Leere Kasernen

"Jetzt werde ich eine Seltenheit"

Bis 2020 sollen die letzten britischen Soldaten Niedersachsen verlassen, schon jetzt verlassen sie Celle. Im dortigen Rathaus sorgt man sich um den städtischen Haushalt.

Wem die echten Soldaten abhanden kommen, der kann sich immer noch eine Nachbildung aufs Fensterbrett stellen: beim Tag der offenen Tür in der Celler Kaserne, Ende Juni. Bild: Joachim Göres

Im Flur des Kindergartens hängen die Fotos von Lucy, Bella, Casey, Ruby, Finnlay und rund 50 weiteren Mädchen und Jungen. Die Bilder sind auf drei Gruppen verteilt, über den meisten steht in großen Buchstaben „Cyprus“, Zypern. Dort werden diese Kinder demnächst in den Kindergarten gehen. Ungefähr ein Dutzend lebt bald in Großbritannien, die wenigsten bleiben in Deutschland.

Mit Celles britischer Kaserne, den Trenchard Barracks, wird dieser Tage einer der letzten deutschen Standorte der einstigen Besatzungsmacht aufgelöst. Das betrifft zunächst die Soldaten selbst, rund 800 waren es zuletzt, die ohnehin ungefähr alle zwei Jahre in eine andere Region der Welt verlegt werden. Aber eben auch ihre Familien. „Die Stimmung ist gedrückt“, sagt Audra Burton, Lehrerin an der örtlichen britischen Schule. „Viele Mädchen und Jungen waren in Celler Sport- und Schwimmvereinen aktiv und haben sich dort mit deutschen Gleichaltrigen angefreundet.“ Die „Mountbatten Primary School“ wird bislang von Soldatenkindern besucht – und nun ebenfalls aufgelöst.

„Für junge alleinstehende Männer ist Zypern ein attraktiver Standort, auf den sie sich freuen“, sagt Verbindungsoffizier Hugh Pierson. Viele Familien dagegen bedauerten den Umzug, „weil sie sich in Celle wohl fühlten und weil man von Hannover aus mit dem Flugzeug viel schneller Verwandte in der Heimat besuchen konnte als von Zypern aus“.

Celle und der nahe gelegene größte Nato-Truppenübungsplatz Bergen-Hohne waren für die Briten der Trainingsort, wo sie sich für ihren Einsatz in Kriegen im ehemaligen Jugoslawien, im Irak oder in Afghanistan vorbereiteten. Außer an einigen Standorten in Nordrhein-Westfalen gibt es künftig nur noch eine kleine Einheit in Hameln sowie mehr als 5.000 Briten in Bergen-Hohne. Bis spätestens 2020 sollen nach den Plänen der Londoner Regierung sämtliche Truppen aus Deutschland abziehen. Aus Kostengründen.

In den deutschen Nordwesten gekommen waren sie 1945 als Sieger über Nazi-Deutschland. Schon mit dem Ende des Kalten Krieges verließen zahlreiche britische Soldaten Celle, ihre früher mal größte Kaserne beherbergt heute das Rathaus. Was die Stadt einmal mit dem 31 Hektar großen Kasernengelände machen wird, steht in den Sternen: Bislang gibt es weder einen Investor noch ein Konzept.

Durch den Abzug der Soldaten und ihrer Familien sowie der zivilen Angestellten verliert das rund 70.000 Einwohner zählende Celle knapp 1.000 Menschen. Schon ab 2013 bekommt die Stadt deshalb rund fünf Millionen Euro vom Land Niedersachsen. In den kommenden Jahren werden diese Zuweisungen noch stärker sinken. „Wir müssen mehr sparen als bisher, höhere Einnahmen erzielen oder neue Schulden machen“, sagt Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende (SPD). Er beziffert den Kaufkraftverlust auf neun Millionen Euro jährlich.

Nicht alle Briten gehen, einige haben Wurzeln geschlagen. Brian Webb zum Beispiel kam 1984 als Soldat, für zwei Jahre – dann sollte er mit seinem Logistikregiment nach Dortmund weiterziehen. Webb wollte das nicht, quittierte lieber seinen Dienst. „Ich stamme aus der Nähe von Manchester und mag keine großen Industriestädte. Außerdem kam meine damalige Frau aus Celle, wir wollten hier bleiben“, sagt der 51-Jährige in perfektem Deutsch mit britischem Akzent, das er mit der Zeit gelernt hat. Dabei sprach er, wie die meisten britischen Soldaten, in seiner Militärzeit überhaupt nicht deutsch.

„Es hat sich viel in Celle seit meiner Ankunft verändert“, sagt Webb und zählt die Diskotheken auf, die damals von britischen Soldaten gerne besucht wurden. Übrig ist davon nur noch eine. Webb, der heute beim Straßenbauamt arbeitet, ist seit vielen Jahren mit seiner zweiten Frau Jutta verheiratet, die zusammen zwei fast erwachsene Töchter haben. Englisch spricht er nur selten, die Kontakte zu Landsleuten halten sich in Grenzen.

Vermisst er etwas? Da braucht Webb nicht lange zu überlegen: Cricket, das englische Essen, die Lockerheit seiner Landsleute, den britischen Humor. „Engländer lachen über Dinge, die in Deutschland schnell als Beleidigung aufgefasst werden. Ich bin deswegen vorsichtiger geworden, wenn ich Witze erzähle.“ Und dann fällt Webb noch etwas ein, das ihm zuweilen Heimweh bereite: „Mir fehlt hier die Freiheit. Damit meine ich die Landschaft. Ich komme aus einer Gegend mit einem Mittelgebirge und viel Moorland, diese Natur und den weiten Blick ohne Wälder vermisse ich.“ Aber es sei nicht bloß die Landschaft: „In England kann man an den Strand gehen ohne Kurtaxe zu zahlen, kann überall in der Natur kostenlos campen, die Museen kosten keinen Eintritt.“

Webb holt seine Erinnerungskiste heraus, gefüllt mit Souvenirs aus der Heimat. Ein Wimpel von der Fußballweltmeisterschaft 1966, als England Deutschland im Endspiel 4:2 schlug. Ein Stein, den er seit seiner Kindheit hat. Ein alter englischer Pass. Welche Gefühle hat er beim Abzug der britischen Truppen aus Celle? „Jetzt werde ich eine Seltenheit“, sagt Webb und lacht.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben