Mindestens 400 Tote: Schweres Beben in China

Mehrere hundert Menschen sterben bei heftigen Erdstößen im Südwesten Chinas, etwa zehntausend sind verletzt. Die Region wird mehrheitlich von Tibetern bewohnt.

Suche nach Verschütteten in Yushu. Bild: reuters/handyfoto der offiziellen chinesischen nachrichtenagentur xinhua

PEKING taz | Das Beben mit einer Stärke von 7,1 auf der Richterskala erschütterte die Präfektur Yushu gegen 7.49 Uhr Pekinger Zeit. In den folgenden Stunden kam es zu weiteren, teils sehr heftigen Nachbeben. Wohnhäuser, Geschäfte und Schulen brachen zusammen. "Die meisten Häuser sind zerstört", sagte ein Funktionär zur staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua, "wir suchen fieberhaft nach Verschütteten."

Die Stromversorgung und das Telefonnetz brachen vielerorts zusammen. Erste Bilder - zum Teil mit Handys aufgenommen und über das Internet verbreitet - zeigten Verletzte mit Kopf- und anderen Wunden, die sich auf die Straßen der Kreisstadt Jiegu geflüchtet hatten. Die Mehrheit der Bewohner sind Tibeter.

Wie viele Menschen gestern Abend noch unter den Trümmern lagen und wie viele Kinder und Jugendliche unter den Opfern sind, blieb zunächst unklar. Die meisten Schüler seien wegen der frühen Morgenstunde noch nicht in den Klassenzimmern gewesen, hieß es. In einigen Schülerwohnheimen lagen bis gestern Abend allerdings vermutlich noch Jugendliche begraben. "Unsere erste Aufgabe ist es, die Schüler zu retten", erklärte der Armeeoffizier Kang Zifu in Jiegu. "Schulen sind immer Orte mit vielen Menschen." Da Bagger und anderes schweres Gerät fehlten, gruben die Retter zunächst mit Schaufeln und bloßen Händen.

Hilfsmannschaften brauchten einige Zeit, die zerstörten Ortschaften zu erreichen. Die Zahl der Todesopfer werde steigen, sagte Wu Yong, der Chef des örtlichen Militärs. "Wir stellen nun Zelte auf und schaffen Sauerstoff heran, um die Verletzten zu versorgen." Allerdings seien die Straßen zum Flughafen beschädigt. Zudem erschwerten Nachbeben und starker Wind die Rettungsarbeiten.

Der Kreis Yushu liegt abgeschieden auf dem Tibet-Qinghai-Plateau in rund 4.000 Metern Höhe. Dort grenzt die Provinz Qinghai an Tibet. Von den rund 250.000 Menschen der Region leben etwa 80.000 in der Kreishauptstadt Jiegu, der Rest wohnt verstreut in kleineren Dörfern und Klostersiedlungen. Viele Häuser sind aus Holz, Lehm oder Backsteinen errichtet. Jiegu ist von der Provinzhauptstadt Xining rund 800 Kilometer entfernt, für die Strecke benötigen Autos über schlechte Straßen und Pässe mehr als 24 Stunden.

Zum Glück blieb der kleine Flughafen weitgehend unbeschadet, so kann er ohne größere Probleme angeflogen werden. Er liegt auf einer Höhe von 3.950 Metern über dem Meerespiegel und hat die vierthöchstgelegene Landebahn Chinas.

Das erste Rettungsflugzeug erreichte Jiegu am Nachmittag. Die Armee kündigte an, vier Transportmaschinen vom Typ Iljuschin in das Katastrophengebiet zu schicken.

Staats-und Parteichef Hu Jintao und Premierminister Wen Jiabao wiesen Armee und Behörden an, ihr Möglichstes zu tun, um "Leben zu retten und den Menschen zu helfen". Vizepremier Hui Lianghui soll die Rettungsaktionen vor Ort koordinieren. Hilfskonvois wurden aus den umliegenden Provinzen in Marsch über die Straßen losgeschickt.

Das Angebot japanischer Erdbebenhelfer, die chinesischen Retter bei ihrem Einsatz zu unterstützen, lehnten die Behörden nach Medienberichten aber ab. Ein Grund dafür könnte die politisch heikle Lage des Erdbebengebiets sein: Seitdem es in Lhasa vor zwei Jahren zu gewalttätigen Ausschreitungen gegen Angehörige der Han-chinesischen Mehrheit und andere Volksgruppen gekommen war, versuchen Polizei und Armee mögliche Proteste mit scharfen Kontrollen, Razzien und verstärktem politischem Druck auf Mönche und Nonnen zu verhindern. Einige Regionen Qinghais sind für ausländische Korrespondenten geschlossen.

Den Journalisten war es deshalb seither nur in Ausnahmefällen möglich, die von Tibetern bewohnten Kreise nahe der "Autonomen Region Tibet" zu besuchen, wie das tibetische Kerngebiet offiziell heißt. Aus der Provinz Qinghai, in der Nähe der Haupstadt Xining, stammt auch der Dalai Lama, der seit 1959 im indischen Exil lebt und von der Pekinger Regierung für alle Proteste und Probleme in der Region verantwortlich gemacht wird. KP-Chef Hu und Regierungschef Wen mahnten gestern deshalb auch, die "soziale Stabilität" in der Region zu wahren.

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