■ Kommentar: Siedlers Rep-Töne
Den Feuilletons gilt Wolf Jobst Siedler (68) als „linker Tory“ und „Wertkonservativer“. Hat er doch einst Kritisches über „Die gemordete Stadt“ verfaßt und Ende der siebziger Jahre beim damals noch nicht völlig eingebräunten Ullstein-Verlag Karl Marxens Hauptschriften als Taschenbuch herausgebracht. Doch spätestens seit dem Mauerfall ist der Berliner Verleger, Koautor von Ernst Jünger und B.Z.-Kolumnist endgültig zum Skinhead mit Krawatte mutiert.
In seiner neuesten Springer-Kolumne vom Samstag legt Siedler seine Vorstellungen über „Die Verschandelung der Stadt durch Kunst“ dar. Unter dieser Überschrift handelt der Stadtschloß-Fan aber nicht etwa Graffiti oder punkige Schrottskulpturen ab – nein, es geht ihm um das geplante Steglitzer Holocaustmahnmal. Die Spiegelwand mit den eingravierten Namen von zweitausend ermordeten Juden, die eine Bezirkskoalition von Reps, CDU und FDP verhindern will, wird von Siedler auf skandalöse Weise lächerlich gemacht. Das Mahnmal sei „ein abstruses Kunstwerk“, eine „modische Variante des Vietnam-Denkmals von Washington“ und solle „Berlin vor sich selber erschrecken machen“. Siedler beläßt es nicht bei diesen Rep-Tönen. Er greift auch noch zum verbalen Baseballschläger. Und mahnt die beiden Senatoren für Bauen und Kultur ab, die nach dem widerlichen Widerstand aus dem Bezirk das Verfahren an sich zogen. Die Senatoren, so Siedler, stellten Steglitz in eine Reihe mit Solingen und Lübeck. Sie hantierten mit der „Keule dieses Vergleichs, um die ruhige Vernunft der Bürger zum Schweigen zu bringen“. Die sogenannte Faschismuskeule, ja, ja, kennen wir. Aber wenn hier jemand besser schweigen sollte, dann dieser Siedler am Stammtisch. Hans-Hermann Kotte
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