Kommentar Grenzsturm: Gelungene Revolte der Palästinenser

Mit ihrem Grenzsturm haben die Palästinenser erfolgreich gegen das Gefängnis aufbegehrt, in das Israel sie gesteckt hat. Ein Weckruf für Ägypten und die EU.

"Mabruk" sagen Araber zu einer gelungenen Aktion. Glückwunsch. Der Ausbruch aus Gaza ist so eine Aktion. Eine Revolte gegen das Gefängnis, in das Israel die Palästinenser gesteckt hat. Ein Weckruf an die arabischen Potentaten, den UN-Sicherheitsrat und auch die Europäische Gemeinschaft.

Diese Abstimmung mit den Füßen macht zweierlei deutlich. Zum einen kann die israelische Blockade durchbrochen werden. Man muss sich ihr nicht bedingungs- und hilflos unterwerfen. Und man braucht dazu keine ineffektiven und sinnlosen Raketenangriffe. Nur ein bisschen Köpfchen und den Mut, das Unerwartete zu wagen.

Die Rebellion macht zum anderen klar, dass die islamistische Palästinenserorganisation Hamas nicht in der Lage ist, die 1,5 Millionen Palästinenser im Gazastreifen politisch angemessen zu vertreten. Dagegen spricht auch nicht, dass die Hamas den Durchbruch an der Grenze wohlwollend hat geschehen lassen. Sie hatte letztlich keine andere Möglichkeit, wollte sie nicht auf eine darbende Bevölkerung schießen lassen.

Auch Ägyptens Präsident Mubarak zeigte sich großzügig und erlaubte den Palästinensern "das Einkaufen" in seinem Staat. Was hätte er auch anderes tun sollen. Für ihn gilt dasselbe wie für alle arabischen Potentaten. Wenn sie nicht mehr weiterwissen, lassen sie es halt geschehen. Die Aktion hat die Herrscher von Riad über Kairo bis Damaskus bloßgestellt, vor allem die Potentaten am Golf. Sie scheffeln Milliarden an Ölgeldern und lassen ihre islamischen Brüder und Schwestern leiden. Aber auch UN-Sicherheitsrat und EU müssen sich Versagen vorwerfen lassen, weil sie die Augen verschlossen haben vor dem, was in Gaza geschieht. Wann werden sie alle der israelischen Regierung und den Islamisten der Hamas zu verstehen geben, dass Gewalt und Unterdrückung nichts dazu beitragen, eine Lösung des Konflikts auch nur auf den Weg zu bringen?

Die Botschaft dieses Coups ist: Lasst uns nicht allein in unserem Elend, setzt dem Kriegszustand ein Ende und ermöglicht den Palästinensern ein Leben, das den Ausbruch aus den eigenen Grenzen überflüssig macht. Die Aktion ist spektakulär genug, um der Botschaft Gehör zu verschaffen.

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61, ist Redakteur im Ausland und gelegentlich Chef vom Dienst. Er arbeitet seit 1995 bei der taz, für die er schon in den 80iger Jahren geschrieben hat. Derzeit ist er zuständig für die Europäische Union und Westeuropa. Vor seiner langjährigen Tätigkeit als Blattmacher und Titelredakteur war Georg Baltissen Korrespondent in Jerusalem. Noch heute arbeitet er deshalb als Reisebegleiter für die taz-Reisen in die Palästinensische Zivilgesellschaft. In den 90iger Jahren berichtete er zudem von den Demonstrationen der Zajedno-Opposition in Belgrad. Er gehörte zur ersten Gruppe von Journalisten, die nach dem Massaker von 1995 Srebrenica besuchte.

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