Kommentar Haiti: Neustart für ein kaputtes Land

Die internationale Gemeinschaft muss darüber nachdenken, ob man den verheerenden Status quo ante wiederherstellt oder ob man Haiti hilft, zumindest die Hauptstadt völlig neu aufzubauen.

Die Überlebenden des katastrophalen Bebens von Haiti fühlen sich im Stich gelassen. Für sie kommt die Hilfe viel zu langsam. Kein Wunder: Strom- und Telefonnetz liegen darnieder, die Straßen der Hauptstadt sind von Trümmern blockiert, die Krankenhäuser überfüllt. Die Grenze zur Dominikanischen Republik, dem einzigen Nachbarland, ist 48 Stunden nach den todbringenden Erdstößen noch geschlossen.

Doch die Hilfe ist bereits unterwegs. Die hochprofessionell operierenden Katastrophenhilfswerke sind darauf eingerichtet, selbst in einem Land, wo nichts mehr funktioniert, effizient zu helfen. Die meisten bringen Zelte und Nahrungsmittel für mehrere Wochen für die eigenen Teams mit. Ärzte ohne Grenzen wird ein aufblasbares Spital errichten. Das Rote Kreuz kann binnen weniger Stunden sauberes Trinkwasser herstellen. Die britische Organisation Map Action fertigt Karten der betroffenen Gebiete, die Orientierung bieten, wo zugepackt werden muss, und wie man dorthin gelangen kann. Das schwere Gerät zur Beseitigung der Betontrümmer ist mit einem US-Flugzeugträger unterwegs.

Hinter jeder Naturkatastrophe steckt auch menschliches Versagen. In Haiti sind es Generationen unfähiger und ausbeuterischer Regime: von den Franzosen, die ihre rebellische Kolonie verwüsteten, bis zum Weltwährungsfonds, der, sekundiert von den USA, den ohnehin schon schwachen Staat zwang, seine wenigen Einkommensquellen zu privatisieren. Dass da Bauvorschriften, so weit vorhanden, nicht eingehalten werden, darf nicht überraschen. Ein kaputtes Land ist jetzt noch kaputter. Das wäre ein Anlass für die internationale Gemeinschaft, darüber nachzudenken, ob man den verheerenden Status quo ante wiederherstellt oder ob man Haiti hilft, zumindest die Hauptstadt völlig neu aufzubauen und dem Land einen Neustart zu ermöglichen.

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Geboren in Wien, 1955, taz-Korrespondent für Österreich und Ungarn. Daneben freier Autor für Radio und Print. Im früheren Leben (1985-1996) taz-Korrespondent in Zentralamerika mit Einzugsgebiet von Mexiko über die Karibik bis Kolumbien und Peru. Nach Lateinamerika reist er noch immer regelmäßig. Vom Tsunami 2004 bis zum Ende des Bürgerkriegs war er auch immer wieder in Sri Lanka. Tutor für Nicaragua am Schulungszentrum der GIZ in Bad Honnef. Autor von Studien und Projektevaluierungen in Lateinamerika und Afrika. Gelernter Jurist und Absolvent der Diplomatischen Akademie in Wien.

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