Montagsinterview Die Rikschafahrerin: "Alle Fahrer haben einen an der Waffel"

Stephanie Bart fährt Menschen mit der Rikscha durch Berlin. Dabei kann die Ethnologin prima Stadt und Leute beobachten - und darüber Kurzgeschichten schreiben.

Stephanie Bart mit ihrer Rikscha Bild: Erik Jan Ouwerkerk

taz: Frau Bart, Sie arbeiten als Rikschafahrerin. Was erzählen Sie Ihren Kunden über Berlin?

Stephanie Bart: Das kommt immer drauf an. In den Rikschas sitzen sehr unterschiedliche Leute - vor allem im Hinblick auf das Bildungsniveau. Daher tastet man sich zu Anfang der Fahrt ein bisschen ab. Eine Minute Smalltalk, und dann weiß man, was die Gäste wollen. Ziel ist immer, dass die Leute aus der Rikscha aussteigen und sagen: Das war toll. Dazu gehört, dass man den Leuten das erzählt, was sie hören wollen.

Haben Sie sich deshalb die Legende vom Sportstudium zugelegt?

Ja, wenn die Gäste glauben, dass ihr Rikschafahrer Sport studiert, dann ist ihr schlechtes Gewissen beruhigt.

Warum schlechtes Gewissen?

Die Rikschafahrerin: Stephanie Bart wird 1965 in Esslingen am Neckar geboren. In Hamburg studiert sie Ethnologie und Politische Wissenschaften und kommt nach dem Studium nach Berlin. Das Geld ist knapp, und so beginnt sie auf eine Anzeige eines Fahrradtaxi-Anbieters hin, als Rikschafahrerin zu arbeiten. Zwei Jahre später kauft sie sich ihre eigene Rikscha. Der Nachteil ihres Modells: Ein Dach hat es nicht. Bei Regen fällt die Arbeit also ins Wasser.

Die Kurzgeschichten: "A.d.L.e.R." nennt Bart ihre Kurzgeschichten: Aus dem Leben einer Rikschafahrerin. In den Geschichten erzählt Bart von ihrer Arbeit: Es geht um mieses Wetter, die morgendliche Frage, ob man nun rausfährt oder nicht, und die Rolle der Polizei im Fahreralltag. Die Geschichten erscheinen auf: www.s-u-bart.de.

Die Schriftstellerin: 2009 erschien ihr erster Roman, "Goodbye Bismarck". Bart verwebt hier Fakt und Fiktion in der Wendezeit, als der Kopf des über dreißig Meter hohen Bismarckdenkmals mit einer Maske von Helmut Kohl verhüllt wird. Die Autorin entwirft auf 200 Seiten die Motivation der Täter und das Dilemma des obersten Denkmalschützers der Stadt.

Es ist so, dass neun von zehn Erwachsenen, die mit uns unterwegs sind, die Rikscha mit Sklavenarbeit, Ausbeutung und Dritte Welt assoziieren. Das Image klebt tatsächlich noch an der Rikscha - vermutlich, weil die körperliche Arbeit hier sichtbar ist. Wenn die Leute Schokolade kaufen, dann sehen sie nicht, wie die Kinder in Brasilien die Kakaobohnen ernten und wie ihnen dabei die Haut von Pestiziden weggeätzt wird. Und nur deshalb schmeckt ihnen die Schokolade. Aber wenn ich in meiner Rikscha sitze und mal ein bisschen schwitze, dann fühlen sie sich sofort wie die größten Sünder vor dem Herrn. Dabei habe ich noch nicht mal einen Ausbeuter, dem ich was abgeben müsste.

Wie sind Sie zum Rikschafahren gekommen?

Aus der Not.

Kein Geld?

Genau.

Und warum Rikschafahren und nicht zum Beispiel Kellnern?

Ich bin schon immer eine absolut leidenschaftliche Fahrradfahrerin und bekennende Autohasserin. Ich halte mich auch viel lieber draußen als drinnen auf. Als ich angefangen habe - 2002 - habe ich auch nach Kellnerjobs und so geschaut. Aber die wollten immer Studenten, die zwanzig sind und schon seit sieben Jahren kellnern. Und da habe ich diese Anzeige gefunden und gedacht: Das probiere ich mal aus.

