahr wird Stefan Weiß 60 und kann mit der Kulturbrauerei zusammen feiern: Die begeht seit dem 1. September ein Jahr lang ihr 20-jähriges Jubiläum.

Klingt enttäuscht …

Was die Kulturpolitik angeht, war es mit Eberhard Diepgen mitunter leichter als mit dem rot-roten Senat. Mein Eindruck ist, dass sehr viel Geld aufgewendet wird, um die Hochkultur zu konsolidieren - die sogenannte Off-Kultur fällt hinten runter. Unsere Utopie war aber immer daran gebunden, dass es eine solide Finanzierungsgrundlage gibt für so wichtige Projekte wie den Verein Sonnenuhr. Er arbeitet künstlerisch mit geistig Behinderten - und ist bis heute nicht adäquat finanziert. Ein Unding! Die Leute um Gisela Höhne machen eine großartige Arbeit, quer durch alle Genres der Kunst, von der bildenden Kunst über Musik bis zum Theater. Eigentlich das, was ich mir für das ganze Projekt Kulturbrauerei vorgestellt hatte.

Jetzt gibt es dort jedes Wochenende Party und einen Weihnachtsmarkt …

So wird die Kulturbrauerei seit ein paar Jahren wahrgenommen, ja. Aber wenn man genau hinsieht, hat sich inhaltlich nicht viel verändert: Die Literaturwerkstatt gibt es noch, die Musikschule, die 17 Hippies, die Sammlung industrielle Gestaltung. Aber wenn die Leute "Kulturbrauerei" hören, denken sie an Konzerte, Partys. Und Weihnachtsmarkt. Das liegt auch am Geschäftsmodell: Die Consense GmbH erhält jährlich Geld vom Land für Miete und Betriebskosten. Alles andere muss jedes Projekt für sich selbst erwirtschaften. Dabei kommen Einrichtungen wie Literaturwerkstatt und Sonnenuhr nicht richtig zur Entfaltung. Das sehe ich jetzt. Aber damals bei der Besetzung hatten wir ja keine Ahnung, was es heißt, wirtschaftlich zu arbeiten.

Wie kam es, dass Sie 1990 die Kulturbrauerei besetzten?

Mit meinem Partner Matthias Faust habe ich schon zu DDR-Zeiten zusammengearbeitet. Wir hatten uns beim Architekturstudium in Weißensee kennen gelernt und Vorlesungen bei Bruno Flierl gehört. In den 80ern waren wir auf der Suche nach einem Arbeitsraum und fanden diese kleine Waffelfabrik an der Schönhauser - mit Blick auf das Areal der Kulturbrauerei. Das war komplett marode und wurde als Möbellager genutzt. Uns kam die Idee, die Brauerei umzunutzen zu einem Zentrum für alle künstlerischen Verbände, die es gab: Verband der bildenden Künstler, Schriftstellerverband, Verband der Musiker und so weiter.

Was wurde daraus?

Wir reichten ein Konzept ein, das uns geradezu ideal für eine sozialistische Gesellschaft schien - es wurde nie realisiert. Wir waren so naiv zu glauben, dass es an der Finanzierung lag. Im Nachhinein weiß ich, dass das politisch nicht gewünscht war: ein Ort, an dem sich unkontrolliert Künstler, Intellektuelle und Bevölkerung austauschen! Noch dazu auf einem so verwinkelten Areal mit 20 Gebäuden und sechs Höfen.

Wo die DDR-Behörden kein Widerstandsnest wollten, entwickelten Sie nach der Wende mit anderen ein Kulturzentrum. Wie gingen Sie vor?

Es war eine sehr geordnete Besetzung. Eines Abends nach dem Zusammenbruch der DDR trafen sich bei einem Künstler in Prenzlauer Berg 30 bis 40 Leute, um die alte Idee wiederzubeleben. Das Projekt war klar, der Name Kulturbrauerei schnell gefunden. Wir gründeten eine GmbH, gingen zum Senat und stellten unser Konzept vor. Die Betreiber des Möbelladens gaben uns die Gebäude, die sie nicht nutzen konnten, weil sie zu marode waren. Wir werkelten im Maschinenhaus, Kesselhaus, Pferdestall. Am 23. Dezember unterschrieb ich den Mietvertrag. Danach begann die schwere Arbeit des Alltags. Besetzen ist ja leicht. Aber Projekte durchzuführen und Geld aufzutreiben, ist was anderes.

Was war Ihre Stärke?

Ich kümmerte mich in der ersten Zeit um Technik und bauliche Maßnahmen: kaputte Klos, leckende Dächer, Wasseranschluss. Und die Inhalte - ich holte zum Beispiel den Verein Sonnenuhr aufs Gelände. Ein wichtiger Wendepunkt war, dass 1992 der TV-Journalist Ulrich Meyer einen Raum suchte, aus dem er die Sat.1-Sendung "Einspruch" produzieren könnte. Wir boten ihm das völlig kaputte Kesselhaus an - mit der Auflage, dass Mayer es so sanierte, dass wir es als Konzerthaus nutzen können. Damit begann das eigentliche Leben der Kulturbrauerei. Ich habe mich 1998 von der inhaltlichen Arbeit gelöst, um mit meinem Büropartner Matthias Faust die Sanierung bis zur Fertigstellung 2000 planerisch zu begleiten.

