Montagsinterview Karoline Herfurth: "Es ist nicht mein Leben, über den roten Teppich zu laufen"

Für das Filmteam von "Im Winter ein Jahr" war sie "die Kleine", dabei kommt Karoline Herfurth gerade groß raus. Am Wochenende hat die 24-Jährige den Bayerischen Filmpreis als beste Nachwuchsdarstellerin bekommen.

Caroline Herfurth Bild: Bernd Hartung

taz: Frau Herfurth, Sie hatten gerade die ersten Prüfungen an der Uni. Waren Sie da genauso aufgeregt wie beim Drehen oder der Verleihung des Bayerischen Filmpreises?

Karoline Herfurth: Das ist eine lustige Frage, weil genau das ging mir auch durch den Kopf, als ich Prüfung hatte. Ich war unglaublich früh da, saß eine halbe Stunde vorher rum, ich war sehr aufgeregt und hab überlegt, dass ich diese Prüfungssituation ganz oft habe, weil Castings sind solche Prüfungen, Drehs, Preisverleihungen. Bei Preisverleihungen ist mir immer so übel, dass ich denke, ich muss die Bühne verlassen. Du hast immer Events, die du bestehen musst. Ich fühl mich total zu Hause in diesem Prüfungsmodus.

Trotzdem geht die Angst nicht weg?

Komischerweise gar nicht. Bei Drehs hast du ja jedes Mal eine neue Rolle vor dir, wo du nicht weißt, werde ich es so gut machen, wie ich kann, oder nicht. Das sind immer neue Sachen, es ist nie dieselbe Aufgabe.

Sie studieren jetzt im ersten Semester Politik und Soziologie.

Das nennt sich Sozialwissenschaften und setzt sich zusammen aus Soziologie und Politikwissenschaften. Politikwissenschaften setzt sich nochmal zusammen aus Internationale Beziehungen und Politik.

Haben Sie das überhaupt nötig?

Die Rolle reist mit: Ob am Set oder unterwegs, immer hat Schauspielerin Karoline Herfurth den Hardcoverumschlag dabei - darin ihr neuestes Drehbuch mit allerlei Anmerkungen und Klebezetteln für ihre Textpassagen.

Karoline Herfurth wird 1984 in Berlin geboren und wächst in Hohenschönhausen auf. Entdeckt wird sie auf dem Schulhof ihrer Waldorfschule und beginnt schon während dieser Zeit mit dem Schauspiel. Zuerst spielt sie die Anna in Hans-Christian Schmids Jugenddrama "Crazy". Da ist sie kaum 16. Ein Jahr später folgt "Mädchen, Mädchen", der Film, mit dem sie einem breiten Publikum bekannt wird. In Tom Tykwers Verfilmung "Das Parfum - die Geschichte eines Mörders" spielt sie das Mirabellenmädchen. Inzwischen purzeln die Preise über sie herein: 2007 bekommt sie den Diva, den deutschen Entertainment-Preis als Talent des Jahres, 2008 dann den Grimme-Preis und am vorigen Wochenende den Bayerischen Filmpreis als beste Nachwuchsdarstellerin für ihre Hauptrolle in dem Film "Im Winter ein Jahr".

Auf der Berlinale wird sie neben Kate Winslet und Ralph Fiennes in "Der Vorleser" zu sehen sein. Wenn sie nicht gerade vor der Kamera, auf der Bühne oder dem roten Teppich steht, studiert Herfurth - erst an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und jetzt Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität.

Na ja, warum nicht? Für mich war schon immer klar, dass ich studieren werde. Ich hab zwar schon Schauspiel studiert, aber ich wollte mich einfach weiterbilden. Mein größter Wunsch dabei war, dass ich noch ein anderes Gebiet habe, auf dem ich mich gut auskenne, dass ich die Zeitung aufschlagen kann und weiß, worum es geht.

Sind Sie ein politischer Mensch?

Ich würde gern einer werden. Ich wollte schon immer mehr in dem Fach wissen. Zuerst wollte ich Medizin studieren, aber das ließ sich nicht vereinen, da hätte ich meinen Beruf aufgeben müssen, das wollte ich nicht. Ich finde auch, je mehr ich generell weiß, desto besser kann ich spielen.

Politik als Futter für die Schauspielerei?

Es ist Futter für mich und damit Futter für die Schauspielerei. Ich kann meinen Beruf immer dann am besten ausführen, wenn ich mit mir in Balance bin. Das Studium ist etwas, was mich normalisiert, auf den Boden der Tatsachen zurückkommen lässt. Diese Filmwelt kann sehr aufwühlend sein und das Studium beruhigt mich.