Und nach zehn Saisons gehören Sie mittlerweile zu den alten Hasen.

So ungefähr. Da weiß man, was die Fahrgäste erwarten. Zum Beispiel wollen die meisten wissen, ob es anstrengend sei. Da hat man seine Standardantworten. Zum Beispiel: Wir sind alle gedopt, das ist im Radsport so.

Sie haben sich nach zwei Jahren eine eigene Rikscha gekauft und arbeiten frei. Warum?

Irgendwann war der Frust über diese Abhängigkeit größer als die Angst davor, sich selbst um die Rikscha kümmern zu müssen und um Versicherung und Wartung und Garage und so.

Was kostet so ein Gefährt?

Die billigsten Rikschas sind die sogenannten China-Rikschas. Für Europa gibt es da bestimmte Exportmodelle, weil die Europäer einfach ein bisschen größer sind als die Chinesen. Die kommen hier als Bausatz an, das kostet so um die 600, 700 Euro. Da sagt aber der Verkäufer gleich dazu, dass man noch ein neues Tretlager braucht und dies und das. Ein Kollege, der die straßenfertig verkauft, nimmt so ab 1.200 Euro. Man kann aber durchaus bis 4.000 Euro loswerden. So eine Rikscha ist dann auch leichtgängiger, wartungsärmer und dauerhafter.

Wie lange muss man arbeiten, um das wieder drinzuhaben?

2004 ging das noch recht schnell, damals lief das Geschäft besser als heute, was daran liegt, dass weniger Fahrer auf der Straße waren als heute. Damals waren wir so zwischen 40 und 50.

Und heute?

So zwischen 100 und 120.

Aber es sind auch mehr Touristen in der Stadt.

Das stimmt, aber es sind vor allem mehr Touristen in Gruppen. Schulklassen, Reisegruppen, Busreisende, alles geschlossene Veranstaltungen. Für die Hotelbilanz ist das natürlich großartig, aber für uns nicht. Und auch die Wirtschaftskrise haben wir wirklich zu spüren bekommen. Weniger zu dem Zeitpunkt, als sie wirklich losging, sondern erst, als die Zeitungen voll waren damit. Rikschafahren ist Luxus, und wenn die Leute auch nur das Gefühl haben, sie haben weniger im Portemonnaie, dann verzichten sie eben darauf.

Was kostet denn eine Fahrt?

Mit Stadtführung kostet eine halbe Stunde 20 Euro. Viele Touristen wollen sowieso die Strecken abklappern, die im Reiseführer stehen. Vom Fernsehturm zum Brandenburger Tor und KaDeWe oder so. Auf dem Weg vielleicht noch die Museumsinsel. Aber länger ist natürlich schöner.

Das heißt, Ihr idealer Kunde fährt lange Strecken.

Mein idealer Kunde ist zunächst mal ein aktiver Kunde. Er macht selber die Augen auf und schaut und fragt und entscheidet auch mal spontan, wo er hinwill. Er hat kein schlechtes Gewissen wegen des Rikschafahrens, sondern hat sich vorher überlegt, ob er die Dienstleistung in Anspruch nehmen will. Der ideale Kunde fährt mindestens eine Stunde und gibt am besten noch Trinkgeld. Und dann geht er nach Hause und erzählt überall rum, wie toll es war.

Wie häufig kommt das vor?

Das ist schwierig zu sagen. Denn in der Erinnerung verklärt man immer. Vielleicht alle paar Tage?

In Ihrer Rikscha sitzen die Gäste vor Ihnen. Warum so ein Modell?

Bevor ich sie gekauft habe, war ich nur mit diesen Plastikeiern unterwegs gewesen, wo die Fahrgäste hinter einem sitzen. Dabei ist es anders herum viel praktischer. Die Kunden haben das volle Panorama und nicht meinen Rücken. Und ich muss mich nicht dauern umdrehen, nicht so brüllen und kann den Verkehr im Auge behalten.