40.000 Quadratmeter baufällige Industriebausubstanz, verschiedenste Nutzer, unsichere Finanzierung. Ein Mammutprojekt. Wie hält man so was durch?

Wenn Sie von einer Vision besessen sind, dann machen Sie das einfach - ohne Wenn und Aber. Für mich bestand der Reiz darin, so ein großes, stadtbestimmendes Areal zu entwickeln. Die Kulturbrauerei ist was Besonderes, ein fast vollständig erhaltenes Industriedenkmal. Ich habe diese wunderschönen verzahnten Höfe vor mir gesehen, mit Künstlern, die darin arbeiten. Ich habe auch einen Weihnachtsmarkt gesehen und ein Kino.

Und auch einen Supermarkt und ein Fitnesstudio?

Aber ja! Diese Vielfalt der Nutzungen war genau, was mir vorschwebte. Damals gab es auch Verfechter einer Besetzung des ganzen Areals von 41.000 Quadratmetern. Alles sollte Kultur werden - ich fand das utopisch. 10.000 Quadratmeter zu entwickeln, war schwer genug. Durch den Mietvertrag haben wir immerhin die Existenz der Kulturprojekte auf 15 Jahre gesichert. Klar ist das bescheiden. Aber die Kulturbrauerei ist Eigentum der Treuhand Liegenschaftsgesellschaft. Die kann man schlecht zwingen, einen Teil ihrer Gewinne in Kultur zu reinvestieren.

Sie hätten eine Betreibergesellschaft gründen und kaufen können - wie die Macher des nahen Pfefferbergs, die das Gelände der einstigen Brauerei Pfeffer Schritt für Schritt sanierten und entwickelten.

Wir konnten und wollten nicht kaufen, das Gelände ist schließlich viel größer als der Pfefferberg. Außerdem haben mein Partner und ich vorher die Sanierung der Hackeschen Höfe begleitet. Dabei haben wir viel gelernt, worauf wir bei der Kulturbrauerei zurückgreifen konnten. Die wichtigste Lektion war: Tolle Ideen müssen auch finanzierbar sein. Bei den Hackeschen Höfen war es schon ein Erfolg, dass das Varieté und die Filmtheater erhalten blieben. Dass die Höfe in erster Linie ein begehbares Museum für Touristen sind, das muss in der Spandauer Vorstadt so funktionieren.

Es ging nicht anders - das klingt nach Verteidigungshaltung. Hat Sie ihr pragmatischer Ansatz viele Freunde gekostet?

Viele Mitstreiter, Bekannte, Freunde sind in diesem Prozess nicht bei mir geblieben. Das ist der Verlust, den so eine intensive Arbeit über sieben Jahre mit sich bringt. An den Hackeschen Höfen und der Kulturbrauerei scheiden sich die Geister. Aber dafür sind das die Projekte, die ich bis heute als die erfüllendsten ansehe. Ich habe dafür große Opfer an Kraft und Lebenszeit gebracht. Als alles fertig war, fiel ich in ein tiefes Loch. Ich fragte mich: "Wirst du jemals noch mal die Chance bekommen, etwas so Tolles zu machen?" Immer noch habe ich die Sehnsucht nach einem Projekt, dessen Sinnhaftigkeit sich mir nie auch nur für einen Moment in Frage stellt. Das hat man als Architekt selten.

Sie sind nicht nur Architekt, sondern auch direkter Nachbar der Kulturbrauerei. Wie nutzen Sie das Gelände selbst?

Ich gehe oft in den Supermarkt oder abends ins Kino. Dabei schaue ich: "Wie funktioniert das, was du dir damals ausgedacht hast?" Es ist spannend zu sehen, wie Geplantes in der Praxis funktioniert. Oder eben nicht. So nutzen die Kinobesucher den Lieferanteneingang - unseren repräsentativen Haupteingang mit der Treppe ignorieren sie.

Das ist ja nicht so schlimm …

Bedacht haben wir auch nicht, dass Menschenmassen so viel Lärm und Dreck erzeugen. Der Wunsch nach Märkten und Festen kommt aus der Tristesse der DDR. Ich wollte, dass urbane Plätze zum Feiern genutzt werden und nicht für Großdemonstrationen. Für die Anwohner ist das aber ein Lärmschutzproblem. Auch ich liege manchmal nachts wach, weil drüben wieder so laut gefeiert wird. Ich werde sozusagen konfrontiert mit den Auswirkungen meiner eigenen Vision, das ist sehr heilsam und lehrreich! Wir führen jetzt Schallschutzmaßnahmen durch.

Sie wohnen seit 1980 an der Schönhauser Allee. Wie empfinden Sie die Veränderung der Gegend?

