Methan-Förderung in Kongo und Ruanda

Explosiv wie Champagner

Strom für viele, aber Lebensgefahr für Anwohner: Aus dem Kivu-See im Herzen Afrikas wird Methan gefördert - noch testweise, bald industriell. Wissenschaftler warnen vor einem Inferno.

Arbeiten und leben am Kivu-See: Fischer in der kongolesischen Stadt Goma. Bild: ap

GISENYI taz | Sanft plätschern Wellen ans Ufer. Kinder spielen am Sandstrand, Jugendliche planschen hüfttief im klaren Wasser. Der Kivu-See im Herzen Afrikas liegt malerisch zwischen den Kaffeeplantagen auf den Hügeln Ruandas und den Virunga-Vulkanbergen des Ostkongo. Und in seinen Tiefen, mitten im ostafrikanischen Grabenbruch, schlummert ein gefährlicher, aber auch kostbarer Schatz.

Wer auf der ruandischen Seite des Sees die Uferstraße entlangschlendert, vorbei an der Bootsanlegestelle des Fischereiverbandes, der wird einige hundert Meter weiter an einem Militärposten gestoppt. Hier beginnt die Sicherheitszone, die niemand ohne Erlaubnis passieren darf. Denn das, was sich hinter der Straßensperre am Ufer befindet, ist von strategischer Wichtigkeit und könnte in einer Explosion wie ein gewaltiger Feuerball die ruandische Uferstadt Gisenyi auslöschen.

Der Kivu gilt als der gefährlichste See der Welt. Denn in den über 70 Meter tiefen Wasserschichten des 485 Meter tiefen Gewässers sind Gase unter Druck gelöst, wie in einer Sprudelflasche: 54 Kubikkilometer Methan und 250 Kubikkilometer Kohlendioxid. Was den See so gefährlich macht, ist der sogenannte Champagnereffekt. Die oberen Wasserschichten funktionieren wie ein Korken. Sie sorgen für den nötigen Druck, unter dem das Gas im Wasser gelöst ist. Doch wenn ein Erdbeben, Lavaströme aus den nahe gelegenen Vulkanen oder hohe Wellen die oberen Schichten aufwirbeln, dann sinkt der Druck, und das Gas entweicht.

Das Gas: Methan ist ein farb- und geruchloses brennbares Treibhausgas: CH4. Es kommt in der Natur vor und ist auch in der chemischen Industrie von großer Bedeutung. Methan entsteht im tieferen Untergrund unterhalb der Oberfläche der Erde bei hohen Temperaturen und hohem Druck und wird meist bei vulkanischen Aktivitäten freigesetzt. Auch bei der Erdölförderung wird Methan freigesetzt.

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Der See: Bislang unerforschte Bakterien setzen seit 15.000 Jahren magmatische Kohlenstoffe zu Methan um. Die Sättigung beträgt derzeit 40 Prozent. Doch neuere Messungen lassen darauf schließen, dass der Methangehalt seit 30 Jahren dramatisch ansteigt. Die Ursachen sind unerforscht. Die Erderwärmung und die 1959 erfolgte Aussetzung der Tanganjikasee-Sardine im Kiwu könnten dazu beigetragen haben, vermuten Forscher. Fest steht: Das Gleichgewicht des Sees ist gestört.

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Der Vulkan: Der 32 Kilometer entfernte Nyamuragira gilt als der aktivste Vulkan der Welt. Alle 16 bis 24 Monate spuckt der Berg Feuer. Erdbeben erzeugen regelmäßig meterhohe Tsunamis. Dabei steigt die Gefahr, dass Methanblasen aus der Tiefe emporsteigen. (sw)

Gefährliches Gas

Eine solche Gaswolke hatte 1986 der Nyos-See in Kamerun ausgespuckt. Weil das Gas schwerer als Luft ist, rollte eine Lawine aus 1,7 Millionen Tonnen Kohlendioxid ans Ufer. 1.746 Menschen und mehr als 2.000 Tiere erstickten innerhalb von Minuten. Ab und zu blubbern auch im Kivu Blasen an die Oberfläche, die Schwimmern den Atem rauben, denn Methan ist schwerer als Sauerstoff. Auch tote Fische treiben manchmal an der Oberfläche.

Killerseen werden diese gashaltigen Gewässer genannt. Doch der Kivu ist einzigartig unter ihnen: Nur er enthält das gefährliche und leicht entzündliche Treibhausgas Methan. Wissenschaftler warnen dass ein Inferno droht - in einer der dichtestbesiedelten Regionen der Welt. Deshalb haben die Regierungen Ruandas und der DR Kongo beschlossen: Das Gas muss raus.

