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MedienLicht im Schatten

Der Welt ging es 2025 nicht gut: Klima, Trump, Nazis, zu viele Männer mit Knall an der Macht. Das vergangene Kontext-Jahr dagegen war aufregend, voller Veränderungen und mit einem Teenager in der Wachstumsphase.

Karikatur: Oliver Stenzel

Von unserer Redaktion

Wenn man dieses Jahr auf ein Wort herunterbrechen müsste, dann wäre es wohl: Erosion. Werte, Anstand, Stil, Moral, Brandmauer zur AfD – das alles ist bröselig geworden und kulminierte letztlich in der Stadtbild-Debatte, die der Bundeskanzler im Oktober lostrat, als er meinte, es gebe so viele Ausländer in Deutschland, dass die „das Stadtbild“ zum Negativen veränderten. Diese Aussage war ein Sinnbild des deutschen Stilverlusts.

Währenddessen verliert auch die Medienlandschaft immer weiter an Kontur. Das Stuttgarter Pressehaus mit seinen zwei einst stolzen Zeitungen schmilzt dahin wie ein Schneemann in der Sonne. Die „Südwest Presse“ hat 2025 übernommen – und geht einmal mehr mit dem Rechen durch die Redaktionen. Ein trauriges Highlight: die 200-Jahr-Feier des „Böblinger Boten“, der faktisch kaum noch existiert. Viel Geschichte, keine Zukunft. Immerhin bekam Böblingen 2025 eine neue Peter-Lenk-Skulptur zum 500. Bauernkriegsjubiläum.

Auch politisch lieferte Baden-Württemberg 2025 reichlich Stoff. Drei Jahre lang tagte im Landtag ein Untersuchungsausschuss zur Beförderungspraxis bei der Polizei. Nun ist er vorbei. Überdeutlich hat sich herauskristallisiert, wie ein CDU-Netzwerk um Innenminister Thomas Strobl Leute auf hohe Posten hob, die ihnen genehm waren. „Das, was da zutage getreten ist, ist wirklich unterirdisch“, sagte Julia Goll, die FDP-Obfrau im Ausschuss, unserer Zeitung. Stichwort Pressekrise: Kontext war leider das einzige Medium, das alle 42 Ausschusssitzungen mitverfolgt hat, bis auf eine Ausnahme vertreten durch unsere langjährige Autorin Johanna Henkel-Waidhofer.

Die „Blättle“ laufen super

Während Lokalnachrichten überall dünner werden, hat der Kontext-Verein Ende 2024 eine Tochter-GmbH gegründet, die die beiden Stadtteilzeitungen „Blättle Stuttgart-­Süd“ und „Blättle Stuttgart-West“ gekauft hat. Und die laufen, das hat das erste Jahr gezeigt, wie geschnitten Brot. Gut so!

Aber ja, nicht alles lief glatt. Wir haben nach zwei Urteilen, die für uns sprachen, vor dem Oberlandesgericht Frankfurt am Main den Prozess gegen einen Neonazi verloren. Seit acht Jahren streiten wir um zwei Artikel, in denen wir menschenverachtenden Facebook-Chats zitiert haben. Das OLG Frankfurt interessierte sich unserer Meinung nach etwas zu sehr für die Quelle hinter den Nachrichtenverläufen und das Urteil beschneidet, so sehen wir es, die Pressefreiheit weit über unseren Fall hinaus. Wir wollen vor dem Bundesgerichtshof in Revision gehen und sind gespannt, wie die Sache weitergeht.

In diesem Jahr haben wir uns von unserem Kolumnisten Joe Bauer verabschiedet. Stuttgarts bekanntester Spaziergänger hat fünf Jahre lang für uns kolumniert, bevor er die Zusammenarbeit beendete. Aber wo Schatten ist, ist immer auch Licht und nun taucht dafür wieder Sport als Thema in Kontext auf: Als neuen Kolumnisten konnten wir Bernd Sautter gewinnen, der unter dem Motto „grob unsportlich“ auch mal Empfehlungen abgibt, welchen Schwitzenden man am besten vom Sofa aus zusieht.