Ich betrachte mit Interesse den Umschichtungsprozess des Viertels, die Verjüngung. Ein Großteil der Bevölkerung soll ja zwischen 25 und 40 Jahren alt sein. Da beschleicht mich manchmal der Gedanke, ein Relikt aus alten Zeiten zu sein. Die Geschichte des Prenzlauer Bergs und seiner Wandlungen ist vielen, die jetzt herkommen, gar nicht bewusst. Die nehmen nur wahr, dass es schick ist, hier zu leben. Ich aber schaue den Menschen im Supermarkt ins Gesicht und spüre, dass die ganz anders gucken. Nur auf sich. Dieses Gefühl der Solidarität, des Gemeinsinns, das atmet Prenzlauer Berg nicht mehr. Das merkt man auch an den Besuchern, die jetzt in die Kulturbrauerei kommen: Party, Spaß - und nach mir die Sintflut. Aber das wird sich vielleicht auch wieder ändern …

wenn die jungen Leute, die jetzt feiern, älter werden und Familie haben?

Die Frage ist ja eher: Was passiert mit den heute 40- bis 50-Jährigen vom Prenzlauer Berg? Was machen die, wenn sie mal gebrechlich sind und Hilfe brauchen? Ziehen die an den Stadtrand oder richten sie sich das irgendwie ein in ihren sanierten Altbauten und Townhouses? Wird es einen neuen Gentrifizierungsschub geben: Die Alten machen Platz und die Jüngeren - von denen es dann viel weniger geben wird - rücken nach? Oder gäbe es eine Möglichkeit, die Altbauten und die für Wohlstandsfamilien konzipierten Neubauten so umzurüsten, dass sie altersgerecht sind?

Und: Gibt es die?

Der Senat müsste Investitionsanreize schaffen, um die Stadtstruktur für die Bedürfnisse der Zukunft anzugleichen. Mich beschäftigt das, wenn ich abgeschlossene Luxus-Wohnanlagen wie die "Prenzlauer Gärten" sehe. Wobei ich da noch ganz andere Gefühle habe.

Welche denn?

Das Gefühl, einem UFO im neoklassizistischen Gewand zu begegnen. Gelandet in einer Umgebung, von deren sozialer Realität man sich mit Wohneigentum abgrenzen will. Solche Anlagen sind für mich in erster Linie keine städtebauliche Erscheinung, sondern eine gesellschaftliche. Eine gebaute Kompensation von Abstiegsängsten. Bei der Betrachtung solcher Phänomene wie Gentrifizierung hilft mir übrigens die Methode des dialektischen Denkens, die einem in der DDR eingetrichtert wurde.

Dialektische Betrachtung eines Townhouses - wie geht das?

Es kann sein, dass das moderne Reihenhaus mich ärgert. Aber es ist falsch, da einen Stein hineinzuwerfen. Schließlich ist das Reihenhaus nur Ausdruck einer Entwicklung - aber nicht das, was der Entwicklung wesenhaft zugrunde liegt. Junge Leute reagieren auf die Erscheinung, haben was gegen ausgestellten Wohlstand, der sich in der Innenstadt präsentiert. Im Gespräch mit den Freunden meiner Tochter versuche ich, auf die Ursache zurückzukommen. Das Eigentum an Grund und Boden ist eine tragende Säule des Kapitalismus. Vom Prinzip her ist es ja absurd, dass jemand ein Stück Erde kauft, einen Zaun drum baut und sagt: Bis runter zum Erdmittelpunkt ist das jetzt meins. Aber Besitz hält diese Gesellschaft zusammen.

Ihr Büro und Ihre Privatwohnung drüber sind doch auch Privatbesitz, oder?

Ja, das war eine Ruine ohne Fenster, Dach und Wasser. Mit Freunden haben wir das acht Jahre lang ausgebaut, als Produktionsstätte. Weil für uns Arbeit die Grundlage des Lebens ist. Nachdem wir so viel reingesteckt haben, war der Kauf logisch. Das war aber ein langer Prozess. Etwas anderes, als sich mit 35 in eine wohlhabende Struktur wie die Prenzlauer Gärten einzukaufen. Eigentum ist ja nicht gleich Eigentum - entscheidend ist die Geisteshaltung. Die kann gemeinschaftlich orientiert sein. Oder zu Auswüchsen führen wie in Potsdam, wo Seehausbesitzer das Ufer für die Allgemeinheit sperren.

Dialektisch betrachtet ist so etwas doch nur logisch.

Wenn die städtebauliche Abgrenzung auch im Kopf passiert, hören Leute auf, sich dafür zu interessieren, was woanders passiert. Und das Fortkommen ist nur noch auf die eigene Person begrenzt. Das ist schlimm - nicht das Townhouse. Genauso wie nicht die Person Thilo Sarrazin so schlimm ist, sondern der Zynismus und das Technokratentum, das aus seinem Buch spricht. Aber mit Zynismus kann man kein Weltbild gestalten. Die Kulturbrauerei steht als Vision für ein anderes Menschenbild, das ich vertrete. Ich befasse mich gerne mit gesellschaftlichen Entwicklungen. Aber die wenige Zeit, die mir neben der Architektur bleibt, will ich nicht mit dem Studium von solchen Gedanken verschwenden.

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