Kolumne Press-Schlag: Dank Elektro-Akupunktur zur EM

Deutschland, Deine Torhüter: Hysterisch wird der Kampf um die EM-Plätze geführt, dabei ist doch längst (fast) alles klar.

Fußball ist Tagesgeschäft. Diese Wahrheit von Herbergerscher Dimension ist nicht immer hilfreich, aber sie trifft nun einmal zu. Ein Sieg und alles ist gut - bis zur nächsten Niederlage. Derzeit erlebt Deutschland nun eine recht bizarre Variante dieser Formel. Mit Jens Lehmann (FC Arsenal), Timo Hildebrand (FC Valencia), Robert Enke (Hannover 96) Manuel Neuer (Schalke 04), René Adler (Bayer Leverkusen), Frank Rost (HSV) und neuerdings auch wieder Tim Wiese (Werder Bremen) befinden sich sieben Torhüter in einem immer hysterischer werdenden Kampf um die drei Plätze in Joachim Löws EM-Kader. Ein aus dem Winkel gekratzter Freistoß, ein paar gehaltene Elfmeter, ein toller Abwurf als Torvorlage - und schwupp ist man in der engeren Auswahl. Ein willkommenes Thema in unserer Aufregungsgesellschaft.

Vor der WM 2006 ging es immerhin noch um die Frage, ob Oliver Kahn oder eben Lehmann Deutschlands Tor hüten wird. Die derzeit geführte Diskussion dreht sich nun um die Frage, wer als Ersatztorhüter mit in die Schweiz und nach Österreich reisen darf. Um Spieler also, die sehr wahrscheinlich keine einzige Minute spielen werden. Lohnt sich da ein solcher Hype?

Denn nach Stand der Dinge ist Jens Lehmann die Nummer eins, er machte beim FC Arsenal zuletzt mehr Spiele als erwartet, und nur weil er "gegen Österreich ein schwächeres Spiel gemacht hat, haben wir nicht gleich ein Torhüterproblem", sagte Bundestorwarttrainer Andreas Köpke dem Kicker. Es waren ja sogar nur ein paar schlechte Minuten, "diese hektische und polemische Diskussion, die jetzt geführt wird, ist doch Wahnsinn", findet Köpke deshalb. Aber fast alle machen mit.

Nach Wieses gehaltenen Strafstößen gegen Braga sagte Werder-Manager Klaus Allofs: "Tim muss auch ein Thema für die Nationalmannschaft sein." Und die Bild erklärt das Elfmetergeheimnis von "Tim Riese": Solch "einen Quatsch wie Lehmann mit dem Zettel" mache er nicht, wird Wiese zitiert. "Die Killer-Mentalität bei Strafstößen verdankt er Kurt Schweinberger. Der Bioenergetiker hilft mit Elektro-Akupunktur." Klingt wie Klinsmann, eignet sich also bestens.

Dabei ist die Angelegenheit in Wahrheit ziemlich einfach und recht unabhängig vom viel zitierten Tagesgeschäft. Lehmann wird im Tor stehen, wenn er eine einigermaßen passable EM-Vorbereitung spielt. Um die anderen beiden Plätze im Kader konkurrieren Enke, Hildebrand und Adler. Und da geht es weniger um aktuelle Leistungen als um die perspektivische Frage, wem von diesen Torhütern Köpke und Löw die Erfahrung einer EM-Teilnahme verschaffen wollen. Rost ist mit seinen 34 Jahren kein Perspektivspieler, Wiese und Löw können sich nicht riechen, und Neuer sucht seit Monaten nach seiner Form. Bleibt nur Renè Adler, dem Köpke "von allen Bundesligatorhütern die beste Saison" bescheinigt. Außer natürlich, Markus Miller vom KSC gelingen heute ein paar spektakuläre Paraden gegen die Leverkusener Stürmer. Dann werden die Karten wieder neu gemischt, zumindest in der virtuellen Diskussion der Zeitungen und Stammtische.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de