Alexis Kabuto zeigt den Soldaten an der Straßensperre seinen Sicherheitspass und braust dann mit seinem Geländewagen die Uferstraße entlang. In einer Bucht schweißen Ingenieure an einer Plattform herum: "Diese Station wird gerade überholt", erklärt er und zeigt dann mit dem Finger auf den See hinaus.

Wie eine Ölbohrinsel erhebt sich dort ein 20 Meter hoher Turm aus den Wogen des Sees. Es ist eine Pumpstation, an der die gelösten Gase aus dem Tiefengewässer kontrolliert abgesaugt werden. Ein Schlauch treibt an der Oberfläche. Durch ihn wird das Methan von der 1,8 Kilometer entfernten Plattform im See zu den gewaltigen Maschinen gepumpt, die in einer Wellblechhalle am Ufer lärmen.

Kabuto parkt seinen Wagen vor der Halle, steigt aus und öffnet die Tür, hinter der die Maschinen knattern: "Das sind drei deutsche Generatoren, die aus dem Methangas Strom erzeugen", erklärt er stolz. Der große Mann im feinen Anzug ist der Manager der Firma Kibuye Power, der staatlichen Gesellschaft, die die Methangasanlage betreibt. 1,2 Megawatt (MW) produziert jeder der drei Generatoren. Die insgesamt 3,6 MW speist Kibuye Power in das nationale Stromnetz ein. Doch die Menge reicht nicht aus, um auch nur jeden Haushalt in der Kleinstadt Gisenyi mit einer einzigen Glühbirne zu beleuchten. Fast jeden zweiten Abend fällt in den Strandbars am Ufer der Strom aus.

Die Methangasplattform ist Ruandas Vorzeigeobjekt. 20 Millionen Dollar hat die Regierung in die weltweit einzigartige Anlage investiert, und Manager Kabuto führt sie gern vor. Ruanda sucht nach Investoren, um die derzeitigen Pilotstationen im Kivu-See zur Massenproduktion aufzurüsten. Insgesamt 700 MW könnte das Methan im Kivu langfristig produzieren, so die Ergebnisse optimistische Studien. Die Anrainerstaaten Ruanda und DR Kongo teilen sich dieses Potenzial: 250 MW erhält jedes Land für sich. Und gemeinsam wollen die beiden Nachbarn ein Projekt in Angriff nehmen, bei dem 200 MW Strom gewonnen werden sollen. Doch noch ist die kongolesische Regierung in Kinshasa nicht so weit, überhaupt in die konkrete Planungsphase einzusteigen.

In Ruanda hingegen schwärmt Kabuto bereits von einer industriellen Produktion. Er steigt am Ufer neben den Maschinen in ein Schlauchboot, das drei Ingenieure zum Schichtwechsel zur Plattform bringt. Ingenieur Kabuto erzählt von seinem Studium in Deutschland. Aus seiner Begeisterung für deutsche Technik macht er im modernen Betriebsraum auf der Methanstation keinen Hehl. Er zeigt auf den Computerbildschirm, auf dem die Plattform in bunten Farben dargestellt ist. In der Mitte ist eine rosafarbene Tauchglocke zu sehen: "Hier kommt das Gasgemisch an: 49 Prozent Methan, mit Kohlendioxid gemischt", schreit er laut, um das Knattern der Pumpstation zu übertönen. Dann zeigt er auf einen Kasten daneben: "Hier wird dann das Kohlendioxid vom Methan getrennt und ausgewaschen."

Strom für Nachbarländer

Kibuye Power verfügt über eine Konzession, um insgesamt 50 Megawatt zu erzeugen. "In zwei bis drei Jahren können wir dies erreichen", sagt der Kabuto. Doch dazu müsse die Plattform ausgebaut werden. Investitionen von 200 Millionen Dollar sind nötig, über die Ruandas Regierung nicht allein verfügt. Doch das kleine Land ist auf billigen Strom dringend angewiesen. Eine Studie vom September 2009 besagt: Nur 10 Prozent der Haushalte haben einen Stromanschluss - die meisten davon in der Hauptstadt Kigali. Der Hauptteil der Energie wird aus Wasserkraft gewonnen. Doch während der Trockenzeit sinken die Pegelstände der Seen und Flüsse, die Kraftwerke liefern nicht genügend Strom. In diesen Zeiten knattern dann überall in Ruanda die Dieselgeneratoren, um Bürohäuser und Industrieanlagen am Laufen zu halten.

Doch der Dieseltransport von dem weit entfernten Hafen an Kenias Küste sei teuer und nicht umweltfreundlich, betont Coletha Ruhamya, Ruandas Staatsministerin für Wasser und Energie. Die junge Frau sitzt in ihrem Büro im Ministerium für Infrastruktur in Kigali. Vor dem Ministerium wird gerade die Straße frisch geteert. Unweit des Ministeriums entsteht gerade Afrikas größtes Konferenzzentrum, Fünfsternehotel und Einkaufszentrum inklusive. Um all diese Neubauten beleuchten zu können, brauche es viel mehr Strom, als Ruanda derzeit produziert, nickt Ruhamya: "Wir haben erkannt, dass wir uns wirtschaftlich nicht entwickeln können, wenn wir nicht genügend billigen Strom erzeugen."

Deswegen denkt man im Infrastrukturministerium darüber nach, Projektanlagen für die Gewinnung von Biogas, Thermal- oder Solarenergie zu errichten. Von all diesen Ressourcen scheint das Methangas am vielversprechendsten. 2020, so die Ministerin, würden 35 Prozent der Haushalte an das Stromnetz angeschlossen sein. Auch Stromleitungen zu den Nachbarländern DR Kongo und Uganda würden derzeit verlegt. Denn man rechne damit, "bald auch Strom in die Nachbarländer exportieren zu können", sobald alle vier derzeit geplanten Methanprojekte im Kivu voll funktionieren.

Ivan Twagirashema ist zuversichtlich, die rund 150 Millionen Dollar für den Aufbau einer 50 MW-Plattform zusammenzubekommen. Twagirashema ist verantwortlich für das zweite Methanprojekt, das derzeit am Ufer überholt wird: die Plattform der Rwanda Energy Company, einer Tochterfirma der Rwanda Investment Group, einer Gesellschaft von Ruandas Oligarchen. "Wir verhandeln derzeit mit internationalen Investoren, die Teil dieses spannenden und einzigartigen Projekts sein wollen", berichtet er. Sobald die Verhandlungen abgeschlossen seien, so Twagirashema, "können wir in drei bis vier Jahren 50 MW produzieren."

Im Juni produzierte die Anlage 2,4 MW. Doch jetzt muss sie überholt werden, um die angepeilten 3,6 MW erzeugen zu können. Derzeit warten die Ingenieure auf Ersatzteile aus Übersee. Dennoch ist Twagirashema überzeugt, die größten Herausforderungen bereits hinter sich zu haben: "Wir hatten mit einer Projektidee begonnen, die nur als Theorie auf Papier existierte", erinnert er sich. Doch er sei überzeugt gewesen, dass nach vielen Tests die Anlage funktioniert", sagt er und zeigt auf drei Hochglanzfotos über seinem Schreibtisch. Darauf lodern Fackeln aus einem Turm am Ufer des Kivu-Sees. "Diese Methanfackeln sind der Beweis, dass wir Gas aus dem See extrahieren, das brennt: Methan."

All dieser Begeisterung in Ruanda steht der deutsche Geophysiker Klaus Tietze skeptisch gegenüber. "Papa Kivu" wird Tietze auch genannt. Schon 1974 hatte der damalige Doktorand von einem rostigen deutschen Kahn aus, Baujahr 1903, speziell entwickelte Messinstrumente in den See getaucht. Sein Ergebnis: Der See ist ein komplexes System sich gegenseitig beeinflussender Faktoren, die noch nicht alle erforscht sind. Niemand könne vorhersagen, wie der See reagiert. "Wenn man die stabilen Schichten schwächt, dann steigt die Gefahr eines Ausbruchs durch natürliche Ereignisse gegenüber dem jetzigen Zustand", warnt er.

Als Gutachter für das Regierungsprojekt hat er einen Regelkatalog aufgestellt, "weil bei der Konstruktion der Förderstationen immer wieder dieselben Fehler begangen wurden". Er hat Angst, dass der Kiwu "Zauberlehrlingen" in die Hände fällt, die aus ungenauen und falsch interpretierten Daten falsche Schlüsse ziehen.

Tietze weiß aus eigener Erfahrung: Viele Investoren handeln profitorientiert und sparen zuerst an der Forschung.

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