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■ Mildes Urteil für Rumäniens größten AbzockerKein Licht in der Pyramide

Bukarest (taz) – Der Fall „Caritas“, der größte Finanzskandal der rumänischen Geschichte, hat ein mildes juristisches Nachspiel: Am vergangenen Freitag verurteilte ein Gericht im siebenbürgischen Klausenburg den ehemaligen „Caritas“-Chef Ioan Stoica zu sechs Jahren Gefängnis – wegen „betrügerischer Vermögensverwaltung“ und „betrügerischem Bankrott“.

Stoica war nicht Vorsitzender einer „Wohltätigkeitsorganisation für die Menschen“, wie er bis zuletzt standhaft behauptete, sondern international berühmt & berüchtigter Besitzer eines der größten „Pyramidenspiele“ (ähnlich dem hiesigen „Pilotenspiel“), die es jemals gab. Gegründet 1992, bot die „Caritas“ jeder rumänischen StaatsbürgerIn die garantierte Verachtfachung einer beliebig hohen Summe an. Einzige Bedingung: Die Summe mußte drei Monate lang bei der Firma deponiert werden.

Anders als zahlreiche andere „Pyramidenspiele“ in Rumänien funktionierte die „Caritas“ fast ein ganzes Jahr lang. Grund: Klausenburgs Bürgermeister Gheorghe Funar, seit Jahren auch außerhalb Rumäniens bekannter Ultranationalist, hatte dem Spiel offiziellen Segen verliehen. Er trat mit Stoica gemeinsam öffentlich auf und empfahl „Caritas“ als „seriöse Investmentfirma“. Denn Stoica sicherte sich Funars Wohlwollen durch Millionenspenden an die Bürgermeisterei.

Die Allianz des Schwindlers mit dem Bürgermeister verfehlte ihre Wirkung nicht. Von Frühjahr bis Herbst 1993 konnte Stoica Millionen Menschen nach Klausenburg mobilisieren. Täglich kamen Sonderzüge in die siebenbürgische Metropole, Rumänien lag im „Caritas“-Fieber. Nach Schätzungen sollen bei dem Spiel rund tausend Milliarden Lei in Umlauf gewesen sein (damaliger Kurs: 800 Millionen Mark). Behörden griffen trotz einer regionalen Preisexplosion und einem landesweit spürbarem Geldmangel nicht ein.

Einige tausend Menschen erhielten tatsächlich riesige Summen, die restlichen der geschätzten drei Millionen Beteiligten gingen leer aus. Die „Caritas“-Pleite, die sich im Herbst 1993 über mehrere Monate hinzog, führte zwar nicht dazu, daß Klausenburg angezündet wurde, wie „Caritas“-Spieler im Falle eines Bankrottes der Firma gedroht hatten. Doch das „Pyramidenspiel“ blieb eine heiße Story: Die Geschädigten-Bewegung desavouierte sich selbst; ihre Anführerin Ana Potcoava verschwand eines Tages mit der Vereinskasse. Stoica tauchte nach dem „Caritas“-Bankrott zunächst unter und wurde im August 1994 verhaftet. Aus seiner Gefängniszelle, die er zeitweise mit dem ebenfalls wegen Finanzbetrügerei einsitzenden Chef einer großen rumänischen Staatsbank teilte, gab er „der Presse und böswilligen Menschen“ die Schuld am „Caritas“-Zusammenbruch.

Dabei blieb er, ohne weitere Details zu nennen, bis zuletzt. Das Gericht seinerseits zeigte kein besonderes Interesse, Licht in die Abzockeraffäre zu bringen. Der Verbleib der Milliarden und die angebliche Verwicklung hoher rumänischer Politiker in das Spiel wurden hier nicht aufgeklärt. Der Bürgermeister Funar weigerte sich, im Prozeß als Zeuge aufzutreten. Sein „Caritas“-Engagement wird voraussichtlich überhaupt kein juristisches Nachspiel haben.

Während nun darüber spekuliert werden darf, ob die milde Strafe der Preis für Stoicas Schweigen war, ist der Ex-„Caritas“-Besitzer mit dem Urteil keineswegs zufrieden. Stoicas Anwälte wollen in Revision gehen. Gewinner des Prozesses ist im übrigen der Bürgermeister Funar: Stoica muß zehn Millionen Lei (7.000 Mark) Steuern und Gebühren nachzahlen. Keno Verseck

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