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Kontext-SchulprojektKomplizierter alsgedacht

Sie interessieren sich für das, was in der Welt passiert. Acht Schülerinnen und Schüler einer achten Klasse der Bismarck-Werkrealschule in Stuttgart-Feuerbach haben seit September an Freitagvormittagen im Schulprojekt von Kontext mitgemacht. Sie haben recherchiert und eigene Artikel erstellt. Ihre Themen: Hunger auf der Welt und Frauen in Afghanistan.

Neugierig sein – eines der Motive für die Teilnahme am Kontext-Schulprojekt. Foto: Joachim E. Röttgers

In diesem Jahr lief es etwas anders im Kontext-Schulprojekt. Zwar waren wir wieder an der Bismarckschule, aber wir haben nicht mit einer ganzen Klasse gearbeitet. Vielmehr konnten sich Achtklässler:innen um die Teilnahme bewerben. Ein Papier mit zwei Fragen musste ausgefüllt werden: „Ich möchte gerne am Projekt teilnehmen, weil …“ und „Ich fühle mich für die Arbeit als Journalist/Journalistin geeignet, weil ich …“. Und das haben die Schüler:innen geschrieben: „weil ich Interesse habe“, „weil ich glaube, dass es Spaß macht“, „weil ich sehr gut aufpassen kann“, „weil ich oft neugierig bin“. Klar war: Das Projekt ist nicht zusätzlich, sondern parallel war Unterricht. Wer nicht ins Projekt geht, muss ganz normal in den Unterricht.

Acht Schülerinnen und Schüler meldeten sich, fortan kamen wir am Freitag für zwei Stunden im Musikzimmer zusammen. Es ging um Fake News, um die wichtigen W-Fragen (Was, warum, wo, wer, wie, ….), die in jedem Artikel beantwortet sein sollten, um verschiedene Darstellungsformen wie Interview, Reportage, Kommentar, Meldung. Dann suchten sich die Schüler:innen ihre Themen. Die Stichworte Hitler, Autos, Olaf Scholz, Kampfsport, Kosmetik und Fußball waren schnell aussortiert, übrig blieben große Begriffe: Israel und Palästina, Hunger, Frauen in Afghanistan, Krieg und Frieden.

Doch wie eingrenzen? Am liebsten gar nicht, waren sich die anfangs drei Gruppen einig. Nein, mit Hunger in Stuttgart wollte sich die Jungsgruppe nicht auseinandersetzen. Hunger in der Welt – darum müsse es gehen. Die Mädchen behaupten: „Einfaches Thema!“ Ach ja? Wo wird denn gehungert? Und warum? „Weil, das ist so mit Kriegen was.“ „Oder, nein, das hat auch was mit Ernten oder so zu tun.“ „Und mit reichen Ländern.“ Tja, doch nicht so einfach.

Die Jungs begannen also, sich mit Hunger zu beschäftigen. Wie verbreitet ist Hunger, gibt es Hauptursachen und: Mit wem könnte man darüber sprechen? Anfragen an mehrere internationale Hilfsorganisationen gehen raus, ein Interview kommt allerdings nicht zustande. Nicht so einfach, dieser Journalismus. Schließlich greift die Redaktion auf eigene Kontakte zurück: Mit Rainer Lang, einem Journalistenkollegen, der seit vielen Jahren nicht nur über Entwicklungs- und Katastrophenhilfe schreibt, sondern auch selbst im Einsatz ist. Das Ergebnis: „Man kann etwas bewegen“.

Die Schwierigkeit, Ansprechpartner:innen für ein großes Themen zu finden, tut sich auch beim Thema Nahostkonflikt auf, zumal in diesen Tagen. Doch dann steht der Kontakt zu einem Interviewpartner, der sich mit Versöhnung zwischen beiden Seiten beschäftigt. Die Fragen, die zu stellen sind, sind geklärt und schriftlich festgehalten. Alle stehen aufgeregt in den Startlöchern, doch dann, kurz vor knapp, kommt die Absage des Gesprächspartners. Nach mehreren Versuchen schwenkt die Gruppe um und macht beim Thema „Hunger“ mit.

Die drei Mädchen entscheiden sich für das Thema Frauen in Afghanistan. Zwei von ihnen waren als Kinder mit ihren Familien aus Afghanistan geflohen, von diversen Tanten in der alten Heimat hörten sie so dies und jenes, aber so richtig wissen sie nicht Bescheid. Irgendwie sei es schlimm dort. Wo liegt eigentlich Afghanistan, welche Nachbarländer hat es, und was war vor den Taliban? Die Mädelsgruppe googelt, mal mehr, mal weniger konzentriert, und so manche sucht lieber nach Bildern als nach Text. Die sind aber nicht so informativ. Und: „Nicht immer den ersten Googletreffer nehmen! Erst schauen, was das für eine Webseite und ob die seriös ist.“

Wenn sie jemanden zum Befragen hätten, was würden sie wissen wollen? „Was machen arme Frauen, wenn sie ihre Regel haben?“, „Können sie alleine auf die Straße?“, „Dürfen die Frauen dort studieren?“ Gute Fragen. Nun braucht es noch eine Interviewpartnerin. Eine Verwandte der Mädchen? Journalistisch nicht so passend, schließlich soll ja auch immer Distanz gewahrt werden. Dann laden sie Najia Ahmad ein, in die Schule zu kommen. Die Deutsch-Afghanin lebt schon lang in Deutschland, hat aber enge Kontakte nach Afghanistan und weiß, was dort los ist. Zu ihrer Unterstützung bringt sie ihre erwachsene Tochter mit. Am Ende der Interviewstunde setzt sich die junge Frau spontan ans Klavier und spielt, plötzlich wird es ganz still im Klassenzimmer.

Am Ende steht das Interview über Frauen in Afghanistan und Clara, Elham und Farzana ist klar geworden: In diesem Land wären sie nicht mehr in der Schule. Denn dort dürfen Mädchen höchstens sechs Jahre lang lernen. In ihrem Alter wären sie daheim und vielleicht sogar verheiratet? Die Vorstellung entsetzt die drei. „Wir sind doch noch Kinder!“

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