piwik no script img

Leuchtend schöne Stahlkörper

■ Die Ausstellung "1936. Die Olympischen Spiele und der Nationalsozialismus" wurde gestern eröffnet. Im Beiprogramm: Leni-Riefenstahl-Filme

„Niemals war die Menschheit in Aussehen und in ihrer Empfindung der Antike näher als heute“, verkündete Adolf Hitler 1937. „Sport-, Wett- und Kampfspiele stählen Millionen jugendlicher Körper... Ein leuchtend schöner Menschentyp wächst heran.“ In diesen wenigen Sätzen wird in Umrissen deutlich, wie es die Nazis schafften, die Olympischen Spiele vor 60 Jahren zu einer international umjubelten „Olympiade der Rekorde“ umzufunktionieren, die Spiele als völlig unpolitisch darzustellen und sie dennoch vollständig für ihre politische Propaganda zu nutzen. Wer verstehen will, wie sie dieses Meisterwerk der Lüge zustande brachten, muß sich die gestern in der ehemaligen Staatlichen Kunsthalle eröffnete Ausstellung „1936. Die Olympischen Spiele und der Nationalsozialismus“ anschauen.

Im Zuge der Bewerbung Berlins um die Olympiade 2000 sollten politische Bedenken gegen die Teilnutzung des 1934/35 gebauten „Reichssportfelds“ per historischer Aufarbeitung abgearbeitet werden. Doch nachdem Berlin aus dem Rennen war, mochten die MitarbeiterInnen der Stiftung „Topographie des Terrors“ von der Idee nicht lassen. Sie recherchierten in 15 Ländern und 150 Archiven und trugen rund 400 großformatige Fotos und 150 Dokumente zusammen. „In erheblichem Umfang“, gab ihr wissenschaftlicher Leiter Professor Reinhard Rürup mit berechtigtem Stolz bekannt, „wird hier neues Material präsentiert“.

Dazu gehört die detailreiche Darstellung, wie die Nazis die Wettkämpfe als Medien-Spiele inszenierten. „Warum haben sich 95 Prozent aller ausländischen Journalisten für eine positive Berichterstattung hergegeben?“ wollte ein Journalist wissen. Reinhard Rürup beantwortete die Frage mit dem Verweis auf den hochprofessionellen Werbefeldzug, den das Reichspropagandaministerium im Verein mit dem Internationalen Olympischen Komitee in Gang setzte. „Je unpolitischer wir auftreten, desto wirkungsvoller sind wir“, dieses Motto habe den Nazis zum Erfolg verholfen.

Zum Thema Propaganda gehören auch die umstrittenen Filme von Leni Riefenstahl. „Olympia, Fest der Völker“ ist am 28. 5. und 12. 6. im Beiprogramm zu sehen, „Olympia, Fest der Schönheit“ am 31. 5. und 13. 6. Weiterer Schwerpunkt des Begleitprogramms sind Podiumsdiskussionen und Vorträge. Die Ausstellung ist noch bis zum 18. August in der Budapester Straße 42 zu sehen. Ute Scheub

Ausführliche Würdigung der Ausstellung am Samstag auf der taz- Sportseite.

Unser Mittel gegen Antifeminismus

Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen