: Meilenstein ?
■ Ramstein – Politik als tödlicher Lernprozeß
Entweder Argumente zählen in der politischen Auseinandersetzung und bewirken auch, daß Politiker ihre Positionen revidieren oder aber allein die Macht des Faktischen bestimmt das politische Handeln. Jahrelang haben Umweltschützer, Kirchenleute, Grüne und auch so manche Sozialdemokraten versucht, erst argumentativ, dann demonstrierend, dann Mithilfe von Gerichten, Veranstaltungen wie die Flugschau in Ramstein zu verhindern. Erfolglos. Mit der Palette von Argumenten, Bürgerprotest und Petitionen erreicht man offenbar nichts. Es braucht Katastrophen, wie die von Ramstein. Katastrophen sind zu Meilensteinen in der Politik geworden. Erst wenn der Geruch abgesengter Haare bis in die Wohnzimmer der Fernsehzuschauer dringt, erst wenn die Toten gezählt werden, kommt Bewegung in die Politik. Politik als tödlicher Lernprozess.
Egal ob es um Tiefflüge, Nordsee, Atomkraft oder solche wahnsinnigen Flugschauen geht, die Politik verweigert sich gegenüber dem vorhersehbaren Desaster. Dieser Umstand sagt sehr viel über die Arroganz der Macht und die Ohnmacht der parlamentarischen wie außerparlamentarischen Opposition aus. Mit Zynismus hat es nichts zu tun, wenn man geneigt ist, sich als Konsequenz mehr solcher Dramen wie die von diesem blutigen Sonntag, herbeizuwünschen. Die maßvolle Katastrophe als Ausweg.
Es hat in Ramstein in den vergangenen Jahren schon schlimme Prügeleien gegeben, nicht zwischen Politikern und Gegendemonstranten, sondern zwischen zuschauenden Befürwortern und Gegnern solcher wahnsinnigen Flugshows. Das Spiel mit dem Tod, der Nervenkitzel, der das Publikum zu Hunderttausenden zu solchen Veranstaltungen zieht, gehört dazu, wenn es darum geht, nach Verantwortlichen für diese Katastrophe zu suchen. Am Sonntag gab es nicht nur unschuldige Opfer. Jeder der dorthin gefahren ist, trägt Mitschuld an dem Drama. Wer nach den Motiven der Zuschauer fragt, muß auch nach den Motiven der Veranstalter, Militärs und Politiker fragen, die das massenhafte Bejubeln ihrer Tötungsmaschinen offenbar dringend brauchen. Flugtag – das ist nicht nur die Faszination der kleinen Leute für modernste Flugtechnologie. Flugtag – das ist auch die Demonstration von Macht, von modernstem Kriegsgerät als Ausdruck der Größenwahnphantasien im ausgehenden 20.Jahrhundert.
Bundesverteidigungsminister Scholz und andere, die jetzt erst reagieren und nun ein Verbot solcher Flugschauen ins Auge fassen, machen es sich zu einfach. Entweder ihre positive Haltung gegenüber solchen Veranstaltungen war politisch falsch, dann müssten sie eigentlich jetzt auch die Konsequenz daraus ziehen und zurücktreten oder aber die Katastrophe war in ihren Augen lediglich ein Betriebsunfall. Dann allerdings sollte die Öffentlichkeit dafür sorgen, daß sie das nächste Mal in der ersten Reihe sitzen.
Max Thomas Mehr
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