Misstrauen Sie der Welt des Glamour und Ihrem Erfolg?

Ich misstraue dem gar nicht, es ist toll, es macht Spaß, aber es ist nicht ernst. Es ist nicht mein Lebensinhalt, über den roten Teppich zu laufen. Sobald dieser Glamour und dieses In-der-Öffentlichkeit-Stehen zu meinem Lebensinhalt wird, werde ich, glaube ich, zerbrechen. Das würde ich mir nie antun wollen.

Wie kommen Sie mit 24 zu so einer "weisen Einsicht"?

Ich mach das jetzt seit neun Jahren. Wenn du 15 bist, dann läufst du über die Straße und denkst, hey, ihr wisst ja gar nicht, wer hier läuft, ich bin in einem Kinofilm. In Wirklichkeit sagst du darin einen Satz. Mit den Jahren lernt man, was wichtig ist und was nicht.

Was ist Ihnen denn wichtig?

Es geht mir nicht um das Drumherum, sondern um meinen Beruf. Im privaten Bereich so sehr im Mittelpunkt zu stehen ist mir nicht lieb. Wenn ich auf eine Party komme oder wenn ich in die Uni komme, dann möchte ich nicht rausstechen durch meinen Beruf. Ich hab früh gesehen, dass es den wirklich guten Schauspielern um die Rolle geht und nicht um ihre Person. Sobald ich als Person zu wichtig werde, desto schlechter kann ich spielen, weil ich dann immer vor meine Figuren rücke. Dabei verliert man, was das Tolle am Filmemachen ist, warum es ein Geschenk ist, Filme machen zu können.

Und das wäre?

Eine Geschichte erzählen. Ich liebe Filme, ich hab mir einen Beamer gekauft, ich könnte ewig Filme gucken. In Geschichten zu tauchen, ist etwas so Tolles. Es gibt Geschichten, da hab ich den dringendsten Wunsch, ein Part davon zu sein, Geschichte mitzuerzählen.

In Ihrem neuen Film "Berlin 36", der im Herbst in die Kinos kommt, sind Sie der Hauptpart. Sie spielen Gretel Bergmann, eine jüdische Hochspringerin im Berlin der Nazizeit. Wie sind Sie in diese Geschichte eingetaucht?

Ich hab sehr akribisch versucht, die Figur zu verstehen. Es gibt eine Biografie von Gretel Bergmann. Dadurch weiß ich ihre Gedanken, die sie zu den Situationen hatte, die ich gespielt habe. Das ist die beste Vorlage, die ich haben kann. Ich muss gestehen, es war eine sehr einsame Zeit. Wir haben in Celle gedreht, man ist zum Set gefahren und vom Set nach Hause und wieder zum Set. Die Einsamkeit der Gretel Bergmann hat sich auf mich übertragen, sie wurde extrem ausgegrenzt, es galt die Trennung zwischen "Ariern" und "Nichtariern". Sie musste in ein olympisches Trainingslager, später ins Exil, sie hatte während der Zeit in den Trainingslagern extreme Todesangst, wusste nicht, was die Nazis mit ihr machen. Manchmal ist es so, dass sich Sachen übertragen von der Figur.

Lernt man nicht, das zu trennen?

Bei "Im Winter ein Jahr" habe ich das lernen müssen …

Das ist die Caroline-Link-Verfilmung, in der Sie eine junge Frau spielen, deren Bruder Selbstmord begangen hat.

Das war für mich die absolute Prüfung, mich zu trennen von der Figur. Die hat mich so runtergerissen, reingezogen in sich, dass ich unglaubliche Schwierigkeiten hatte, mich davon abzugrenzen - was gut war für den Film, aber mich persönlich sehr viel Kraft gekostet hat. Da habe ich gelernt, dass bestimmte Emotionen, Empfindungen, Lebensgefühle dich als Schauspielerin überkommen können bei so anspruchsvollen Figuren, die mit dir persönlich nichts zu tun haben. Und dass man diese Spannung mit bestimmten Mitteln aushalten kann, die man finden muss.

Wie halten Sie diese Spannung aus?

Bei "Im Winter ein Jahr" hab ich alles gemacht, was mich beruhigt: Dinge, die ich mit neun getan hab. Malen nach Zahlen, ich hab Bibi Blocksberg gehört, Comics gelesen, alle zehn Staffeln der Serie "Friends" gesehen. Alle, die mich bei den Dreharbeiten kennen gelernt haben, müssen denken, ich sei eine völlig ungebildete, oberflächliche Kuh.

