piwik no script img

Kommentar Unruhen BrasilienWir haben euch nichts mitgebracht

Andreas Behn

Kommentar von

Andreas Behn

Der brasilianische Alltag ist untragbar geworden. Deshalb gehen viele erstmals auf die Straße. Politische Konzepte fehlen.

M assenproteste wie derzeit in Brasilien haben vielfältige Ursachen. Woran sie nicht liegen, ist noch einfach zu erkennen. Zum Beispiel nicht am oft zitierten Ende des Wirtschaftsaufschwungs. Die leichte Verschlechterung makroökonomischen Indikatoren kann die Bevölkerung noch gar noch spüren, nach wie vor ist die Arbeitslosigkeit auf historischem Tiefststand.

Die Demonstrationen sind vor allem eine urbane Bewegung, mit Schwerpunkten in den beiden größten Städten São Paulo und Rio de Janeiro. Im dortigen Alltag liegen die Gründe für den Aufruhr der Menschen, von denen viele zum ersten Mal ein Transparent hochhalten. Gerade der langjährige Aufschwung hat die Städte vor neue Herausforderungen gestellt.

Die Zahl der Autos ist in zehn Jahren sechsmal so schnell gestiegen wie die Bevölkerung. Statt öffentliche Verkehrsmittel zu fördern, setzten die erzkonservativen Stadtregierungen beider Metropolen stur auf Individualverkehr. Die Ansprüche der Menschen steigen, doch für das Gesundheitssystem, öffentliche Schulen und Unis gibt es kaum Geld.

Andreas Behn

ist Brasilien-Korrespondent der taz.

Gleichzeitig wird die Privatisierung des öffentlichen Raums – und manchmal auch dessen Säuberung - als Sicherheitspolitik verkauft. Das bedeutet: Warten im Stau, prekäre öffentliche Einrichtungen statt einer gerechten, lebenswerten Stadt. So wird der Alltag zum Problem, für alle.

Wenn dann Politiker und Unternehmer mal eben mit dem Hubschrauber zum Mittagessen fliegen, steigt der Ärger. Ist es wirklich notwendig, 20 Milliarden an Steuergeldern für die WM und die Olympischen Spiele auszugeben? Diese Zustände werden untragbar für Menschen, denen von oben erzählt wird, auf schnellem Wege in die Erste Welt zu sein.

Wo ist denn das ganze Geld vom Erdöl-Boom oder den immensen Agrarexporten der siebtgrößten Wirtschaft der Welt, fragen sie schon lange. Jetzt gehen sie auf die Straße, aus Wut oder auch aus Stolz. Schade, dass sie keine politischen Konzepte mitbringen.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen

Andreas Behn

Andreas Behn Auslandskorrespondent Südamerika

Journalist und Soziologe, lebt seit neun Jahren in Rio de Janeiro und berichtet für Zeitungen, Agenturen und Radios aus der Region. Arbeitsschwerpunkt sind interkulturelle Medienprojekte wie der Nachrichtenpool Lateinamerika (Mexiko/Berlin) und Pulsar, die Presseagentur des Weltverbands Freier Radios (Amarc) in Lateinamerika.
Mehr zum Thema

4 Kommentare

 / 
  • GF
    Gegen Fußball

    @ esther :

     

    Wieso sollen die Brasilianer gegen ihre Wirtschaftsgrundlagen auf die Straßen gehen ?

    Ohne die Öl- und Agrar-Industrie geht das Land zugrunde.

     

    Aber den dekadenten Sch***-Fußball braucht kein Mensch, nirgendwo.

  • A
    Alf

    Mit der FDP ist die PT m.E. nicht wirklich vergleichbar, eher mit der SPD. Und dass die von ihr eingeführten Sozialtransfers zugunsten der Ärmsten im Großen und Ganzen ein Erfolg sind, ist m.E. Konsens. Die Ungleichheit hat in den letzten Jahren ja auch statistisch leicht abgenommen. Doch diese Programme haben keine Verbesserung der grundlegenden sozialen Infrastruktur gebracht und daran entzündet sich der Protest - denn Brasilien ist ja eigentlich ein recht starker Fiskalstaat. Es ist nicht so, dass hier gar nichts versucht würde, die politischen Eliten sind nicht in ihrer Gesamtheit lernunwillig. Sao Paulos Stadtregierung (immerhin PT) würde ich auch nicht als "erzkonservativ" beschreiben. Die Prioritäten liegen aber schief, zudem ist das System sehr träge und basiert bis auf die lokale Ebene hinab auf Klientelnetzwerken und Abhängigkeiten.

    In Bezug auf Esthers Kommentar: Das brasilianische Wachstumsmodell (und der damit verbundene Aufbau eines Sozialstaats) ist und bleibt in ökologischer Hinsicht prädatorisch. Es wäre wünschenswert, dass kritische Stimmen hierzu lauter würden, sie sind aber angesichts der Wachstumseuphorie der letzten Jahre evtl. sogar leiser geworden.

  • W
    Walli

    Es gibt diverse Statements von linken Gruppen aus Brasilien, dass die Proteste von rechten Gruppen unterwandert wurden. So wurden angeblich selbst Initiatorend der "passe livre"-Bewegung von Rechten attackiert und Fahnen von linken Gruppen verbrannt.

     

    http://f.i.uol.com.br/fotografia/2013/06/20/291329-970x600-1.jpeg

     

    Vielleicht kann die TAZ da mal nachhaken?

  • E
    Esther

    Gerade der letzte Punkte wäre ein Grund für Demonstrationen, Erdölindustrie sowie die Agrarwirtschaft die vorallem auf genetisch verändertem Saatgut aufbaut. Warum gehen die Leute nicht dagegen auf die Straße? Die Bohrinsel gehören geschlossen, dasselbe mit der Agrarwirtschaft. Braucht kein Mensch! Und in Brasilien ist eine linke Partei in der Regierung? Kann ich mir garnicht vorstellen, die kommt mir vor wie unsere FDP hier..