Kolumne Rote Erde: Verloren in Zeit und Raum

Mann oder Memme? Nach Einbruch der Dunkelheit kann es da für einen Ortsfremden in Johannesburg nur eine Antwort geben: Memme!

Die einen sagen: "Ach, das ist doch gleich da vorne. Einfach nur die Straße runter, ein paar hundert Meter." Die anderen warnen: "Da muss man ein Taxi nehmen." Es ist schon dunkel, und ich will vom Fanfest in der Stadtmitte zu einer Party - auch in der Stadtmitte, hat man mir gesagt.

Mann oder Memme? Nach Einbruch der Dunkelheit kann es da für einen Ortsfremden in Johannesburg nur eine Antwort geben: Memme! Ich rufe also ein Taxi, stelle mich in die Nähe eines Verkehrspolizisten an eine Straßenecke und warte. Der wird schon auf mich aufpassen, denke ich mir.

Nach einer halben Stunde überlege ich mir, ob ich nicht doch zum Mann werden sollte. Es sind doch nur ein paar hundert Meter. Ich gehe zurück auf das Fanfest, zeige ein paar Leuten den Zettel, auf dem ich mir aufgeschrieben habe, wo die Party stattfindet, und frage: "Ist das auch wirklich nicht weit?" Wie ich mit Entfernungseinschätzungen in Südafrika umzugehen habe, weiß ich noch nicht. Ein neues Zeitgefühl habe ich allerdings bereits.

Neulich habe ich auf einen Bus gewartet, und das sehr lange, und dabei immer lauter vor mich hingeschimpft. "Der kommt gleich", hat einer gesagt, der mit mir an der Haltestelle stand. Und als der Bus dann endlich da war, nach nur einer Stunde, hat der Mann mich stolz angelächelt: "Habe ich nicht gesagt, der kommt gleich?" Ich habe also gute Gründe, mich zu fragen, was das wohl heißen mag: "Gleich da vorne."

Nein, ich kann nicht allein dahin gehen. Ich hatte doch versprochen, auf mich aufzupassen. Ich frage einen jungen Mann, ob er mich dahin begleiten könne. Der Mann erzählt mir, dass er von einem Freund versetzt worden sei. Der habe ihn mit dem Auto mitnehmen wollen. Er wohne in Pretoria und arbeite in Johannesburg als Spüler in einem Wirtshaus. Und jetzt wisse er nicht, wie er heimkommen soll.

Er liefert mich an der gewünschten Adresse ab. Ich gebe ihm die verabredeten 50 Rand für den Begleitdienst. Was ich eigentlich da wolle, fragt er mich: "Das ist doch ein Ärztehaus." "Da ist heute eine Party im 19. Stock", sage ich ihm. Er schaut mich mit großen Augen an. Was er eigentlich jetzt machen wolle, frage ich ihn. "Jetzt habe ich ja 50 Rand", sagt er und verschwindet in dunklen Straßenschluchten. Ich schaue ihm mit großen Augen nach.

Kurz darauf stehe ich auf der Dachterrasse des Lister Medical Building und schaue über das nächtliche Johannesburg. In einem Partyraum legen die Berliner Brüder Teichmann auf. Ich werde über das Nachtleben in Berlin ausgefragt, von dem ich keine Ahnung habe, und suche mir jemanden, der sich mir mir über Bastian Schweinsteiger unterhalten will.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt treibt er wieder Sport.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de