Für Ihre Rolle haben Sie gerade den Bayerischen Filmpreis als beste Nachwuchsdarstellerin bekommen. Es war Ihr erster Film, in dem Sie eine junge Frau spielen und nicht mehr den Teenie, das junge Mädchen. Durchleben Sie so die Etappen Ihrer eigenen Entwicklung auf der Leinwand?

Ich hab das sehr stark empfunden. Dieses Gefühl, das ist jetzt eine Stufe, da kann ich nicht mehr zurück und das will ich auch gar nicht mehr. Da hatte ich auch das Gefühl, das ist jetzt genau die richtige Rolle, genau die richtige Herausforderung für das richtige Alter. Es passt einfach, mich mit derart schweren Konflikten auseinanderzusetzen. Das hätte ich zwei Jahre früher vielleicht noch nicht gekonnt.

Auf der Berlinale werden Sie in "Der Vorleser" zu sehen sein. Es war Ihre erste große Hollywood-Produktion. Wurden Ihnen da die Knie weich?

Das ist natürlich sehr beeindruckend, dem berühmten Produzenten Harvey Weinstein zu begegnen. Und Kate Winslet - huuh! Da ist man erst mal wie ein kleines Kind unter Hochhäusern. Aber im Prinzip ist jedes Set dasselbe.

Und auf dem Filmset fühlen Sie sich zu Hause?

Dadurch, dass ich so eine große Familie, so eine bewegte Kindheit hatte, kann ich gut unter vielen Menschen sein. Ich hab früh gelernt, mich unter vielen Menschen zu organisieren, es ist schon immer bunt und chaotisch gewesen und es gab neue Situationen, Herausforderungen. Deswegen ist es für mich vielleicht eine Hilfe, mich in einer neuen Situation wie dem Set - jedes Set ist eine neue große Familie -- zurechtzufinden.

Was war denn an Ihrer Kindheit bewegt?

Ich habe sehr junge Eltern, wir waren nicht so gesetzt und konservativ. Ich habe fünf Geschwister, es war immer ein großes Durcheinander. Zum Beispiel, wenn wir verreist sind, saßen wir zu siebt in einem alten Mercedes, wo hinten auch noch zwei Sitze eingebaut waren. Wenn man mit vielen Kindern irgendwohin fährt, ist es immer sehr chaotisch. Da war ich zwölf. Von Berlin nach Venedig über Prag, Ungarn, Slowenien, wie waren in Tschechien, der Slowakei, Österreich, Ungarn. Dann haben wir Straßenmusik gemacht.

Klingt nach Kelly Family.

Die Italiener in Venedig haben uns auch "the little Kelly Family" genannt und haben uns immer ganz viel Eis ausgegeben.

Sie sind in Hohenschönhausen aufgewachsen, waren fünf Jahre alt, als die Mauer fiel, und sind später auf die Waldorfschule in Mitte und Dahlem gegangen. Was haben Sie vom Osten noch mitbekommen?

Ich bin ein sozialisiertes Ostkind. Ich war nicht mehr auf einer Ostschule, ich war nicht bei den Pionieren, ich kenn die DDR nicht als System, aber ich bin in dem ganzen Denken noch mit aufgewachsen, das wurde mir von meinen Eltern so weitergegeben. Was es genau ist, kann ich nicht benennen. Ich bin zum Beispiel mit vier allein rumgelaufen in Berlin, das würde man heute gar nicht mehr machen. Und ich weiß nicht, ob man es damals im Westen gemacht hat.

Was haben Sie von der Waldorfschule mitgenommen?

Kann sein, dass ich in der Schule gelernt hab, als Schauspielerin bei mir zu bleiben. Wenn man in der Waldorfschule mal versagt, bleibt man ja nicht sitzen, wenn man ein Jahr versagt, ist es total in Ordnung, du wirst trotzdem mitgetragen und holst das später nach. Das sind Sachen, die finde ich so wichtig für mein jetziges Leben. Das finde ich total gesund, dass man sich beibringt, ich darf auch mal versagen, durchhängen, das ist einfach menschlicher. Ich hab die Kraft dazu, mich wiederaufzubauen.

Manche Medien bescheinigen Ihnen ja inzwischen so viel Kraft, dass Sie den deutschen Film retten sollen …

Na ja, ich weiß nicht, ob der deutsche Film gerettet werden muss. Ich finde, das Jahr 2008 war ein sehr starkes deutsches Filmjahr. Aber es ist natürlich toll, wenn man als Retterin angesehen wird. Trotzdem muss man sagen, dass schon viele junge Schauspieler so genannt wurden. Alles schön in Relation. Wenn sich das über ein paar Jahre hält, dann bin ich glücklich. Aber warten wir mal ab, Ball flach halten.

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