Kreaturen, die die Welt nicht braucht

Der hochaktive Blutsauger

Blutsaugen und dann auch noch mit Hirnhautentzüdung infizieren - Europas bekannteste Zeckenart, der Gemeine Holzbock, ist ein richtig fieser Parasit.

99 Prozent seines Lebens verbringt der Gemeine Holzbock mit Lauern und Warten. Bild: ap

BERLIN taz Zuerst tastet er sorgfältig die Haut ab, sucht sich eine geeignete Stelle und reißt mit seinen scharfen Zähnen ein kleines Loch. Dorthinein schiebt er sein Mundwerkzeug, das mit etlichen Widerhaken besetzt ist und ihn vom Herausrutschen rettet. Jetzt ist er sicher verankert und das eigentliche Vergnügen kann beginnen: Blutsaugen. Wenn's geht, mehrere Tage lang. Nein, es geht nicht um Vampire, sondern um die bekannteste Zeckenart Europas, den Gemeinen Holzbock.

Dies sind nur die prominenten Beispiel: Jüngst wurde der Chinesische Flussdelfin für ausgestorben erklärt, im Jahr 2000 war es der Pyrenäen-Steinbock. Und 1980 hatte es den Java-Tiger erwischt. Fast unbemerkt werden in den nächsten 100 Jahren, so schätzen Wissenschaftler, 30 bis 50 Prozent aller Arten verschwinden. So ein Massensterben hat es seit dem Tod der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren nicht mehr gegeben. Dabei werden die meisten Tiere, Pflanzen oder Mikroorganismen ausgestorben sein, bevor der Mensch sie entdeckt hat: Denn bislang sind zwei Millionen Arten bekannt, 10 bis 30 Millionen soll es aber geben. Im Mai 2008 werden in Bonn 5.000 Politiker und Experten darüber streiten, wie seltene Pflanzen und Tieren weltweit geschützt werden können: Die Bundesregierung ist Gastgeber dieser UN-Biodiversitätskonferenz. Und Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) will schon bis September eine nationale Biodiversitätsstrategie entwickeln. Derzeit "löschen wir die Daten der Natur von der Festplatte", sagt er.Aber mal ehrlich: Auch wenn jede Kreatur eine Daseinsberechtigung hat, weil sie für reines Trinkwasser sorgt, Schädlinge frisst, den Boden lockert oder Arzneien liefern könnte - es gibt doch auch Arten, bei denen es uns schwer fällt, sie lieb zu haben und die gern verschwinden dürften, zumindest aus unserer Nähe. In einer politisch völlig unkorrekten Sommerserie "Kreaturen, die die Welt nicht braucht" machen taz-RedakteurInnen der Evolution schon mal ein paar Vorschläge. Vielleicht hat sie ja ein Einsehen.

Der Gemeine Holzbock ist ein Parasit und gehört zur Klasse der Spinnentiere sowie zur Familie der Milben. Und der Name ist Programm: Er ist nämlich eine höchst unangenehme Kreatur. Sein Leben besteht zu 99 Prozent aus Warten und Lauern. Er sitzt meist in einer Höhe von ungefähr eineinhalb Metern in einem Busch oder auf einem Grashalm, scannt die Umgebung und hofft, dass eine unwissende Person in kurzen Hosen vorbeikommt. Dann lässt er sich fallen, krallt sich fest und krabbelt los: Dorthin, wo die Haut des Wirts warm und feucht und gemütlich ist. Deshalb finden sich diese ungeliebten Wegbegleiter gerne in den Kniekehlen, der Leistengegend, am Haaransatz oder hinter den Ohren ihrer Opfer.

Der Gemeine Holzbock, im Fachjargon auch Ixodes ricinus genannt, besitzt unglücklicherweise eine große Trumpfkarte bei seiner Jagd. Es ist das Haller'sche Organ, vergleichbar mit unserer Nase, und sitzt ganz unten an dem vordersten Beinpaar. Mit diesem Riechorgan erkennt er alle Spuren, die einen potenziellen Nahrungs-Kandidaten ankündigen. Egal ob Kohlenstoffdioxid und Stickstoff aus dem Atem, Ammoniakspuren aus dem Urin oder Butter- und Milchsäure aus dem Schweiß - die Zecke nimmt alles wahr. Auch geringste Temperaturerhöhungen und Vibrationen bleiben dem Holzbock nicht verborgen. Kindliche Entdeckungstouren durch Wald und Wiesen, Sonnenbaden auf dem Rasen sind gefährlich: Nirgends ist man vor dem Parasit sicher. Und das ist nicht alles: Da geben wir ihm unser Blut - und was bekommen wir zum Dank?

Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), Borreliose, Babesiose oder Tularämie. Am Bekanntesten ist FSME, eine bisher unheilbare Viruserkrankung mit grippeähnlichen Symtomen und Fieber, die oftmals mit einer Entzündung der Hirnhäute verläuft. Bei der Lyme-Borreliose handelt es sich um eine Infektionskrankheit, die durch Borrelia burgdorferi ausgelöst wird, einem Erreger, der im Darm der Zecke lebt. Wird er übertragen, gelangt er über den Blutkreislauf in den gesamten Organismus und befällt jedes Organ, das Nervensystem, die Gelenke und das Gewebe. Der Gemeine Holzbock lauert vor allem im Süden und der Mitte Deutschlands.

Derzeit weist das Robert-Koch-Institut 129 Risikogebiete aus - das sind 33 mehr als 2006. Davon befinden sich rund 70 in Bayern, 40 in Baden-Württemberg, in Hessen und Thüringen knappe 10, hinzu kommt ein Landkreis in Rheinland-Pfalz. Und der Begriff "Risiko" sollte ernstgenommen werden: Durch den milden Winter sind die Zecken aktiver denn je und damit auch eine ganzjährige Bedrohung. Dershalb sind jetzt auch Wissenschaftler des Landesgesundheitsamtes und der Universität Hohenheim aus Baden-Württemberg zu dem Schluss gekommen: Der Holzbock muss weg. Sie wollen die Zecken-Population radikal verringern, Schimmelpilze sollen dabei helfen. Bisher ist es den Forschern gelungen, zumindest die Larven des Spinnentieres mit den Pilzsporen zu töten. Damit aber nicht genug: Ziel des Projekts ist es, auch erwachsene Holzböcke infizieren und verschimmeln zu können. Dann könnten wir endlich wieder unbefangen barfuß durch Wiesen und Wälder stromern und den Sommer genießen.

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