Kolumne Parallelgesellschaft: Pumpgun statt Fotos im leichten Gepäck

Wo nur mühsam Hassgesänge unterdrückt werden können - und alle trotzdem irgendwie lächeln: Klassentreffen.

Sie hatte zugesagt. Als die Mail von Ines kam, war doch klar, dass sie umgehend antworten würde: Ja, ich komm auch. Hätte das nicht auch blöde ausgesehen, wenn ausgerechnet sie, Steffi, die hässliche, aber patente Mitschülerin, sich verweigert hätte? 30 Jahre aus der Schule, das war doch sonnenklar, würde es ein Revival geben, Klassentreffen. Und das mit all diesen Idioten. Hätte ihre Mutter ihre Gedanken lesen können, wäre es um deren Glauben an das Gute, Wahre, Schöne allenthalben geschehen. Denn Steffi war auf keinen Fall das, was man eine Beauty nennen könnte. Ihre Mundpartie - zwei allzu stark verquollene Linien; ihre Nase eine Einladung zum Reinschlagen, wie Karin einmal im Sportunterricht sie anlästerte, eine Knolle, nur ein fleischlicher Klotz zwischen Wangen, Mund und Augenpartie.

Steffi, die Krankenschwester, schwor sich vieles. Dass sie diese Demütigungen eines Tages zurückzahlen würde. Der Kuh von Klassensprecherin, dieses Luder, der würde sie es schon zeigen. In ihrer Fantasie vor dem Einschlafen in der Nacht vor dem Klassentreffen konnte sie sich gegen die schlimmsten Einfälle kaum zur Wehr setzen. Kaum? Gar nicht. Spintisierte etwas von einem Kampfhund, der den Schlanken und Schönen an die Hälse gehen, deren Augenbrauen in Fetzen reißen und deren Hände zerschreddern würde. Die Schulzeit ein Vergnügen? Eine Ära, an die man sich gern erinnern würde? Denn sind wir nicht alle groß geworden, stehen wir nicht allmählich über all den Scharmützeln, denen man ausgeliefert war und die man selbst anstiftete? Nein, Steffi kann sich nichts schönreden. Dass ihr erster Liebster von Doreen ihr ausgespannt wurde, weshalb sollte sie Doreen nach 30 Jahren verziehen haben?

Postfeminismus? Steffi wachte vor Schreck auf, verschwitzt und hasserfüllt. Nein, Frauensoli, niemand soll ihr damit kommen. Wenn es einer Sorte Mensch nicht gut gehen sollte, dann der der Bescheidwisserinnen, die zugleich über ein beträchtliches Maß an körperlichem Kapital verfügten. An neuerliches Einschlafen war nun vorläufig nicht mehr zu denken. Auch die Lehrerin konnte ihr nicht zur Seite stehen; soll die doch das Blut aufwischen, das sie in grellen Rinnsalen zu fließen veranlassen würde. Nicht ihr Blut, nein, deren Blut! Sie will sehen, dass Doreen und Mia und Isa und Maria sich winden vor Angst; dass sie überhaupt einsehen, was sie ihr angetan haben - sie als "Fettschnecke" verhöhnt und als "Plumpssack", als "Opfer" gar und als "Henne", die nie einen Hahn auf sich würde aufmerksam machen können.

So einfach wäre es gewesen, das Klassentreffen abzusagen. Wohnte sie nicht inzwischen drei Stunden vom Ort des Schreckens entfernt? Ist nicht die Ausrede vom Nachtdienst, der sich nicht habe tauschen lassen, gut genug, um nicht abfällig als diplomatisch verhüllte Form des Kneifens behandelt zu werden?

Dankbar hätten sie ihr sein sollen: dass sie so oft auf Klassenreisen für die anderen die Kohlen aus dem Feuer holte; dass sie Schmiere stand vor der Tür, hinter der Dinge abliefen, die doch die Lehrerin untersagt hatte. Nein, sie redeten trotzdem mies über sie. Aber als sie bei Ines neulich fragte, ob es nicht realistisch sei, wenn sie, die patente, hilfsbereite Steffi, besser nicht komme, denn die Ordnung der Dinge werde doch die gleiche sein, oder?, antwortete Ines: Nein, man sei doch erwachsen und nehme sich nichts mehr krumm. Steffi würgte es unterhalb ihres Kinns - doch, sie nimmt noch übel. Am liebsten würde sie alle ummähen, die anderen erniedrigend, eine Racheschwester für alle, die wie sie irgendwie immer unangemessen wirkten oder so geziehen wurden.

Und doch würde sie hingehen; verzichten würde sie aber, kleine Rebellion, auf die Fotos von der Klassenreise nach Paris. Auf denen sah sie, wie sie litt unter den anderen. Sie würde lieber eine Pumpgun einpacken, als leichtes Handgepäck. Statt der Fotos dieses Instrument der Konfliktschlichtung aus der Tasche pulen, lächelnd es entsichern. Nie mehr ganz unten sein, lieber die Macht haben über andere. Sie schlief wohlgestimmt ein.

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