Leipziger Tatort "Schön ist anders": Mandy und andere fatale Arrangements

Der Personalchef liegt tot im Kofferraum. Unbeliebt war er in der Firma und bei der Familie. "Schön ist anders" (Sonntag 20.15 Uhr, ARD) erzählt von Illusionen und Lebenslügen.

Hauptkommissarin Eva Saalfeld (Simone Thomalla, l.) begleitet die Ehefrau des Ermordeten in die Rechtsmedizin. Bild: mdr/junghans

HAMBURG taz | Alkoholismus im deutschen Fernsehkrimi? Schwieriges Thema! Dass nun ausgerechnet der Leipziger "Tatort", wo Milieubilder sonst mit ganz grobem Strich gezeichnet werden, einige starke Szenen zum Thema auffährt, erstaunt. So sehen wir das Ehepaar Moni und Uwe Fischer (Jule Böwe und Martin Brambach) ganz zum Schluss beim fast harmonischen Nachmittagsumtrunk: Sie schmatzt das Kind mit nassen Küssen ab, draußen zwitschern die Vögel, er schüttet Weinbrand nach und seufzt glücklich: "Ach, ist das schön!" So sanft, so grausam werden die falschen Verheißungen des Trinkens selten im hiesigen TV in Szene gesetzt.

"Schön ist anders" erzählt von Illusionen und Lebenslügen, von Freundschaften und fatalen Arrangements: Im Kofferraum wird die Leiche des Personalchefs von den Verkehrsbetrieben gefunden, einem Mann aus dem Westen, der von der über Jahre gewachsenen Solidarität seiner Leipziger Mitarbeiter wenig hielt.

Die alkoholkranke Moni Fischer wollte der Chef schon lange rausschmeißen, seinen ostdeutschen Stellvertreter (Peter Kurth) hielt er zu härteren Maßnahmen gegenüber dem Personal an, nur die schöne Straßenbahnschaffnerin Mandy (Susanne Bormann) umgarnte er.

Die Ehefrau des Wessi-Managers (Corinna Harfouch) wusste von der Affäre ihres Mannes und tut nun nach seinem Tod so, als ob ihr die Andere nichts angehabt haben könnte. Irgend so ne Mandy, Sandy oder Candy – so eine Schlampe aus dem Osten könne wohl kaum ihren Platz einnehmen.

Böse werden die soziokulturellen Grenzverläufe nachgezeichnet, die auch 20 Jahre nach dem Mauerfall durch Leipzig verlaufen; die Charaktere scheinen oft Opfer ihrer eigenen Prägung zu sein. Die gewagte Dramaturgie in "Schön ist anders" (Regie: Judith Kennel), trägt den Zuschauer immer wieder in Situationen, in denen "Bella Block"-Stammautorin Katrin Bühlig mit trockenen Dialogen die Tragödie ihrer Figuren auf den Punkt bringt.

Da passt es ins Bild, dass hier ebenfalls erstmals tief in die Seelenkeller von Ermittler Keppler (Martin Wuttke) geblickt wird – der Alkohol trieb auch ihn einst an den Abgrund. Bleibt nur eine Frage in dieser bislang besten Folge des neuen Leipziger "Tatorts": Weshalb hat Keppler nach einer Nacht mit einer italienischen Touristin einen solch dicken Schädel, dass er von der immer zwitscherbereiten Saalfeld (Simone Thomalla) eine Kopfschmerztablette verlangt? Hoffentlich kommt er nicht wieder druff.

"Tatort: Schön ist anders", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben