Kritische Kunst am Brandenburger Tor: Flüchtlingslager in Berlins Mitte

Der Künstler Hermann Hack stellt seine Flüchtlingszelte auf dem Pariser Platz aus. Die Präsentation, die sich kritisch mit dem Klimawandel auseinandersetzt, zieht heute auf den Alexanderplatz weiter.

Der Künstler mit seinen Zelten am Brandenburger Tor Bild: dpa

Einen anschaulicheren Termin hätte sich der Künstler Hermann Josef Hack kaum aussuchen können. Während Bundespräsident Horst Köhler im Gebäude des Bundesverbandes der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken am Pariser Platz einen Preis übergibt und die umliegenden Wege mit Limousinen beparkt sind, baut Hack in der Mitte des Platzes Zelte auf. Kleine Zelte, aus Planen, über 400 Stück, einen halben bis einen Meter lang und bis zu 50 Zentimeter hoch, in Armeegrün, Matschbraun und Hellblau, beschmiert mit Peace-Zeichen und Parolen gegen Flüchtlinge. Sie sollen auf das Schicksal der Menschen aufmerksam machen, die durch die Folgen des Klimawandels ihre Heimat verlassen müssen.

"Das Thema ist, zum Beispiel mit Blick auf Lampedusa, ganz aktuell", sagt Hack. Auf der italienischen Mittelmeerinsel war es am Wochenende zu Protesten von Flüchtlingen gegen ihre Abschiebung gekommen. Für den Künstler sind der Klimawandel und seine Folgen seit den 90er-Jahren ein Thema. Bereits im vergangenen Herbst hatte Hack seine Zelte im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung aufgebaut - Besucher verirrten sich nur wenige in die Ausstellung.

Das ist am Pariser Platz anders. Touristengruppen lassen sich nicht nur vor dem Brandenburger Tor, sondern auch vor den Flüchtlingszelten fotografieren. "Wir kommen aus Schanghai", sagt die Leiterin einer Reisegruppe. Die Zelte findet sie "nett" - zu der dahinter stehenden Problematik fällt ihr nicht viel ein. Anders Roísín Coyle. Die Irin ist zwar nur für zwei Tage in Berlin, steht aber schon seit 20 Minuten auf dem Pariser Platz und betrachtet die Zelte. "Ich finde es wichtig, dass sich jemand des Themas annimmt", sagt sie. "Auch wenn ich denke, dass es eher Politik ist als Kunst. Aber das ist egal, denn so, wie es hier ist, versteht jeder, dass der Klimawandel und seine Folgen ein Problem sind."

Ähnlich sieht es Puri Lopez aus Spanien. "Die meisten Staaten tun viel zu wenig gegen den Klimawandel und für die Flüchtlinge", sagt sie. Sätze, die Künstler Hack freuen würden. "Ich brauche gar nicht viel zu machen, muss kaum erklären, die Kunst steht für sich", findet er. Das kann aber eine Weile dauern: Die meisten Passanten schauen zunächst lange und irritiert in Richtung Platzmitte, bis sich die Zelte und der Hinweis "Climate Refugee Camp" zu einem Ganzen zusammensetzen.

200 Millionen Menschen werden nach Schätzungen der Vereinten Nationen bis 2050 zu Klimaflüchtlingen werden. "Und trotzdem ist das Thema nicht präsent", kritisiert Hack. Dabei müsse man sich im Klaren sein, dass nicht nur die Menschen aus Entwicklungsländern Klimaflüchtlinge seien, sondern ebenso die von hier, die es sich leisten könnten, im Winter auf ihre Finca nach Mallorca zu reisen.

In der öffentlichen Wahrnehmung würden diese aber nicht als Flüchtlinge bezeichnet - und auch nicht als Gefahr für die Sicherheit gesehen, wie die aus Entwicklungsländern. "Sogar die Symbole gelten als Gefahr", sagt Hack und erzählt, wie vor dem Aufbau der Zelte jedes einzelne von Polizisten auf Bomben durchsucht wurde. Auch die Genehmigung, seine Zelte auf dem Platz auszustellen, zog sich hin - erst vier Tage vor dem Aufbau hatte er die Erlaubnis auf dem Tisch. Bei seinem nächsten großen Ziel hofft er auf weniger Hürden: Im Dezember will der Künstler seine Zelte bei der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen ausstellen.

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