Gibts Probleme mit Autofahrern?

Nein, gar nicht. Ich denke, die Autofahrer nehmen uns nicht als Gefahr wahr, weil wir so langsam sind. Die sind freundlich, lassen uns rein, lassen uns auch die Vorfahrt. Vielleicht haben sie auch ein bisschen Mitleid mit uns, weil wir uns so abstrampeln. Aber grundsätzlich lässt sich natürlich noch viel verbessern in Berlin, was die Situation der Fahrradfahrer angeht. Viel bessere und breitere Wege für Radfahrer zum Beispiel und viel mehr Bügel, wo man Räder festschließen kann.

Sie sind von der Ausbildung her Ethnologin und arbeiten auch als Schriftstellerin. Ethnologie und Rikschafahren - hat das was gemeinsam?

Auf jeden Fall. Die Ethnologie ist eine sehr erzählerische Disziplin. Und es ist etwas, das man überall machen kann. Leute beobachten, zu schauen, wie sind die drauf, was verbindet mich mit denen, was trennt mich von denen, wie verhalten die sich.

Man kann also Feldstudien betreiben beim Fahren.

Ja, definitiv.

Und kam zuerst das Schreiben oder das Rikschafahren?

Ziemlich zeitgleich. Ich habe zum Ende des Studiums angefangen, Sachen zu schreiben, die nichts mit dem Studium zu tun hatten. Literarisch war das nicht, eher so ein Rumschreiben. Richtig losgelegt habe ich erst, als ich nach dem Studium nach Berlin kam, und da habe ich auch mit dem Rikschafahren angefangen.

Ist der Job Inspiration?

Das denken immer alle, aber das glaube ich gar nicht.

Aber Sie schreiben Geschichten über das Rikschafahren.

Ich glaube, das ist eher Zufall. Wenn man mit offenen Augen durch die Stadt geht, erlebt man genauso Sachen, die inspirierend sein können. Erleben kann man überall was, egal ob man Rikscha fährt oder Taxi oder einfach nur durch die Stadt läuft.

Sie haben derzeit ein Stipendium des Deutschen Literaturfonds und müssen in dieser Saison nicht mehr auf die Rikscha. Vermissen Sie das Fahren nicht?

Ich vermisse ein bisschen die Bewegung. Den ganzen Tag am Schreibtisch zu sitzen ist natürlich nicht so schön wie Fahrradfahren, körperlich gesehen. Aber ich vermisse es gar nicht, in dieser touristischen Nahkampfzone und von Unmengen von Menschen umgeben zu sein.

Wie oft sind Sie unterwegs?

Je nach Saison, Schulferien, Feiertagen. Wenn viel los ist, bin ich schon sechs Tage die Woche draußen. Wenn nicht so viel los ist, auch mal nur zwei oder drei.

Und im Winter?

Da mache ich andere Jobs. Obwohl es ein paar Kollegen gibt, die auch im Winter fahren. Aber das habe ich einmal probiert und festgestellt, das ist mir zu hart.

Können Sie davon leben?

Ach, davon leben … Es ist so, dass verschiedene Fahrer sehr unterschiedlich verdienen. So ähnlich, wie es früher war, auf die Jagd zu gehen: Entweder man hat Glück oder man hat kein Glück. Rumzustehen und auf Kunden zu warten kostet die meiste Kraft an diesem Job. Dann scannt man ständig die Leute ab - sprech ich ihn an oder sprech ich ihn nicht an.

Gibt es Tage, an denen niemand einsteigt?

Ja.

Was denkt man da, wenn man abends nach Hause kommt?

Das habe ich in "Sterne betrachten" beschrieben.

