Medien: Der Mann fürs Gute
Die Stuttgarter Zeitungen verlieren einen ihrer Wichtigsten: Uwe Bogen. Nicht nur die Society hat von ihm gelebt, auch die lokale Presse, die ihn als Ikone des Boulevards flächendeckend genutzt hat. Er mache jetzt „etwas Sinnvolles“, sagt Bogen. Ein eigenes Magazin.
Von Josef-Otto Freudenreich
Wahrscheinlich ist Uwe Bogen der einzige Journalist, dem Frank Nopper über den Weg traut. Das liegt daran, dass beide die Dinge von Grund auf positiv betrachten, womit sie in ihren jeweiligen Berufsfeldern als Unikate herausragen. Der Reporter bildet die Gesellschaft unter besonderer Berücksichtigung der örtlichen Prominenz (Christoph Sonntag und andere) ab, und der Stuttgarter Oberbürgermeister ist glücklich, wenn ihm der Fassanstich (Wasen und Backnang) auf Anhieb gelingt und die Gesellschaft Beifall klatscht.
Insofern ist es eine schlechte Nachricht, wenn Uwe Bogen in den Stuttgarter Zeitungen nicht mehr das tut, was er dort 30 Jahre lang getan hat: Good News überbringen. Das mag die eine oder der andere belächelt haben als naive Ideologieproduktion im spätkapitalistischen System, aber geben wir es doch zu: Wir haben es gelesen. Wort für Wort auf kleiner Flucht aus all dem Schlamassel. „Eine Library Amore im Wittwer-Haus?“ In solchen Überschriften stecken Eskapismus und Subversion. So einfach ist es nicht mit dem Abreißen des Bücherhauses Wittwer am Schlossplatz, sagt uns der Autor und entschwindet schnell in der Gastronomie, die nur dank seiner publizistischen Betreuung überlebt. Damit ist er stilbildend und zwar so sehr, dass in Fachkreisen bereits von einer „Bogenisierung“ dieser Zeitungen die Rede war.
Keine Zeile zum Abschied des Quotenkönigs
Aus und vorbei. Der Quotenkönig im Stuttgarter Pressehaus, 66 Jahre jung, ist raus. Seit diesem Monat. Ohne ein Zeile zum Abschied, ohne Feier und Geschenkkorb, ohne ein Wort des Bedauerns. Einfach so? Dem Chefredakteur der fusionierten und quasi inhaltsgleichen Blätter „Stuttgarter Zeitung (StZ) und „Stuttgarter Nachrichten“ (StN) ist der Weggang jedenfalls nicht anzulasten. Joachim Dorfs, ein früher Verfechter des bedürfnisorientierten Journalismus‘, habe wie ein Löwe um seinen Society-Kenner gekämpft, hört man, er hätte ihm den Vertrag auch nach der Rente solange wie irgend möglich verlängert, was wiederum dem Betriebsrat nicht gefallen haben soll.
Das ist absolut ungewöhnlich in diesen Zeiten, in denen im Pressehaus alle über 60-Jährigen zu Gesprächen über einen vorzeitigen Ausstieg geladen werden. Dorfs, 62, mache bei diesen Terminen einen eher gelangweilten Eindruck, erzählen Betroffene, der Erfolg sei überschaubar, nur eine Handvoll wolle gehen. Darunter sind vertraute Autor:innen wie Bärbel Krauß, Franz Feyder, Thomas Faltin und Martin Gerstner. Letzte Meldung aus dem Lost Place in der Plieninger Straße 150: Der bisherige stellvertretende Chefredakteur und Geschäftsführer der Zeitungsgruppe Stuttgart, Holger Gayer, wird zum Stadtmagazin „Lift“ befördert – seit 2016 Kleinfirma innerhalb des Hauses – und soll dort die bescheidenen Geschäfte führen.
Nun wäre es falsch anzunehmen, dem Kollegen Bogen wäre auf seinen Wegen zwischen Weindorf, Variete und Leonhardsviertel entgangen, was derweil im Pressehaus passierte. Er hat sogar mal mitgestreikt – und innerlich gekündigt. Wieder einmal eine Sparwelle, wieder neue Chefinnen und Chefs mit Hang zum Bauchnabel des Publikums, mehr Yellow Press, der journalistische Nachwuchs findet Gefallen an Influencerinnen und deren „Liebesurlaub auf Ibiza“. Das zehrt an den Nerven, kratzt an der Berufsehre.
Im Dezember 2025 ist es dann so weit: Bogen eröffnet Dorfs, aufhören zu wollen. Er will keine drei Artikel mehr am Tag schreiben, seine Arbeit selbst bestimmen. „Schade für die StZ und die StN“, schreiben ihm die, die‘s wissen, „gut für Sie“. So teilt er es Kontext mit.
Überraschung: Die Zeitungen verdienen Geld
Schnitt: Am 16. April 2026 um 11 Uhr ruft die neue Eigentümerin von StZ und StN, die Neue Pressegesellschaft Ulm (NPG), ihre Belegschaft zur Videokonferenz. 1.500 Beschäftigte sind zugeschaltet, die Geschäftsleitung will betriebsintern verkünden, wie weit der „Zusammenschluss“ in der „spannenden Phase“ der standortübergreifenden Arbeit gediehen ist. Wie erinnerlich, ist die NPG dabei, zum Presse-Monopol im Land aufzusteigen. Ihr Flaggschiff ist die Tageszeitung „Südwest Presse“ (SWP), in ihrem Schlepp hat sie Dutzende von anderen Medienprodukten (nachzulesen hier, hier und hier).
