Leben mit Alzheimer

„Was ist aus dem Baby geworden?“

Eine Mutter vergisst ihr Kind. Ein Großvater erkennt seinen Enkel nicht. taz-Leserinnen und Leser über Erfahrungen mit Demenzkranken.

Junge halten die Hände einer alten Frau

Die demenzkranke Großmutter schaut in den Spiegel. Sie lacht. „Jetzt guck dir das an, so ‚ne alte Schachtel!“ Foto: dpa

Wir haben unsere Leserinnen und Leser nach ihren Erlebnissen mit demenzkranken Angehörigen gefragt, viele Zuschriften haben uns erreicht. Lesen Sie hier eine Auswahl:

Wir leben in einem kleinen Dorf in dem sich alle kennen. Nachdem mein dementer Großvater wieder einmal auf eigene Faust durchs Dorf spaziert war, klingelte das Telefon. Wir sollen ihn doch bitte bei einem Bekannten abholen. Also fuhren mein Vater und ich los. Mein Großvater erkannte mich nicht, was mich sehr traf. Er war den Großteil meiner Kindheit mein einziger Ansprechpartner gewesen. Ein anderes Mal saß er traurig neben meiner Großmutter auf dem Sofa. Er erzählte ihr, es ginge ihm seit zwei oder drei Tagen sehr schlecht. Na ja, im Endeffekt hatte er Hunger, konnte aber dieses Gefühl nicht mehr zuordnen.

Jens Cremer, 19 aus Rödingen in Nordrhein-Westfalen hat uns auf unserer Facebook-Seite geteilt.

Als ich meiner Mutter erzählte, dass ihr Mann – mein Stiefvater – nach längerer Krankheit verstorben war, weinte sie bitterliche Tränen. Dann sah sie sehr still eine Viertelstunde lang aus dem Fenster. Plötzlich schallte der alte Schlager von Wencke Myhre aus dem Radio: „Schön ist es auf der Welt zu sein, sagt der Igel zu dem Stachelschwein“ – und meine Mutter sang fröhlich und laut mit. Ich möchte die Krankheit nicht haben, aber sie macht mir auch keine Angst mehr.

Ingrid Deiters, 68, aus Celle hat uns eine Mail geschrieben.

Meine 71jährige Großmutter leidet seit zehn Jahren an Demenz. Kürzlich erzählte sie mir unter Tränen, dass ihre Klassenkameradin in ärmlichsten Verhältnissen lebt und wieder zu ihren Eltern ziehen musste, um Geld zu sparen. Sie hoffe ja so sehr, dass diese Eltern sich jetzt ihrer annehmen. (Ich persönlich hoffe das ja nicht, da diese Eltern – sofern sie noch leben – über 90 sein müssen ...) Sie ließ sich gar nicht mehr beruhigen und sprach die ganze Zeit davon, dass das doch ihre einzige und beste Freundin sei. Tatsächlich hatte sie eine ähnliche Geschichte im Fernsehen aufgeschnappt und diese auf eine Person projiziert, die sie gut und gerne 55 Jahre nicht mehr gesehen hat. Meine Mutter lebt immer mehr in ihrer eigenen Welt.

Susanne Roll, 33, aus München hat uns in einer Mail ihre Erlebnisse geschildert.

Heidenau war ein Fanal für die rechtsextreme Szene: Es geht wieder was. Einen Essay über die Welle rechten Terrors lesen Sie in der taz.am wochenende vom 29./30. August 2015. Mehr zur Flüchtlingskrise: Unsere Reporterin begleitete eine syrische Familie beim Grenzübertritt nach Mazedonien. Außerdem: Ein Franz-Josef-Strauß-Alphabet zum hundertsten Geburtstag. Und: Leben mit Alzheimer. Als seine Ärztin Norbert Heumann von einer neuen Studie erzählt, klammert er sich an eine vage Hoffnung. Nicht zuletzt: Ein Besuch in Wiens berühmtester Imbissbude. Am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo.

Vor ein paar Jahren besuche ich meine neunzigjährige Oma im Pflegeheim. Sie druckst herum und fragt dann, ob sie mich mal was fragen kann. „Weißt du“, sagt sie, „mir ist wieder eingefallen, ich hatte doch ein Baby, eine kleine Tochter. Was ist eigentlich aus der geworden?“ Vorsichtig erkläre ich ihr, dass die ältere Dame, die sie jeden Tag besucht, meine Mutter und eben diese Tochter sei. Sie denkt eine Weile nach. Dann stutzt sie und sagt: „Hol mir mal einen Spiegel!“ Im Bad findet sich ein Handspiegel. Sie blickt hinein und fängt an zu lachen. „Jetzt guck dir das an!“, sagt sie. „So ‚ne alte Schachtel!“

Petra Sonne-Neubacher, 49, aus Preetz hat uns auf Facebook geschrieben.

Weitere Beiträge von Leserinnen und Erfahrungen der Autorin Nadine Ahr und des Autoren Tilman Jens mit den Auswirkungen der Krankheit lesen Sie in der taz. am wochenende vom 29./30. August 2015.

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