Besten Dank an das Kulturcafé Merlin

Journalistisch waren wir ohnehin mal wieder vielfältig unterwegs: Unsere Rechtsextremismus-Recherche-Serie, finanziert durch Spenden der Kontext-Community, ist im November erfolgreich angelaufen und verzeichnet bereits sieben Folgen. Kontext-Redakteurin Gesa von Leesen verantwortet seit einigen Monaten die Kooperation mit Theater-Stuttgart.de, denn wo Medien die Kulturberichterstattung einstellen, wollen wir sie ausbauen. Kontext-Autor Florian Kaufmann hat die diversen Insolvenzen im Firmengeflecht von Bauunternehmer Christoph Gröner begleitet, der in einer Doku mal damit prahlte, wenn man einmal richtig reich sei, könne man das Geld zum Fenster rauswerfen und es komme zur Tür wieder rein. Tja. Gunter Haug hat aufgedeckt, dass die Firma Solvay in Bad Wimpfen den gesundheitsschädlichen PFAS-Stoff TFA kiloweise in den Neckar verklappt. Wir haben einen Syrer durch das Dickicht deutscher Behörden begleitet, sprechende Pflanzen bestaunt und die Massenentlassungen bei Bosch dokumentiert. Was aus „the Länd“ mal wird, wenn es so weitergeht, weiß kein Mensch.

Erfolgreich lief auch unsere Veranstaltungsreihe „Kontext im Merlin“ in Kooperation mit dem gleichnamigen Kulturcafé im Stuttgarter Westen. Ob Gespräche zwischen Menschen mit palästinensischen und jüdisch-israelischen Wurzeln, Diskussionen über die Bedrohung der Pressefreiheit durch aggressive Anwälte oder eine Lesung von Schriftsteller Wolfgang Schorlau – die Bude war immer rappelvoll.

Schmerzhafte Abschiede und neue Gesichter

Personell hat sich 2025 einiges getan bei Kontext. Nach fast zehn Jahren hat uns unsere Büroleiterin Sibylle Wais verlassen, um neue Ufer zu erkunden. Neu dabei sind seit August Lisa Salwey und Renate Winter-Hoss im Kontext-Büro. Jürgen Klose, der langjährige zweite Vorstand des Kontext-Vereins, hat aufgehört. Dafür haben wir Annemarie Raab gewinnen können, Frank Böhringer hat den ersten Vorsitz von Anni Endress übernommen. Unser Fotograf Joachim E. Röttgers widmet sich seit Jahresbeginn Rente und Rad, sein Nachfolger Julian Rettig ist seit Januar dabei und längst fester Bestandteil der Redaktion.

2026 steht ganz im Zeichen unseres Jubiläums. Denn Kontext wird 15 Jahre alt! Wer hätte gedacht, dass aus dem kleinen Stuttgarter Medienprojektle mal ein veritabler Teenager wird? Und das auch noch preisgekrönt. Unsere Chefredakteurin Anna Hunger ist vom „Medium-Magazin“ zur „Journalistin des Jahres“ in der Kategorie „Chefredakteurin regional 2025“ gekürt worden. Grandios! Wir freuen uns riesig! Zur Preisverleihung im kommenden Sommer machen wir eine Reise nach Berlin. Und wer weiß, vielleicht schreibt ja ein Schüler oder eine Schülerin dann eine kleine Geschichte über uns, denn für 2026 planen wir wieder ein Medienbildungsprojekt an einer Schule.

2026 wollen wir gemeinsam mit Ihnen Kontext noch besser machen. Wir wollen nach 15 Jahren einfach mehr. Mehr gute Geschichten, mehr Enthüllungen, mehr Augen auf die Stadtpolitik, mehr Autor:innen in den großen Städten Baden-Württemberg. Und, wenn alles gut läuft, wünschen wir uns eine neue Volontärin oder einen neuen Volontär. Denn eins ist sicher: in Zeiten der Erosion braucht es Konstanten. Konstanten wie Kontext eine ist.

Ihnen einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Ihre Kontext-Redaktion

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