Kultur in die Kasernen: Die Museumsfront ist eröffnet

Die Bundeswehr machte in letzter Zeit mit Saufexzessen und mangelhafter Ausbildung von sich reden. Jetzt will sie ihre Soldaten für mehr Kultur begeistern.

Ist das schon Kunst oder noch Krieg? Darüber können sich die deutschen Soldaten bald ausführlich unterhalten. Bild: ap

"Und wat fürn Museum sind Sie?", knurrt der Wachmann am Tor. Es ist ja auch ein recht buntes Völkchen, das sich an diesem sonnigen Mittag auf das Gelände der Berliner Julius-Leber-Kaserne begibt: Kunstliebhaber, Galeriedirektorinnen, Kulturlobbyisten. Verantwortlich dafür ist der Wehrbeauftragte des Bundestags, Reinhold Robbe (SPD), der kurz vor dem Ende seiner Amtszeit ein, wie er sagt, "ungewöhnliches" Projekt angezettelt hat. Auf den Fluren der deutschen Kasernen sollen demnächst Museumsplakate hängen. Soldatinnen und Soldaten sollen nach Dienstschluss in den "Freizeitbüros" der Bundeswehr auch Museumsführungen buchen können. "Kultur in die Kasernen" heißt die Initiative, die mit geladenen Gästen und Sekt der Hauptstadtpresse vorgestellt wird.

Welch ein Termin in diesen Tagen! Zwar war von "Kultur" im Zusammenhang mit der Bundeswehr seit Karfreitag des Öfteren zu lesen - allerdings ging es weder um Malerei noch um Naturkunde, sondern um eine angemessene "Trauerkultur". Die Republik ringt um eine Haltung zu dem, was deutsche Soldatinnen und Soldaten am Hindukusch treiben und was ihnen dort widerfährt. Die Kanzlerin verneigt sich vor Särgen. Politiker diskutieren, ob die Truppen ausreichend auf das vorbereitet werden, was die Regierung mal mehr, mal weniger "umgangssprachlich" als "Krieg" bezeichnet. Militärs streiten, welches schwere Kriegsgerät noch so gebraucht wird. Und im "Dienstleistungszentrum" der Berliner Julius-Leber-Kaserne werden derweil feierlich Museumsplakate für die Kameradinnen und Kameraden aufgehängt.

Auf einem hölzernen Wegweiser vor dem Dienstgebäude steht "ISAF 4807 km". Und Afghanistan scheint wirklich sehr weit weg an diesem Mittag. Doch das täuscht.

Denn für den Wehrbeauftragten Robbe ist die Plakatinitiative mehr als ein netter PR-Termin vier Wochen vor seinem Abschied aus dem Amt. Es geht ihm auch um mehr, als ein paar hübsche Farbtupfer auf den tristen Kasernenfluren. Nein, sagt er kopfschüttelnd, ihn sorge die schlechte "Integration" der Soldatinnen und Soldaten in die deutsche Gesellschaft. Er wolle sich für mehr "menschliche Zuwendung" für die Truppe einsetzen, gerade vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse in Afghanistan, sagt Robbe. Sein Ziel sei es, das "Verhältnis von Gesellschaft und Uniformträgern" zu verbessern. Auch mit Hilfe der Kultur. Dieser Aufgabe wolle er sich übrigens auch noch widmen, wenn im Mai ein FDP-Mann das Amt des Wehrbeauftragten übernehme. Die Plakatkampagne sei also nur der Anfang.

Ekelrituale und Saufexzesse, Ausbildungs- und Ausrüstungsmängel in den Kasernen: Als Wehrbeauftragter hat es Reinhold Robbe in den vergangenen fünf Jahren selten mit erfreulichen Sachverhalten in die Nachrichten geschafft. Aber heute, versichert der SPD-Mann seinem Publikum mit einem genüsslichen Schmunzeln, da gehe es wirklich mal um etwas ausschließlich Positives. Hochkultur!

Robbe ist selbst bekennender Kunstliebhaber. Er hat das Plakatprojekt mit Eske Nannen entworfen, der Leiterin der Emdener Kunsthalle und Ehefrau des legendären Stern-Chefs Henri Nannen. "Warum", frage er sich, "haben Kultureliten in Deutschland eigentlich so wenig Kontakt zu Soldatinnen und Soldaten?" Und dann schwärmt er: Diese neue Initiative bringe doch eine "Win-win-Situation" für Bundeswehr und Museen.

Zumindest dürften sich die Botschaften einiger in Berlin präsentierter Museumsplakate auf den Kasernenfluren tatsächlich hübsch machen. So wirbt dort nun die Emdener Kunsthalle mit dem Slogan: "Realismus. Das Abenteuer der Wirklichkeit".

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