In dem Text heißt es: "Ich bin seit vier Stunden und fünfundvierzig Minuten draußen und habe noch keine einzige Tour gehabt. Bald ist Gottesdienst im Dom. Dann beginnt seine gewalttätig laute Glocke zu läuten, und es gibt nur noch Passanten, die mit freudlosen Gesichtern zu seinem Eingang streben. Ich muss hier weg. Ich werde jetzt noch einmal ein paar Standplätze abklappern, werde nirgends länger als zehn Minuten stehen bleiben, und wenn ich dabei nichts kriege, dann werfe ich das Handtuch mit großer Geste und fahre, gelassen wie Buddha selbst, das Fahrzeug in die Garage und mich nach Hause."

Was kann man dagegen machen?

Das Problem ist, wenn man irgendwo Stunde um Stunde steht, und es kommt niemand, dann haftet dem Platz das so an. Ein Kollege von mir, der sagt immer, er stellt sich da am nächsten Tag bewusst hin. Um Frieden zu machen mit dem Platz. So muss man da herangehen.

Gibt es unter den Fahrern ein Gemeinschaftsgefühl?

Selten. Das sind sehr unterschiedliche Charaktere, alle haben einen an der Waffel. Ich auch.

Es sind viel mehr Männer, oder?

Ja, definitiv. Als ich anfing, gab es fast gar keine Frauen. Als dann eine andere Firma anfing, hat die irgendwann entschieden: Wir setzen jetzt nur noch Frauen auf die Böcke. Da stieg der Anteil sprunghaft. Aber irgendwann haben sie damit wieder aufgehört und jetzt sind nur noch ein paar übrig.

Spielt das eine Rolle?

Auf jeden Fall. Das Klima ist natürlich anders, wenn Frauen dabei sind, als wenn das jetzt nur so ein Männerklub ist. Und, für mich ganz wichtig: Je weniger Frauen auf Rikschas präsent sind, umso mehr Aversionen haben unsere potenziellen Gäste.

Eine Ihrer Kurzgeschichten endet damit, dass Sie einen frauenfeindlichen Fahrgast direkt von der Rikscha in die Spree befördern. Wie oft erleben Sie Situationen, in denen Sie sich wünschen, genau das zu tun?

Gar nicht so oft. Eigentlich haben wir ein sehr dankbares Publikum. Das sind Leute, die sind gerade im Urlaub und denen geht es gut. Diese frauenfeindlichen Sprüche kommen natürlich immer wieder. Da sind so Parallelwelten unterwegs. Parallelwelten von Leuten, die fragen, ob ich als Frau denn überhaupt dazu in der Lage wäre.

Kommen Sie auch mal an Ihre körperliche Grenze?

Ich hatte mal zwei Australier, das war bei der WM 2006. Das waren beides echt Brecher, 1,90 groß, Muckibude und jeder mit einer riesigen, fetten Reisetasche. Sie wollten eine relativ weite Strecke fahren und die haben einfach total sachlich gefragt: "Can you do it?" Und ich hab ja gesagt. Und sie sind eingestiegen, weil sie wussten: Die Frau macht diesen Job, das heißt, wenn irgendjemand überhaupt einschätzen kann, ob das geht, dann diese Frau. Eigentlich war es dann ein bisschen zu schwer. Aber egal. Es war trotzdem eine total nette Tour.

Aber hätten Sie ernsthaft erwogen, die Tour abzulehnen?

Ja, schon. Wenn sich da drei junge schlanke Frauen auf die Bank setzen, dann geht es. Aber wenn mich drei Männer fragen, von denen jeder einzelne 120 Kilo wiegt, dann sage ich schon, dass ist zu schwer.

Wie lange wollen Sie das noch machen?

Das weiß ich nicht. Vielleicht gewinne ich ja mal im Lotto. Das ist auch so ein Vorteil: Jetzt mit dem Stipendium kann ich die Rikscha einfach in der Garage lassen - das geht bei anderen Jobs nicht. Ich habe immer die Wahl. Wir haben zum Beispiel auch keine Beförderungspflicht wie die Taxis. Ich kann also während der Fahrt meinen Kunden rausschmeißen.

Und das kommt vor?

Bislang nicht. Aber es fühlt sich gut an, zu wissen, dass man das machen kann.

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