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Last call für Interflug

■ Interflug-Beschäftigte sind ratlos/ Zum Teil ganze Familien von Arbeitslosigkeit bedroht

Berlin. Der Schock sitzt tief. Viele der Interflug-Mitarbeiter scheinen noch gar nicht zu begreifen, daß ihr Unternehmen am Ende ist, ihre Arbeitsplätze gefährdet sind. Stumm und resigniert standen am Montag die meisten der 2.900 Beschäftigten in einem zugigen Flugzeughangar und gaben ihrem Betriebsratsvorsitzenden nur spärlichen Beifall, als er meinte, »wir müssen jetzt zusammenhalten«.

»1956 habe ich als Lehrling bei der Interflug angefangen«, sagte Horst Thieme, noch Referent von Hauptgeschäftsführer Andreas Kramer. »Ich habe ein scheußliches Gefühl im Bauch«, meinte er. Zu einem Drittel sei die Interflug ein »reiner Familienbetrieb«. In vielen Familien seien sowohl Vater, Mutter als auch Söhne und Töchter von der drohenden Arbeitslosigkeit betroffen.

Wie die meisten Interflug-Mitarbeiter macht auch Thieme die Treuhandanstalt für die gescheiterte Privatisierung der Fluggesellschaft verantwortlich. »Für den Sommer sind die Interflug-Auftragsbücher voll, doch die Treuhandanstalt läßt das Unternehmen aus nicht einsehbaren Gründen sterben«, sagte er resigniert. Hauptgeschäftsführer Kramer betont wiederholt, man habe die Treuhand darauf aufmerksam gemacht, daß Entscheidungen noch vor der Jahreswende 1990/91 getroffen werden müßten, um einen unumkehrbaren Prozeß auszuschließen. Ernsthafte Verhandlungen seien jedoch erst nach Aufforderung der Bundesregierung im Januar geführt worden.

Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende, Siegfried Suchowski, kündigte an, daß nun mit der Treuhand »hartnäckige Verhandlungen« über Umschulungsmaßnahmen und sozialverträgliche Lösungen für die Beschäftigten geführt werden müßten. Er merkte bitter an, es sei anscheinend »politischer Wille, nichts bestehen zu lassen, was an eine ehemalige DDR erinnern könnte«. Ein von der Interflug-Geschäftsführung erarbeitetes Konzept zur Rettung des Unternehmens sei von der Treuhand nicht beachtet worden. »Nach außen geben sich die Interflug-Leute couragiert und zuversichtlich«, sagt ein Sprecher des Unternehmens. Elke Vogel, dpa

siehe auch Bericht Seite 28

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