Obergeschäftsführer Andreas Simmet zeigt sich sichtlich zufrieden, sagt, man sei erfolgreich gewesen, habe die Umsatzrendite gar gesteigert. Worüber wiederum die Gewerkschaft Verdi gestaunt hat, der im vergangenen Jahr noch erzählt wurde, die Stuttgarter Blätter steckten tief in den roten Zahlen und hätten deshalb durch den Verkauf gerettet werden müssen. In Verdi-Kreisen wird bereits von einer „Wunderheilung“ gesprochen, was sie von Zweifeln aber nicht abhält. Etwa wenn Simmet den Beschäftigten zuruft, sie müssten sich keine Sorgen machen, sie hätten nicht vor, betriebliche Kündigungen „in Größenordnungen“ vorzunehmen. Wieder einmal sind Fragen nicht möglich, diesmal aus technischen Gründen.
Ähnlich mirakulös erscheint der Journalismus, der in den Ulmer NPG-Köpfen herumgeistert. Dass er von „erstklassiger Qualität“ ist, ist heute üblicher PR-Sprech, andererseits muss er billig sein, woraus ein gewisser Widerspruch entsteht, weil Qualität auch etwas mit der Quantität des Personals zu tun hat. Womöglich war es die Künstliche Intelligenz, welche die Seite eins der „Südwest Presse“ vom 10. April 2026 gestaltet hat. “Eine Gigant verlässt die Bühne” steht neben einem Foto von Mario Adorf, der gestorben war. Und keiner hat‘s bemerkt. Eine oder ein Gigant? Egal, Schwamm drüber. Nur ein SWP-Leser, der den Beleg in die Redaktion schickt, ist mächtig sauer.
„Die Klicks, das sind Sie liebe Leser!“
Vielleicht sollte Simmet auch mal in der „Stuttgarter Zeitung“ vom 27. April nachlesen, was deren Vize-Chefredakteurin Anne Guhlich in der „Woche der Pressefreiheit“ so alles zu ihrer Arbeit zählt: Tagelange investigative Recherche und harte Verhandlungen „mit unseren Juristen über jedes Wort“. In diesem Stress, den einfaches Redaktionspersonal so nicht kennt, wünscht sich Guhlich („Gemeinsam für guten Journalismus“) die Solidarität der zahlenden Kundschaft. “Die Klicks, das sind Sie, liebe Leserin und lieber Leser!”, formuliert sie. “Wer heute anspruchsvolle Lektüre nachfragt, wird morgen mehr davon erhalten.” Das kann schwer werden, je nach Definition des Anspruchs. Simmet hat schon angekündigt, nicht mehr als einen Anwalt fürs Ringen „über jedes Wort“ bezahlen zu wollen.
Der frühere Luftwaffenoffizier bündelt lieber die Kräfte. Für die überregionale Berichterstattung hat er die „Neue Berliner Redaktionsgesellschaft“ (NBR), die alle NPG-Titel mit Politik, Wirtschaft und Kultur bedient. Für den Südwesten unterhält er ein Landesbüro in Stuttgart, aus dem elf Zeitungsverlage ihre Texte abrufen können, was dazu führt, dass Sie, liebe Leserin und lieber Leser, überall dieselben Autorinnen und Autoren lesen. Egal, ob Sie in Freiburg, Stuttgart, Ulm oder Finsterwalde sitzen. Und ganz neu: vier „Baden-Württemberg-Teams“. Sie sollen sich ab Oktober um Wirtschaft und Auto, Gesundheit und Familie, Kultur und Aktuelles kümmern. Letzteres von sogenannten Express-Reportern. Unklar ist noch, wo die Teams angesiedelt sind, wie groß sie sein werden und wie sie sich in den wieder einmal neuen Strukturen zurechtfinden sollen. Klar ist nur, dass damit viele Journalist:innen in den Mantelredaktionen, die für Bund, Land und Region zuständig sind, ihre Jobs verlieren werden.
Der neue Bogen ist breit aufgestellt
Das ist nicht mehr die Welt von Uwe Bogen. Die Entwicklungen im Pressehaus hätten ihm den „Abschied erleichtert“, bilanziert er nach 30 Jahren, in denen er gerackert hat wie ein Brunnenputzer, als Chronist der Stadtgeschichte („Stuttgart – kleine Geheimnisse einer großen Stadt“) noch 20 Bücher geschrieben und ein Netzwerk gestrickt hat, das seinesgleichen sucht. Weil er aber nicht für die Rente geschaffen ist, wie er sagt, macht er einfach weiter. Mit einem eigenen Online-Magazin, das „EchtStuttgart“ heißt, nach eigenen Angaben schon „irre gut läuft“ mit 50.000 Aufrufen bislang, komplex und überraschend breit aufgestellt ist.
Bogen hängt die Latte hoch, will nicht nur feiern, er will auch Haltung zeigen, die Demokratie schützen und zur Solidarität mit denen aufrufen, „denen es nicht so gut geht“. Eine Rubrik hört auf den Namen „Helfen macht happy“. Früher hätte er wohl auf Anahita Rehbein gesetzt, die ehemalige Miss Germany, die Krach mit ihrem Fitnessstudiogatten hat. Sein Lieblingsfoto heute zeigt ihn zusammen mit den Botschaftern der Stuttgarter “Children Cancer Foundation” John Miller und Alexander Pauls, die ihren aggressiven Krebs überlebt haben und sich am 8. Mai auf eine Radtour nach Indien begeben, um über diesen Weg Geld zu sammeln. Darüber zu berichten und die ersten Werbeeinnahmen zu spenden, sei ihm ein Herzensanliegen, schreibt Bogen. Jetzt, wo er selbstbestimmt leben könne, wolle er auch noch „etwas Sinnvolles für die Allgemeinheit“ tun. Man ist versucht, dem guten Mann ein „Weiter so!“ zuzurufen.
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