Kommentar Arbeitsschutz: Mein Job, mein Burn-out

Der Gesellschaftsdiskurs muss revitalisiert werden: über gute Jobs und echte Mitbestimmungsrechte der Beschäftigten. Die Gewerkschaften haben das lange vernachlässigt.

Der Boom ist da (aber die nächste Krise kündigt sich schon an), der Stress ist mehr geworden. Auf diese Formel lassen sich die Ergebnisse der Betriebsrätebefragung der IG Metall bringen. Während die Zahl der Menschen mit Burn-out-Syndrom in den letzten Jahren explodiert ist und die Weltgesundheitsorganisation warnt, beruflicher Stress sei die "größte Gefahr des 21. Jahrhunderts", hinken Analyse und Gegenmaßnahmen hinterher. In den Betrieben gibt es bis heute keine verbindlichen Mechanismen, um Frustration und Arbeitsverdichtung entgegenzusteuern.

Die Ursachen für psychische Erkrankungen sind vielfältig. Eine gewachsene gesellschaftliche Sensiblität lässt automatisch auch die Burn-out-Diagnosen ansteigen. Vor allem aber ist die Kapitulation von Körper und Seele immer mehr Beschäftigter ein Zeichen dafür, wie krank die Arbeit in einer globalisierten und auf immer mehr Wettbewerb, Restrukturierung, Schnelligkeit und Renditedruck getrimmten Ökonomie macht.

Dazu haben auch die Kommunikations-Revolution und die Verschiebung hin zur Dienstleistungsgesellschaft beigetragen: permanente Erreichbarkeit, höhere Ansprüche an die Kommunikationsfähigkeit, Projektziele statt fest umrissener Arbeitszeiten oder Personalabbau in den sozialen Diensten heben die Grenzen zwischen Job und Freizeit auf.

Neue Verordnungen für Unternehmen helfen nicht weiter. Der gesellschaftliche Diskurs muss revitalisiert werden: über gute Jobs und ihre Entschleunigung, über Arbeitszeitverkürzung, über echte Mitbestimmungsrechte der Beschäftigten. Für die Gewerkschaften eigentlich ein dankbares Feld; doch die haben den Kampf um die Qualität der Arbeit viel zu lange hintangestellt.

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Jahrgang 1976. Ist seit 2009 bei der taz und schreibt über Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik sowie die Gewerkschaften

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