Kommentar Adel: Die Feinheit, die wir meinen

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat uns gemeinem Volk etwas voraus: einen Titel. Über den Adel als gesellschaftlichen Hoffnungsträger.

In die Wiege gelegter Glamourfaktor? K.T.F.v.u.z.G. samt Ehefrau. Bild: dpa

Wenn Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg vor den Kundus-Untersuchungsausschuss tritt, dann tut er das mit Haltung. Und zwar mit der sicheren Haltung eines Mannes, der nicht nur wegen seiner Blaublütigkeit schon adelsverpflichtet zur Vaterlandsliebe ist - getroffene Fehlentscheidung hin oder her. Sondern auch mit der sicheren Haltung eines Aristokraten, der weiß, dass ihm nichts und niemand wirklich etwas anhaben kann, denn er ist und bleibt, selbst wenn er über die Kundus-Affäre stolpert, der Baron, oder Reichsfreiherr zu Guttenberg, der zurück in den Schoß einer Familientradition sinken kann.

Das verleiht ihm die viel beschriebene Lässigkeit, diese via Geburt verliehene elitäre Eloquenz und Unabhängigkeit, wie sie anlässlich seines 90. Geburtstags auch dem früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker (CDU) zugesprochen wird. Letzterer war und ist der beliebteste Bundespräsident der Deutschen und das CSU-Mitglied zu Guttenberg ist der derzeit beliebteste Politiker des Landes - das kann kein Zufall sein.

Die Sehnsucht nach der genetischen Überlegenheit des Adels macht sich an der Hoffnung bemerkbar, dass dieser sich nunmehr unterscheiden möge von der ehrgeizigen, dekadenten und unmoralischen Wirtschaftselite, von Polit- oder sonstiger Prominenz, die mehr oder weniger nur durch Zufall nichts tun muss, außer sie selbst zu sein -und das nicht mal besonders gut. Früher hätte eben diese Beschreibung dem Adel gegolten. Aber heute, in Zeiten der Desorientierung und Desillusionierung, wird ihm mittels der althergebrachten Erziehung Mut, Tapferkeit und Zurückhaltung zugesprochen, alte Werte, die eine Führungsfigur, wie man sie sich wünscht, ausmachen.

ist online-Redakteurin der taz.

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Wir blicken dankbar zu diesem begüterten Edelmann Guttenberg auf, der sich seinem Land und seinem Volk zuliebe, aus einem angeborenen Pflichtgefühl heraus an die Arbeit macht, die er gar nicht nötig hat - ohne Angst, sich Hände schmutzig zu machen. Und ohne Kompromisse. Diese beherzt zupackende Haltung dieses Adligen, für die er sich nun rechtfertigen muss und die so gar nichts mit der prolligen Pöbeligkeit eines Pinkelprinzen gemein hat, wird auch anlässlich des 200. Todestags der Königin Luise von Preußen abgefeiert: Als "Working Mom" wird sie auf einem Ausstellungsprospekt in Berlin bezeichnet und eine Veranstaltung heißt: "Vom Partygirl zur Supermama". Sie, Luise, eine von Hohenzollern - eine von uns? Aber nein. Weit gefehlt.

Wir können uns Anwesen im Umland anschaffen, Tanzschulen und Business Schools besuchen und noch so viel Geigen- und Klavierunterricht nehmen, Manierbestseller kaufen und unsere Kinder Heinrich, Friedrich, Constanze, Henriette oder Alexander nennen - Karl-Theodor zu Guttenberg ist der Adelstitel in die Wiege gelegt und damit das naturgegebene Vorrecht, zu führen, verliehen worden.

Wir schätzen zu Guttenberg ja eben weil er im Urlaub Platon im altgriechischen Original liest - und wir nicht. Junge Adlige gehen ohne sich zu schämen auf die Jagd und die Frauen bekommen mindestens vier Kinder und sehen danach immer noch und tagtäglich so aus als hätten sie keine. Das kann nicht jeder. Deshalb wird der Adel auch geschmäht - aber da steht er drüber. Das hat Glamour. Und die Sehnsucht nach Glamour, hey, die kennen wir doch.

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Jahrgang 1973. Hat nach einer Verlagsbuchhändlerausbildung und Stationen in Hamburg, München und New York Literaturwissenschaft, Publizistik und Kulturwissenschaften in Berlin studiert und bei der Netzeitung gearbeitet. Seit 2008 ist sie bei taz.de und hat 2013 die Leitung des Ressorts zusammen mit Frauke Böger übernommen. Sie schreibt über Medien-, Gesellschaft- und Kulturthemen. Im Mai 2012 erhielt sie den Emma-Journalistinnenpreis für ihre Reportage über die Berliner Macchiato-Mütter.

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