piwik no script img

Kommentar Katholische Opfermythen Skandal im Sperrbezirk

Michael Braun

Kommentar von

Michael Braun

Italien mag ein Schonraum für den Klerus sein - doch die Welt ist es nicht. Dies sollten die Kleriker langsam begreifen.

Es scheint fast so, als reichten der katholischen Kirche die durch die Missbrauchsskandale produzierten Negativschlagzeilen nicht. Denn täglich produzieren führende Kleriker neue, diesmal mit rundum empörenden "Erklärungen".

Mit Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone ergriff zuletzt der wichtigste Mann der Kurie das Wort. Wenn Priester Kinder missbrauchen, wenn die Kirche das jahrzehntelang vertuschte, dann sind nicht jene Priester schuld, dann ist nicht die Kirche mitverantwortlich, dann darf auch nicht die Frage nach Zölibat oder Sexualmoral gestellt werden: Nein, schuld sind - die "Homosexuellen"!

Die Kirche als Opfer - dies ist das Schema ihrer Stellungnahmen in den letzten Wochen. Da vergleicht Vatikan-Prediger Raniero Cantalamessa die Attacken gegen die Kirche keck mit dem "Antisemitismus". Da redet der frühere Bischof von Grosseto, Giacomo Babini, gar von einer "zionistischen Verschwörung" - schließlich seien die Juden "ewige Feinde" und "Gottesmörder".

Die Monsignori bemerken gar nicht, dass sie sich um Kopf und Kragen reden. Das mag an der Sondersituation liegen, in der sie sich in Italien befinden. Weltweit ist die Kirche unter Beschuss - bloß eben in Italien nicht. Hier kann in der durchaus nicht als klerikal geltenden Tageszeitung Corriere della Sera der Schriftsteller Vittorio Messori geldgierige Opferanwälte aus den USA als die wahren Schuldigen ausmachen; hier schickt Berlusconis Justizminister dem Staatsanwalt Pietro Forno Inspektoren auf den Hals, weil der gesagt hatte, die Kirche habe die Täter aus ihren Reihen immer gedeckt. Italien mag ein Schonraum für den Klerus sein - doch die Welt ist es nicht. Auch dies sollten die Kleriker langsam begreifen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Michael Braun

Michael Braun Auslandskorrespondent Italien

Promovierter Politologe, 1985-1995 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Unis Duisburg und Essen, seit 1996 als Journalist in Rom, seit 2000 taz-Korrespondent, daneben tätig für deutsche Rundfunkanstalten, das italienische Wochenmagazin „Internazionale“ und als Wissenschaftlicher Mitarbeiter für das Büro Rom der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Mehr zum Thema

1 Kommentar

 / 
  • N
    neuhaus

    unsinn. in italien wird die kirche dazu gebracht sinnvolles zu tun, kichensteuern für soziale zwecke.

    berlusconi hat doch den staatsanwalt nur unter dem deckmantel der kirchentreue angreifen wollen, das ist doch ziemlich belanglos bei einer total unabhängigen justiz in italien. wir deutschen haben diesen ziegenpapst zu verantworten, wir oberlehrer, die hitler nie ünerwunden haben.

     

    gruss